10 Jahre Anne Frank Tag:Antisemitismus im Netz: "Super viel Hass verbreitet"
von Kathrin Haas
Hunderte Schulen beteiligen sich am Anne Frank Tag, dem Aktionstag gegen Antisemitismus. Wie gehen sie mit dem Thema um und was berichten Schüler? Ein Blick nach Berlin.
Mehr als 126.000 Schüler aus 843 Schulen beteiligen sich am Anne Frank Tag, einem Aktionstag gegen Antisemitismus. Das Motto zum zehnjährigen Bestehen: "Geschichte erzählen".
12.06.2026 | 0:38 minAm 12. Juni 1942 bekam die damals 13-jährige Anne Frank von ihren jüdischen Eltern ein Tagebuch zum Geburtstag geschenkt, das später weltberühmt wurde. Zur Erinnerung an eines der bekanntesten Opfer des Holocausts findet an diesem 12. Juni zum zehnten Mal der Anne Frank Tag statt.
Mehr als 126.000 Schulkinder an 843 Schulen beteiligen sich bundesweit an dem Schulaktionstag - so viele wie nie zuvor. "Wir denken, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Anmelderekord und den aktuellen Herausforderungen: den sehr hohen Zahlen von Antisemitismus, aber auch den Bedrohungen durch Rechtsextremismus", sagt Veronika Nahm, Direktorin am Anne Frank Zentrum Berlin.
Ihr Tagebuch ist weltberühmt und gehört zu den eindringlichsten Dokumenten jüdischer Schicksale während der Nazi-Zeit. Es wurde in über 70 Sprachen übersetzt.
12.06.2026 | 1:38 minAnne Frank nahe kommen
Mit dem Aktionstag will das Anne Frank Zentrum an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern und Schüler*innen für Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung sensibilisieren. Weil zu Anne Frank ungewöhnlich viele Quellen erhalten seien, eigne sich ihre Geschichte dafür besonders, so Nahm:
Wenn wir uns die Geschichte anschauen, können wir dieser Person, Anne Frank, sehr nahe kommen und gleichzeitig beim biografischen Lernen das Historische, also die allgemeine Geschichte und die Auswirkungen auf diese Biografie sehr genau untersuchen.
Veronika Nahm, Direktorin Anne Frank Zentrum Berlin
Der gemeinnützige Verein stellt Schulen für den Anne Frank Tag kostenlose Lernmaterialien bereit.
Unbekannte zerstörten in der Nacht die Fensterscheiben eines israelischen Lokals in München und warfen Feuerwerkskörper hinein. Der Sachschaden wird auf mehrere Tausend Euro geschätzt.
10.04.2026 | 0:48 minInitiative an Berliner Schule
Die May-Ayim-Schule in Berlin-Lichtenberg nimmt auf Initiative der Ethiklehrerin Kucharski zum dritten Mal am Anne Frank Tag teil. Kucharski berichtet, in den meisten ihrer Klassen seien Schüler*innen, "die sich sehr rechts bewegen". Das erkenne man unter anderem daran, wie sich die Kinder gegenseitig ärgern und welche Wörter sie benutzen, sagt Salome Ghanzafari, die auch an der May-Ayim-Schule unterrichtet.
Oft seien rassistische Aussagen der Jugendlichen als Witz verpackt. Der Anne Frank Tag biete eine gute Gelegenheit, um diskriminierendes Verhalten im Unterricht zu thematisieren.
Diese Parolen, die sie von zu Hause, aus dem Internet, mitnehmen, die packen wir auf den Tisch, besprechen die und versuchen dahingehend, die Schüler*innen in ihrer demokratischen Bildung zu unterstützen.
Frau Kucharski, Lehrerin der May-Ayim-Schule
Haben die deutschen Hochschulen ein Problem mit Antisemitismus? Seit den Kriegen in Gaza und Iran wird Antisemitismus an Unis sichtbarer. Viele jüdische Studierende fühlen sich nicht mehr sicher.
31.03.2026 | 2:44 minHass im Feed
Antisemitismus und Rassismus begegnen der Zehntklässlerin Eve Bogula vor allem in sozialen Medien. Die Schülerin berichtet:
Ich sehe Videos, die Antisemitismus, also Hass gegen Juden, verbreiten oder sich über Leute lustig machen, die anders sind als andere, anders aussehen, eine andere Hautfarbe haben. Es wird sich über deren Berufe lustig gemacht.
Eve Bogula, Schülerin
Sie schätzt, dass jedes zehnte Video auf ihrer For-You-Page bei Instagram diskriminierende Inhalte enthält. "Ich kann sie so oft melden und sperren, wie ich will, aber sie kommen immer wieder und deswegen finde ich, sollten mehr Menschen dagegen vorgehen oder mehr Leute über sowas Bescheid wissen", findet Eve Bogula.
Jüdische Gemeinden in Deutschland fühlen sich weiter unsicher. Das zeigt eine Umfrage des Zentralrats der Juden. Antisemitische Vorfälle gegen Gemeinden nehmen zu, etwa in Form von Drohanrufen.
01.05.2026 | 0:48 minSchülerin: Antisemitismus und Diskriminierung auf TikTok
Auch ihre Schulkameradin kennt solche Inhalte. "Dann guckt man so in die Kommentare und dann stehen da Sachen wie 270.000, also quasi diese Theorie, dass damals gar nicht so viele jüdische Menschen gestorben sind und dann wird da halt super viel Hass verbreitet", erzählt Hanni Trostorff, deren jüdischer Urgroßvater das Konzentrationslager Buchenwald überlebte.
"Wenn Menschen sich mit dem Thema nicht auskennen und Alltagsantisemitismus oder Diskriminierung auf TikTok sehen und halt so in dieser Bubble sind und sich darin wohlfühlen, weil sie Zuspruch und Unterstützung bekommen, dann, denke ich, ist unsere Zukunft gefährdet", so die Zehntklässlerin.
Daher sei wichtig, dass möglichst viele Menschen informiert sind - etwa über die Geschichte von Anne Frank.
Am 12. Juni wäre Anne Frank, die sich mehr als zwei Jahre vor den Nazis in einem Hinterhaus in Amsterdam verstecken musste, 97 Jahre alt geworden. Doch es kam anders: Das Versteck wurde entdeckt, die acht untergetauchten jüdischen Menschen in Konzentrationslager deportiert. Anne Frank starb im Februar 1945 mit 15 Jahren an den Folgen ihrer Lagerhaft in Bergen-Belsen, genau wie ihre Schwester Margot. Ihre Mutter Edith starb in Auschwitz. Einzig Annes Vater Otto Frank überlebte und veröffentlichte 1947 das Tagebuch seiner Tochter Anne.
Kathrin Haas ist Reporterin im ZDF-Landesstudio in Berlin.
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