Fachkräftemangel in Deutschland:Was Prämien in der Pflegebranche bringen
Der Fachkräftemangel in der Pflege wächst. Um Personal zu binden, setzen viele Einrichtungen auf Übernahmeprämien - doch reicht das aus, um das Problem wirklich zu lösen?
Deutschlandweit fehlt es an Pflegekräften. Ob Prämien als Anreiz helfen - Experten sind skeptisch. (Symbolbild)
Quelle: dpaEinmalig 3.000 Euro. So viel bekommt eine neue Pflegekraft am Diakonieklinikum in Neunkirchen als Prämie, wenn sie dort in der Intensivstation zu arbeiten beginnt. Solche Übernahmeprämien werden immer häufiger von Unternehmen genutzt, um Fachkräfte anzulocken.
Auch in der Pflegebranche wird damit geworben - wie in Neunkirchen. Wenn ein Mitarbeiter des Klinikums eine neue Arbeitskraft anwirbt, bekommt auch er eine Prämie.
Deutschland braucht dringend mehr Pflegekräfte. Die Bundesregierung will den Pflegeberuf durch bessere Arbeitsbedingungen, mehr Kompetenzen und eine höhere Bezahlung aufwerten.
06.08.2025 | 1:34 minWarum Kliniken auf Prämien setzen
Aktuell fehlen der Klinik in Neunkirchen 40 Pflegekräfte. Bundesweit ist die Lage noch dramatischer. Anfang 2024 teilte das Statistische Bundesamt mit, dass infolge der Alterung der Gesellschaft in Deutschland bis 2049 voraussichtlich zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen werden.
Die Regionalgeschäftsführerin Andrea Massone begründet die Entscheidung, mit Prämien zu werben, vor allem mit dem Mangel an Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt.
Wir wollen keine Honorarkräfte einstellen. Diese sind sehr teuer und schwerer in das Team zu integrieren. Durch die Prämien haben unsere Mitarbeiter*innen Geld direkt in der Hand.
Andrea Massone, Klinikum Neunkirchen
Tatsächlich konnte die Klinik schon erste Erfolge verzeichnen. "Seit wir die Prämien anbieten, ist die Zahl der eingehenden Bewerbungen um 10 Prozent gestiegen", sagt Massone.
Am 1. August beginnt traditionell das Ausbildungsjahr. Viele Betriebe können ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen und überlegen sich neue Möglichkeiten, um für Azubis attraktiv zu sein.
01.08.2025 | 2:33 minPflege-Prämien von Experten in Frage gestellt
Die Gründe, warum Unternehmen zu diesem Mittel greifen, sind vielfältig, erklärt Michael Neugart, Professor für Public Economics und Economic Policy an der TU Darmstadt:
Bei Übernahmeprämien geht es darum, zu verhindern, dass ausgebildete Arbeitskräfte zur Konkurrenz abwandern.
Prof. Dr. Michael Neugart, TU Darmstadt
Auch bei Kliniken sei diese Praxis nicht unüblich. Die Übernahmeprämien würden in der Regel nicht sofort bezahlt, sondern erst nachdem man einige Monate für das Unternehmen gearbeitet habe.
Daraus entstehe vermutlich eine Art "Klebeeffekt": Wenn man schon in den Betrieb eingearbeitet sei, sei der Wechselwille nicht mehr so groß und ein Abwandern zur Konkurrenz weniger wahrscheinlich. Übernahmeprämien seien vor allem in den Branchen relevant, in denen Betriebe Schwierigkeiten hätten, Fachkräfte zu finden, sagt Neugart.
Es ist eine Zahl wie ein Paukenschlag: 3,5 Milliarden Euro soll das Defizit der Pflegeversicherung allein im kommenden Jahr betragen. Das deutsche Pflegesystem braucht dringend eine Reform.
07.07.2025 | 2:31 minAkademisierung der Pflege statt Geldgeschenke
Wie in der Pflege - aber auch dort glauben nicht alle, dass der Fachkräftemangel damit behoben werden kann. Peter Koch vom Vorstand des Bundesverbandes Pflegemanagement ist skeptisch: Die Arbeitskräfte, die auf dem Markt seien, würden so, wie an einem Verschiebebahnhof, von einem Arbeitgeber zum anderen geschoben. "Das befeuert einen Wettbewerb um Pflegekräfte", so Koch. Das eigentliche Problem sieht er an anderer Stelle:
Besonders in den nächsten Jahren gehen viele Pfleger*innen in Ruhestand. Eine Masse an neuen Pflegekräften wird ihnen nicht nachkommen.
Peter Koch, Vorstand Bundesverband Pflegemanagement
Er fordert, dass mehr in die Ausbildung von Pflegekräften investiert werde, dafür brauche es vor allem mehr Pflegepädagogen. Zudem sei Pflege im europäischen Ausland oft ein Studium, daher seien viele Kollegen aus dem Ausland nur schwer ins deutsche System zu integrieren. Auch in Deutschland müsse die Akademisierung als Ziel verfolgt werden.
In der Pflege herrscht Fachkräftemangel. Ein Seniorenheim im Münsterland nutzt nun KI, um die Abläufe zu erleichtern und das Personal zu entlasten.
16.08.2025 | 1:31 min"Es ist wichtig, der Pflege die Kompetenzen zuzusprechen, die sie hat", sagt Koch. Denn zwischen dem, was Pflegekräfte leisten könnten, und dem, was sie tatsächlich dürfen, herrsche momentan eine große Lücke.
Klinikleiterin: Pflegeberuf aufwerten
Auch Andrea Massone vom Klinikum in Neunkirchen wünscht sich eine Akademisierung der Pflege, denn:
Es steckt viel Verantwortung in diesem Beruf. Die zukünftigen Pflegekräfte müssen hervorragend ausgebildet sein.
Andrea Massone, Klinikum Neunkirchen
Denn sie seien es, die im täglichen Kontakt mit den Patienten sind und merken, "dass etwas nicht stimmt". Erst dann werde der Arzt hinzugezogen. Der Pflegeberuf solle so in der Gesellschaft aufgewertet und sichtbarer gemacht werden.
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