NSDAP-Karteien vollständig digitalisiert:Waren Oma und Opa Nazis? Wie man zur eigenen Familie forscht
von Tobias Bluhm
Millionen NSDAP-Karteikarten stehen kostenlos zur Verfügung - online in den USA und beim Bundesarchiv. Worauf man bei der Recherche der eigenen Familiengeschichte achten sollte.
Mehr als zehn Millionen Deutsche waren Mitglieder der NSDAP. Mithilfe von KI-Tools von ZEIT, SPIEGEL und SZ lassen sich die alten NSDAP-Akten durchsuchen. Die Nachfrage ist groß.
20.07.2026 | 2:46 min82 Jahre ist es her, da wäre die politische Laufbahn Adolf Hitlers beinahe vorzeitig beendet worden. Mit einer Bombe im "Führerquartier" plante eine Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944, den Diktator zu töten - doch das Attentat scheiterte. Der Zweite Weltkrieg dauerte fast ein vollständiges weiteres Jahr an, Hunderttausende Menschen wurden in dieser Zeit ermordet.
An die Verschwörer um Stauffenberg erinnert am Montag ein Gedenktag. Sie handelten gegen ein System, dem zu diesem Zeitpunkt schätzungsweise 8,5 bis neun Millionen Menschen als NSDAP-Mitglieder angehörten. Viele ihrer heute lebenden Nachfahren wissen von diesen Verstrickungen nichts.
Dabei lässt sich die eigene Familiengeschichte heute rekonstruieren. Viele Akten, darunter auch die NSDAP-Mitgliedskartei, sind öffentlich einsehbar.
"Ich kann erfahren, ob meine Angehörigen in der Partei waren", sagt Prof. Isabel Heinemann, Direktorin Institut für Zeitgeschichte, zum digitalisierten NSDAP-Archiv. "Ein Gewinn“ der Erinnerungskultur.
20.07.2026 | 6:48 min12,7 Millionen Digital-Karteien beim Bundesarchiv
Die erste Anlaufstelle für die Recherche zu Akten aus der NS-Zeit ist in Deutschland das Bundesarchiv. In Berlin-Lichterfelde liegen mehr als 12,7 Millionen Karteikarten aus dieser Ära. Dazu gehören sowohl die Zentralkartei als auch die sogenannten Gaukarteien, in denen die Mitglieder nach Parteibezirk und Wohnort sortiert wurden.
Ein Teil der Dokumente wurde in den Kriegsjahren zerstört - aber das Bundesarchiv hat Zugriff auf alle noch erhaltenen Karteien.
Elmar Kramer, Bundesarchiv
Die Recherche übernehmen dort erfahrene Archivare: "Anträge nehmen wir schriftlich und per E-Mail an, mindestens benötigt werden der Name, Vorname und das Geburtsdatum der betreffenden Person", erklärt Elmar Kramer vom Bundesarchiv gegenüber ZDFheute. Je mehr weitere Informationen vorliegen, desto leichter fällt die Recherche.
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21.01.2026 | 33:16 minAuskunfts-Schutzfristen in Deutschland
Vor zwei Jahren wurden alle Karteien im Bundesarchiv digitalisiert - allerdings sind sie noch nicht vollständig öffentlich zugänglich. "Das liegt an gesetzlichen Schutzfristen", so Kramer, "die bei NS-Recherchen 100 Jahre nach der Geburt oder zehn Jahre nach dem Tod einer Person liegen."
Erst nach Ablauf der Fristen dürften alle Informationen der Akten veröffentlicht werden.
NS-Aktenbestände beim Bundesarchiv:
- ca. 12,7 Mio. Karteikarten der Zentralen NSDAP-Mitgliederkartei
- ca. 1,3 Mio. Parteikorrespondenzen
- ca. 240.000 Personenakten des Rasse- und Siedlungshauptamtes-SS
- ca. 350.000 Personalunterlagen von SS-Angehörigen
- ca. 550.000 Personalunterlagen von SA-Angehörigen
- Personalunterlagen von Umsiedlern (Einwandererzentralstelle Litzmannstadt)
- Personenakten der Reichskulturkammer
Dokumente wie dieses bringen Archivrecherchen hervor: Auf der Karteikarte der NSDAP sind mehrere Umzüge der Person vermerkt.
Quelle: National Archives, Washington D.C.NSDAP-Akten im US-Nationalarchiv einsehbar
Etwas weniger genau mit den Schutzrechten nimmt es offenbar das US-amerikanische Nationalarchiv. Auch dort kann man auf NSDAP-Karteien zugreifen - auch jene, die in Deutschland noch nicht öffentlich sind.
Dass auch die USA Zugriff auf die Dokumente haben, liegt daran, dass sie in den 1990er-Jahren alle Karteien auf Mikrofilm abfotografierten, ehe die Dokumente in den Besitz des Bundesarchivs übergingen. Seit Ende Februar steht der Datensatz kostenlos online zur Verfügung - allerdings ist die Navigation nicht ganz selbsterklärend.
- Mit der Suchmaske wird der gesamte Mikrofilm durchsucht. Es empfiehlt sich also, nach dem Muster "NACHNAME, VORNAME" zu recherchieren - in dieser Reihenfolge sind die Namen auch in den Karteien vermerkt.
- Für eine genaue Filterung hilft es unter Umständen, den Namen in Anführungszeichen zu setzen. Auch nach Wohnorten, Adressen oder Geburtsdaten (Format: TT.MM.JJ) kann gesucht werden.
- Die Suchergebnisse sind sortiert nach Zentralkartei (MFKL) und Ortsgruppen-/Gaukartei (MFOK).
- Das Kürzel, zum Beispiel "Number D0105", hilft bei der Orientierung zu allen Nachnamen in der jeweiligen Datei - in diesem Beispiel ist es das 105. Bild auf dem Filmstreifen der mit D beginnenden Nachnamen.
- Per Direktklick auf ein Suchergebnis gelangen Sie zum entsprechenden Mikrofilm. Es öffnet sich eine neue Seite, an deren rechten Rand die Bilderserie als Miniaturen angezeigt werden.
- Grün hinterlegte Miniaturen enthalten Ihren Suchbegriff.
- Klicken Sie auf die Miniaturen, um das Foto groß angezeigt zu bekommen.
- Prüfen Sie unbedingt auch manuell die Bilder vor, nach oder zwischen den grünen Miniaturen: Häufig ist die Texterkennung ungenau.
Bundesarchiv: 75.000 NS-Anfragen pro Jahr
Um zu klären, welche Rolle die eigenen (Ur-)Großeltern im Dritten Reich spielten, ist also nach wie vor einige Mühe und Fleißarbeit nötig. Das US-Archiv kann einen guten Ausgangspunkt bieten - doch für Informationen zu Mitgliedschaften in SA oder SS bietet sich weiterhin allein das Bundesarchiv an.
"Wir bekommen mehr als 75.000 Anfragen pro Jahr zu den Bereichen Nationalsozialismus, Wehrmacht, NSDAP und anderen", sagt auch Bundesarchiv-Experte Kramer. Welche Erkenntnisse die Archive liefern, hängt dabei von jedem Einzelfall ab - und von der ganz persönlichen Einordnung der hinterbliebenen Familien.
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