"Lanz"-Debatte zur politischen Stimmung:Verdruss und Entfremdung: Welche Signale der Osten sendet
von Felix Rappsilber
Autorin Jana Hensel warnt bei "Lanz", Ostdeutsche hätten erfahren, Politik nicht beeinflussen zu können. CDU-Politiker Sepp Müller will mehr ostdeutsche Interessen in Berlin.
Sehen Sie hier die Sendung "Markus Lanz" vom 12. Februar 2026 in voller Länge.
12.02.2026 | 74:35 min"Das Ende der Demokratie in Ostdeutschland wird kommen. Vielleicht ist es schon da." - Autorin Jana Hensel warnte am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" vor der politischen Stimmung in Ostdeutschland.
Nach der letzten Bundestagswahl könne man nicht mehr sagen, dass die AfD nur in strukturschwachen und ländlichen Räumen erfolgreich sei:
Sondern wir sehen eigentlich: Die alte Karte der DDR tritt wieder hervor. Die AfD hatte so gut wie alle Wahlkreise für sich gewonnen.
Jana Hensel, Autorin
Weiter sagt sie: "Ich nehme im Osten einen extremen Verdruss wahr - an den Institutionen, an den Parteien, auch an den Medien - und eine starke Entfremdung."
Vor 35 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt. Doch der Verdruss nimmt zu - vor allem im Osten. Wie blicken die Menschen heute auf ihre Heimat, ihr Leben und das "System" Bundesrepublik?
30.09.2025 | 43:55 minHensel: Ostdeutsche liefen mit ihrem Protest von links nach rechts
Dieser Verdruss habe eine "andere Dimension und nicht mehr nur mit politischen Programmen zu tun". Teile der ostdeutschen Gesellschaft hätten ihren Protest "sehr lange nach links getragen":
Bis 2013 wählen die Ostdeutschen bei jeder Bundestagswahl zehn Prozent mehr linke Parteien als Westdeutschland.
Jana Hensel, Autorin
Teile der ostdeutschen Gesellschaft hätten die "entscheidende Erfahrung" gemacht, Politik "nicht verändern oder überhaupt beeinflussen zu können". Deswegen, so Hensel, seien sie nach rechts gelaufen. Sie kritisierte die Nachwendeerzählung:
"'Die Wiedervereinigung ist eine Erfolgsgeschichte' - das ist zynisch." Der Osten sei noch immer eine "andere gesellschaftliche Formation" - "nicht arm, aber signifikant ärmer, nicht prekär, aber signifikant prekärer".
Ab dem 1. Januar 2026 steigt der Mindestlohn in Deutschland auf 13,90 Euro pro Stunde. Davon profitieren vor allem Frauen und Menschen in Ostdeutschland, weil sie häufiger niedrig bezahlt werden.
30.12.2025 | 1:57 minCDU-Politiker Müller: Berliner Diskussionen treffen nicht den ostdeutschen Nerv
Sepp Müller, Vorsitzender der CDU-Landesgruppe Sachsen-Anhalt, widersprach: "Die Demokratie ist nicht verloren." Er appellierte:
Wir müssen einfach darum kämpfen, mit den Menschen gemeinsam nach Antworten zu suchen, die nicht einfach sind, die schwierig sind (...), aber wir müssen auch meiner Heimat eine Stimme in Berlin geben.
Sepp Müller, CDU
Diskussionen, die im politischen Berlin geführt würden, träfen nicht den "Nerv der Menschen, die mitten im Leben in Ostdeutschland stehen": "Ich komme mit dem ICE in Wittenberg an und dann fragen mich die Menschen, die mich kennen: 'Was macht ihr da (...)?'"
Die AfD ziele bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt auf eine Alleinregierung, sagt Politologe von Lucke. Das wäre der finale Durchbruch der AfD, aber auch eine "enorme Hypothek" für das Land.
28.01.2026 | 12:04 minNicht identifiziert fühlen, nicht gehört, nicht wahrgenommen?
Beispielsweise habe das von der Ampel-Regierung beschlossene Öl-Embargo gegen Russland "nur eine einzige Raffinerie" betroffen: die PCK Schwedt in Brandenburg. Der CDU-Politiker betonte:
Die Menschen vor Ort (...) haben einfach die Nase voll, weil man das Gefühl hat: Dort wird ein Landstrich von der Karte genommen, weil wir nicht ausreichend politische Kraft haben, um unsere Interessen in Berlin umzusetzen.
Sepp Müller, CDU
Zudem sei es ein "fataler Fehler", den gesellschaftlich akzeptierten Kompromiss zum Braunkohleausstieg 2038 in Frage zu stellen und "idealerweise 2030" daraus zu machen, wie im schwarz-roten Koalitionsvertrag festgehalten.
Arbeitgeber und Gewerkschaften aus der Chemie-Industrie haben sich nahe Leipzig getroffen. Sie übergaben der Bundesregierung Forderungen für verlässliche Rahmenbedingungen.
15.12.2025 | 0:27 minMüller warb dafür, ostdeutsche Interessen anzuhören: "Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen in meiner Heimat [auf Migration] mehrheitlich einen anderen Blick haben."
Er warnte: "Wenn man sich nicht identifiziert fühlt, wenn man sich nicht gehört fühlt und vor allem nicht wahrgenommen fühlt, (...) dann gibt es irgendeine Partei, die auf eine schwierige Frage eine einfache Antwort gibt. Und das regt mich auf."
"Wir schaffen das!" - Vor zehn Jahren sprach Kanzlerin Merkel ihren wohl berühmtesten Satz. Seitdem hat sich die Migrationspolitik stark verändert und auch die deutsche Parteienlandschaft.
22.08.2025 | 3:04 minEx-SPD-Generalsekretär Kühnert: Traditionelle Parteien werden als "eine Soße" betrachtet
Ex-SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert blickte auf seine Erfahrungen in Ostdeutschland zurück: "Die traditionellen Parteien, die eben auch die westdeutsche Politik mitgeprägt haben, [werden] als eine Soße - ob zu Recht oder zu Unrecht - betrachtet."
Der Blick gehe nicht mehr von Rot, Gelb, Grün zu Schwarz, sondern es werde sofort unterstellt: "'Die machen doch genau den gleichen Mist auch und es braucht etwas anderes.'"
Im Januar hat CDU-Chef Friedrich Merz auf das Thema Migration gesetzt. Vor der Wahl brachte er einen Antrag mit Stimmen der AfD durchs Parlament. Eine Studie zeigt: Das war keine gute Idee.
04.12.2025 | 0:46 minDabei gehe es nicht um ein "anderes Konzept in der Sachpolitik". Vielmehr werde der AfD ein disruptives, zerstörerisches Potenzial zugeschrieben, "nach dem viele irgendwann begonnen haben, zu suchen".
Den ostdeutschen Unterstützern der AfD sei "gar nicht mehr so wichtig, was anderes kommt, sondern dass etwas sehr anderes kommt, auch ästhetisch etwas anderes, mit einer anderen Sprache, mit einem anderen Auftritt".
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