Bilanz der Opferberatungsstellen:Rechte Gewalt geht nur leicht zurück
Zwar ist die Zahl der Fälle rechter Gewalt in Deutschland leicht rückläufig, Opferberatungsstellen warnen jedoch vor einer Normalisierung dieser Vorfälle.
Die Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt haben im vergangenen Jahr in Deutschland 3.167 Angriffe verzeichnet. Ihre Zahlen unterscheiden sich deutlich von denen des Bundesinnenministeriums. Sie betreffen Bereiche wie Queerfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus oder politisch motivierte Kriminalität.
Quelle: dpaAngesichts einer weiterhin hohen Zahl an verübten Taten warnen Opferberatungsstellen vor einer Normalisierung rechter Gewalt. Der Verband der Beratungsstellen für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt erfasste nach eigenen Angaben für das vergangene Jahr 3.167 Angriffe. Im Vorjahr, dem Rekordjahr 2024, waren es noch rund 3.450 gewesen.
Dies bedeute zwar einen leichten Rückgang, dennoch bewegten sich die Zahlen weiter auf einem hohen Niveau, sagte Judith Porath, Vorstandsmitglied vom Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin.
Knapp 4.300 Opfer im Jahr 2025
Insgesamt seien 4.298 Menschen (2024: 4.861) Opfer der Gewalt geworden. Zudem hätten zwei Menschen infolge von rechten Tötungsdelikten ihr Leben verloren. Als häufigstes Delikt wurden einfache Körperverletzungen (1.168) verzeichnet. Hinzu kämen 610 gefährliche Körperverletzungen und 20 versuchte Tötungen sowie schwere Körperverletzungen. In 1.166 Fällen sei es zu Bedrohungen und Nötigungen gekommen.
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14.07.2026 | 12:16 minAls Tatmotiv überwiege weiterhin Rassismus. Über die Hälfte aller Angriffe (1.729) sei rassistisch motiviert gewesen. Cihan Sinanoglu, der am Dezim-Institut als Leiter der Geschäftsstelle Rassismusmonitor tätig ist, warnte vor den gesellschaftlichen Folgen: Viele Betroffene würden ihr Leben "längst unter der Frage, wo sie sich frei bewegen können" organisieren. Wenn sich Menschen aus öffentlichen Räumen zurückzögen, verändere dies "unsere Demokratie und unser Zusammenleben insgesamt".
Queerfeindliche Angriffe nehmen zu
Dahinter folgten in der Statistik Angriffe gegen politische Gegner (663). Diese seien um mehr als 100 Fälle angestiegen, ein "trauriger Rekordwert", sagte Porath. Darunter befanden sich 35 Angriffe gegen Journalisten sowie 72 auf Politiker. Ansonsten betroffen gewesen seien unter anderem Ehrenamtliche, Vereine, Jugendzentren und alternative Wohnprojekte.
Bedrohungen und Angriffe gehören für viele Betroffene inzwischen zum Alltag.
Judith Porath, Verbandsgeschäftsführerin
In 325 Fällen, knapp weniger als im Jahr 2024, seien die Taten aus Queerfeindlichkeit heraus entstanden. Kerstin Thost vom Verband Queere Vielfalt sagte, die Community sehe sich zunehmend queerfeindlichen Angriffen ausgesetzt. So habe es im Jahr 2025 zahlreiche Störaktionen und Gewalttaten im Umfeld von Christopher-Street-Day-Demonstrationen gegeben.
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04.01.2026 | 1:40 minDunkelfeld im Bereich Antisemitismus wird größer
In der Gesellschaft anhaltende queerfeindliche Einstellungen bezeichnete Thost als "Brückenideologie" zu rechter Gewalt. Gleichzeitig verlören viele Communitystrukturen ihre Finanzierung, beklagte Thost.
Zudem habe es 180 antisemitische Angriffe gegeben. Zwar seien die Zahlen im Vergleich zum Jahr 2024 (354) deutlich gesunken. Die Beratungsstellen führen dies jedoch auf ein gewachsenes Dunkelfeld zurück.
Die angespannte Lage in Nahost zeigt sich zunehmend auf deutschen Straßen. Neue Zahlen belegen: Antisemitische Vorfälle erreichten 2025 einen Höchststand – dreimal so viele wie vor Kriegsbeginn.
17.06.2026 | 2:00 minSystematik der Erfassung unterscheidet sich vom Ministerium
Das Bundesinnenministerium verzeichnete in seinem Jahresbericht der politisch motivierten Kriminalität 1.246 Fälle rechter Gewalt. Die Zahlen des Ministeriums und der Beratungsstellen sind nur bedingt vergleichbar. Porath erklärte, dass sich das Erfassungssystem der Beratungsstellen unterscheide. Diese nähmen auch Fälle auf, die nicht angezeigt würden. Zudem hätten Strafverfolgungsbehörden "nach wie vor Probleme beim Einordnen und Erkennen" von Fällen rechter Gewalt, argumentierte sie.
In Deutschland gab es im vergangenen Jahr weniger Straftaten als noch 2024. Laut polizeilicher Kriminalstatistik sank deren Zahl um 5,6 Prozent auf 5,5 Millionen.
20.04.2026 | 1:41 minDie unabhängigen Beratungsstellen starteten 2015 mit der Dokumentation in sieben Bundesländern, mittlerweile sind es 13. Bremen, Rheinland-Pfalz und das Saarland fehlen, im Jahr davor war auch Niedersachsen nicht dabei. Porath erklärt das mit der unterschiedlichen finanziellen Ausstattung der einzelnen Landesverbände, die mitunter aus Geldmangel auf derartige Statistiken verzichten müssten.
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