Debatte um Krankheitstage:Lauterbach: "Merz weiß es nicht besser"
von Felix Rappsilber
Karl Lauterbach unterstellt der CDU ein falsches "Bild vom Bürger". Antje Höhning hält dagegen: Die "Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vom ersten Tag" sei ein "Fehlanreiz".
Sehen Sie hier die Sendung "Markus Lanz" vom 29. Januar 2026 in voller Länge.
29.01.2026 | 74:27 minEx-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach stellte sich am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" gegen den Bundeskanzler: "'Ihr seid faule Säcke und wir glauben euch nicht, dass ihr krank seid. Die Blaumacherei muss aufhören.' Dieses Bild vom Bürger ist erstens falsch und zum Zweiten ist es auch tödlich für die Akzeptanz unserer Sozialsysteme."
Friedrich Merz hatte eine Debatte über den Krankenstand angestoßen: "Wir haben in Deutschland [pro Jahr 14,5 Krankheitstage] im Durchschnitt der Beschäftigten. (...) Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?"
Die Beschäftigten kämen im Schnitt auf fast drei Wochen Fehltage durch Krankheit, so Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Wahlkampfveranstaltung. "Ist das wirklich richtig?", fragte er.
17.01.2026 | 0:56 minLauterbach verteidigte die Arbeitnehmer. Die Zunahme der Krankheitstage sei zu erwarten gewesen, weil der Arbeitsmarkt "viel größer" geworden sei:
Viele Menschen, die früher gar nicht gearbeitet haben, die eigentlich schon älter sind oder kränker sind, die haben wir jetzt in den Arbeitsmarkt integriert. (...) Die fallen natürlich ab und zu aus.
Karl Lauterbach, Ex-Bundesgesundheitsminister
Warum kritisiert der Bundeskanzler den Krankenstand dann dermaßen? "Weil er es einfach schlicht nicht besser weiß", so Lauterbachs Vermutung.
Kanzler Merz kritisiert die telefonische Krankschreibung als möglichen Grund für den hohen Krankenstand. Gewerkschaften warnen jedoch vor Fehlschlüssen.
20.01.2026 | 2:15 minLohnfortzahlung vom ersten Tag an - ein Fehlanreiz?
Antje Höhning, Leiterin der Wirtschaftsredaktion der "Rheinischen Post", widersprach entschieden. Deutschland habe eine auf 40 Prozent angestiegene Teilzeitquote, "mit dem höchsten Krankenstand in Europa" und eine "sehr hohe Belastung an Sozialabgaben":
Da sagen die Unternehmen - und das sagen sie eben auch dem Kanzler: 'Das können wir nicht mehr tragen.' Alleine für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall haben die im vorletzten Jahr 82 Milliarden Euro ausgegeben.
Antje Höhning, Leiterin der Wirtschaftsredaktion der "Rheinischen Post"
In anderen europäischen Ländern falle der jährliche Krankenstand pro Arbeitnehmer niedriger aus. Ein "Fehlanreiz" sei womöglich die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vom ersten Tag an: "Muss das immer sein oder kann man - wie Handwerksbetriebe, die nun überhaupt nicht weg sind von der Realität - fordern: 'Lasst uns doch den ersten Tag vielleicht eingeschränkte Lohnfortzahlungen machen, damit die Leute nicht so einen Anreiz haben, schnell auszusteigen'?"
Mehr als 14 Krankentage sammelt der Durchschnittsbeschäftigte im Jahr. Kanzler Merz begründet das auch mit der telefonischen Krankschreibung. Krankenkassen weisen das zurück.
17.01.2026 | 1:30 minDeutschland - niedrigste Lebenserwartung in Westeuropa
Lauterbach erklärte die zunehmenden Krankheitstage mit der Einführung der elektronischen Krankschreibung: "Vorher sind diese Tage nicht erfasst worden. (...) Jetzt sieht es nach mehr aus. Das ist der größte Teil des Anstiegs."
Der große Unterschied in der Anzahl der Krankheitstage sei der Tatsache geschuldet, dass "ältere Menschen ab 55, 60 in Deutschland im Durchschnitt deutlich kränker sind" als in Schweden, Dänemark und Frankreich.
Deutschland hat daher die niedrigste Lebenserwartung in ganz Westeuropa. Kein Land - Schweden, Finnland, Frankreich, Dänemark (...) - hat eine Lebenserwartung so niedrig wie bei uns.
Karl Lauterbach, Ex-Bundesgesundheitsminister
Menschen im Arbeitsprozess "sterben bei uns deutlich früher, sind früher chronisch krank". Lauterbach betonte: "Wo wir bei der Vorbeugung versagen, da sind wir der Ausreißer."
Er wandte sich an Höhning: "Leute, die dann über viele Wochen krank sind, (...) sind keine Simulanten, sondern die beweisen Ihnen wenige Jahre später, wie krank Sie waren, weil die in Deutschland so früh sterben."
In den Niederlanden sollen kranke Mitarbeitende schnell wiedereingegliedert werden, weil Firmen den Lohn bis zu zwei Jahre weiterzahlen - nicht die Krankenkasse. Dafür gibt es Hilfe.
28.03.2025 | 2:01 minLauterbach: Können von Schweden lernen
Höhning entgegnete: "Niemand möchte, dass Menschen, die ernsthaft krank sind, nicht krank sein dürfen. Die Krankheitstage werden getrieben von Atemwegserkrankungen, psychischen Erkrankungen und Muskel- und Skeletterkrankungen." Es gehe nicht darum, Leute zu stigmatisieren. Wer krank sei, gehöre ins Bett und nicht zur Arbeit.
Nur im Vergleich mit anderen Ländern stehen wir einfach schlecht da und belasten unsere Wirtschaft zu stark.
Antje Höhning, Leiterin der Wirtschaftsredaktion der "Rheinischen Post"
"Stress ist ein Ressourcendefizit. Es sind Belastungen im Alltag und ich habe nicht die notwendigen Ressourcen dem etwas entgegenzusetzen", so Prof. Judith Mangelsdorf, DGPP, zum TK-Stressreport 2025.
26.11.2025 | 7:43 minIn Deutschland gebe es viel mehr Krankheitstage durch psychische Erkrankungen als durch Atemwegserkrankungen, erklärte Lauterbach. In Schweden gebe es schon seit vielen Jahren ein Programm, "wo beginnende psychische Erkrankungen in den Betrieben aufgefangen werden, indem die Menschen dort eine Unterstützung bekommen".
Lauterbach schlug vor: "Wenn wir von Schweden lernen wollen (...), dann müssen wir bei der Vorbeugung lernen."
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