NSDAP-Mitgliedschaften:"Positiv, dass jetzt eine kollektive Suchbewegung einsetzt"
Historikerin Isabel Heinemann sieht in den digitalisierten NSDAP-Mitgliedsakten eine Chance zur Aufarbeitung von Familiengeschichten - warnt im ZDF aber vor Fehlinterpretationen.
Mehr als zehn Millionen Deutsche waren Mitglieder der NSDAP. Mithilfe von KI-Tools von ZEIT, SPIEGEL und SZ lassen sich die alten NSDAP-Akten durchsuchen. Die Nachfrage ist groß.
20.07.2026 | 2:46 minZDFheute: Die Zeit, der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung haben NSDAP-Akten mit Künstlicher Intelligenz aufbereitet. Jetzt kann jeder im Netz die Mitgliedsbestände durchsuchen. Die Medienhäuser geben keine offiziellen Zahlen bekannt, sprechen aber von millionenfachen Aufrufzahlen. Wie beurteilen Sie diese neue Recherche-Möglichkeit?
Isabel Heinemann: Es ist eine Demokratisierung von Wissen. Die einfache Zugänglichkeit erleichtert vielen Leuten, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen, das ist positiv. Gleichzeitig hätte man auch vorher schon über das Bundesarchiv Zugriff gehabt, was die Wenigsten genutzt haben.
Professor Isabel Heinemann ist Direktorin am Institut für Zeitgeschichte in München. Sie ist die Inhaberin des Lehrstuhls für Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität.
ZDFheute: Wo könnte es Probleme geben?
Heinemann: Die Kartei ist lückenhaft, da sind längst nicht alle NSDAP-Mitglieder aufgeführt, weil manche Akten verloren gegangen sind. Die Tools der Medienhäuser sind mit Künstlicher Intelligenz aufbereitet, das bedeutet, dass man auch mit Fehlern der KI rechnen muss. Manchmal werden Personen nicht richtig zugeordnet oder Dateien nicht richtig ausgelesen.
Diese Irrtümer muss man auch mit einbeziehen.
Und der Umgang mit neuen Informationen ist wichtig: Was heißt das dann, wenn ein Familienmitglied in der NSDAP war? Damit weiß ich ja noch nicht sicher, ob er oder sie Täter oder Täterin war oder aus welcher Motivation der Eintritt erfolgte.
"Ich kann erfahren, ob meine Angehörigen in der Partei waren", erklärte Isabel Heinemann bereits im ZDF-Morgenmagazin zum digitalisierten NSDAP-Archiv.
20.07.2026 | 6:48 minZDFheute: Was sagt es denn aus, wenn jemand in der NSDAP war?
Heinemann: In die NSDAP kam man nicht einfach so. Man musste einen Antrag stellen und händisch unterschreiben. Das heißt, es war ein Akt des Willens und des Tuns, um überhaupt aufgenommen zu werden. Zwischen Mai 1933 und 1937 gab es einen Aufnahmestopp. Es gibt eine Welle der ganz frühen Mitglieder, das waren wirklich hartgesottene Parteigenossen, überzeugte Nazis.
Dann gab es Menschen, die Anfang der 1930er noch vor dem Aufnahmestopp eintraten, weil sie sich vielleicht Vorteile, beispielsweise für ihre Karriere, verschaffen wollten. Es gab also unterschiedliche Gründe: Opportunismus, politische Überzeugung, der Wunsch, in diesem Staat tätig zu werden.
Wichtig ist, die Mitgliedschaft eines Familienmitglieds zu akzeptieren und nicht sofort mit Rechtfertigungen und Entlastungsargumentationen zu beginnen.
Die Geschichten, die wir erzählen können, wenn wir das aufrichtig tun, sind nicht einlinig, sind nicht klar. In den Familien tun sie oft weh, wenn man merkt, der liebe Opa war in der NSDAP oder in der SS. Das muss man dann aushalten.
Seit Kurzem kann man auch in einem US-Archiv online überprüfen, ob es in der Familie NSDAP-Mitglieder gab. Eine Hamburger Schulklasse hat sich im Geschichtsunterricht auf die Suche begeben.
13.06.2026 | 1:27 minZDFheute: Wie könnte die Recherche weitergehen, wenn man einen ersten Fund gemacht hat?
Heinemann: Die Fragen, die sich aufgrund eines NSDAP-Mitgliederkärtchens stellen, werden größer und größer. Daher rate ich dazu, weiter zu recherchieren nach Mitgliedschaften in der SS, anderen NS-Organisationen oder der Wehrmacht. Es gibt zugleich hochprominente SS-Mitglieder und nationalsozialistische Extremtäter, die nie in der NSDAP waren.
ZDFheute: Viele Deutsche glauben, ihre Vorfahren waren im Widerstand gegen Hitler und das Regime. Zu welchem Schluss kommt die Geschichtswissenschaft?
Heinemann: Vor etwa 20 Jahren gab es Forschungen, bei denen sich herausstellte, dass zwei Drittel der Befragten ihre Vorfahren entweder zu den Opfern oder zu den Widerständlern zuordnen. Diese Annahme ist falsch und bestenfalls sozialpsychologisch erklärbar.
Es gab damals etwa 80 Millionen Deutsche, aber weniger als ein Prozent, bei denen man eine widerstandsnahe Tätigkeit feststellen kann.
Viele teilten die Ideologie, also den Antisemitismus, den Rassismus, sie sahen Hitler als Integrationsfigur. Ein solches Regime hält sich nicht ohne die breite Unterstützung der Gesellschaft.
Das US-Nationalarchiv hat Millionen NSDAP-Mitgliedskarteien erstmals im Netz veröffentlicht. Recherchen zu einzelnen Personen können auch auf Antrag vom Bundesarchiv übernommen werden.
18.03.2026 | 0:52 minZDFheute: Müssen jetzt also viele Familiengeschichten umgeschrieben werden?
Heinemann: Zunächst einmal ist es gut, wenn Familiengeschichten überhaupt geschrieben werden.
Es ist positiv zu bewerten, dass jetzt eine kollektive Suchbewegung einsetzt. Dass vielleicht auch Dialog möglich wird, wo jahrzehntelang Schweigen geherrscht hat.
Mein Wunsch ist, dass die Leute nicht stehen bleiben. Wenn jetzt halb Deutschland recherchiert, auf Dachböden geht, nochmal nach Unterlagen sucht oder in Archive geht, Bücher liest, miteinander redet, dann ist das in meinen Augen für eine demokratische Gesellschaft sehr positiv zu bewerten.
Vor 81 Jahren befreiten sowjetische Soldaten die Gefangenen im KZ Auschwitz. Zum Jahrestag der Befreiung wurde mit mehreren Veranstaltungen an die Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus erinnert.
27.01.2026 | 2:07 minZDFheute: Es gibt Menschen, die fordern, einen Schlussstrich unter den Nationalsozialismus zu ziehen. Was entgegnen Sie solchen Leuten?
Heinemann: Dass das absurd ist. Dieses Land und diese Gesellschaft hat Verantwortung für nie dagewesene Menschheitsverbrechen: für den Holocaust, aber auch für die verbrecherische Vernichtungspolitik und Kriegsführung. Das gehört zur Grund-DNA unseres Staates und dieses Erbe müssen wir annehmen.
Der Nationalsozialismus gehört ganz massiv zur Geschichte unserer Demokratie.
Die Grundlagenforschung und gesellschaftliche Vermittlung hierzu sind Kernaufgaben unseres Hauses seit Gründung. Doch wir können - auch als Forschende - in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung und politischer Anfechtung von rechts gesichertes Wissen besser verfügbar machen. Daran arbeiten wir derzeit mit voller Kraft, bieten breit gefächerte digitale Angebote aus Forschung und Archiv und bauen eine neue Abteilung für Transfer und zeithistorische Politikberatung auf.
Das Interview führte Christoph Söller aus dem ZDF-Landesstudio Bayern.
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