"Lanz"-Runde zum Koalitionsausschuss:Ampel reloaded? Streit zwischen Reiche und Klingbeil
von Felix Rappsilber
Ex-Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt (SPD) hinterfragt Jens Spahns Absage an Steuererhöhungen. Kerstin Münstermann kritisiert Sticheleien innerhalb der schwarz-roten Koalition.
Sehen Sie hier die Sendung "Markus Lanz" vom 16. April 2026 in voller Länge.
16.04.2026 | 74:14 minAm vergangenen Wochenende hatten die Spitzen der Koalition über gestiegene Energiepreise und anstehende Reformen beraten. Es war Unions-Fraktionschef Jens Spahn, der sich im Koalitionsausschuss gegen Steuererhöhungen positioniert hatte, um diese Vorhaben zu finanzieren.
Schmidt hinterfragt Spahns Nein zu Steuererhöhungen
Ex-Bundeskanzleramtschef Wolfgang Schmidt vermutete dahinter politisches Kalkül. Er sagte am Donnerstagabend bei "Markus Lanz": "Es wäre für Jens Spahn jetzt etwas unpässlich, in der Fraktion als jemand da zu stehen, der in einem Koalitionsausschuss über Steuererhöhungen mitbestimmt hat."
Timing ist in der Politik immer alles.
Wolfgang Schmidt, Ex-Bundeskanzleramtschef
Bestimmte Vorschläge würden zu "bestimmten Zeitpunkten gehen und zu anderen eben nicht". Für Jens Spahn sei der Zeitpunkt brisant. Denn, so Schmidt: "In ein paar (...) Wochen ist die Fraktionsvorsitzenden-Wahl in der CDU, Anfang Mai."
Unionsfraktionschef Spahn fordert den Wiedereinstieg in die Atomkraft. Der Kanzler bezeichnete den Ausstieg als "irreversibel". Die letzten Kernkraftwerke wurden 2023 in Deutschland abgeschaltet.
16.04.2026 | 0:23 minDer SPD-Politiker sah Spahns Haltung skeptisch: "Wenn man sagt, ich will in der Mitte entlasten (...), dann muss ich das Geld irgendwoher nehmen." Mit einem Schmunzeln kommentierte Schmidt die Konflikte innerhalb der schwarz-roten Koalition:
Wahrscheinlich denkt jede Regierung: 'Wir haben es am allerschwersten.' Diese jetzt vermutlich auch.
Wolfgang Schmidt, Ex-Bundeskanzleramtschef
Streit wegen hoher Spritpreise und steigender Reformdruck: Zwischen Union und SPD knirscht es. Wie handlungsfähig ist Schwarz-Rot?
12.04.2026 | 3:52 minMünstermann: Stimmung bei Schwarz-Rot scheint gereizt
Journalistin Kerstin Münstermann erkannte Brüche innerhalb der Koalition: "Ich hatte schon ein bisschen das Gefühl, das ist 'Ampel reloaded', im Sinne von Regierungskrise reloaded."
Sie habe im Nachgang des Koalitionsausschusses eine "deutlich gereiztere Stimmung" unter den Koalitionären wahrgenommen:
Hat man am Anfang der Regierung über Sachthemen gestritten (...), aber immer betont, dass man sich eigentlich ganz gut versteht, merkt man jetzt, dass es anfängt mit Sticheleien (...).
Kerstin Münstermann, Journalistin
So habe Bundesfinanzminister Lars Klingbeil mit Blick auf die steigenden Energiepreise "sehr sozialdemokratische Ansätze" vertreten: "Man hörte von Lars Klingbeil (...): 'Übergewinnsteuer - wir müssen endlich was machen.' Von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hörte man entgegengesetzt: 'Nein, nein, alles nicht gut. Wir müssen die Pendlerpauschale erhöhen.' Nur vom Kanzler hörte man (...) gar nichts."
Wirtschaftsministerin Reiche ignorierte das Machtwort des Kanzlers, weil sie auf den Finanzminister reagieren wollte. Merz sei genervt, sagt Hauptstadtkorrespondent Wulf Schmiese.
10.04.2026 | 2:23 minMünstermann: Bundeskanzler Merz fordert Einigung
"Nur vom Kanzler hörte man (...) gar nichts", so Münstermann. Friedrich Merz sei "über die Ostertage abgetaucht". Daraufhin hätte das Bundesfinanzministerium die Initiative ergriffen und Gewerkschaften, Wirtschaftsvertreter sowie die Bundeswirtschaftsministerin Reiche zu einem Gipfel geladen.
Nachdem der Bundeskanzler aus der Osterpause zurückgekehrt war, habe es ein "sehr, sehr hartes Gespräch" zwischen Reiche, Klingbeil und Merz gegeben:
Am Ende war klar, das hat Friedrich Merz dann auch öffentlich gesagt: 'Ihr müsst euch einigen. Bitte legt etwas gemeinsam vor. Das erwarte ich.'
Kerstin Münstermann, Journalistin
Münstermann: Schlagabtausch zwischen Reiche und Klingbeil gibt Ampel-Vibes
Trotz der Ansage des Bundeskanzlers hatte Reiche Klingbeils Einladung für den darauffolgenden Tag ausgeschlagen. Während der Gipfel im Bundesfinanzministerium stattgefunden hat, ist sie im Bundeswirtschaftsministerium vor Kameras getreten, um Lars Klingbeil öffentlich zu düpieren: "Der Koalitionspartner ist in den letzten Wochen damit aufgefallen, Vorschläge zu unterbreiten, die teuer, wirkungsschwach und verfassungsrechtlich fragwürdig sind."
Wirtschaftsministerin Reiche kritisiert Vorschläge der SPD für Entlastungen wegen hoher Energiepreise scharf. Nun gerät sie selbst unter Druck, auch aus der eigenen Partei.
10.04.2026 | 2:14 minMünstermann bezeichnete Reiches Worte als "totale Klatsche" gegen Klingbeil: "Es ist schon so, dass man den Auftritt sah und man sich fragte: Will die rausgeworfen werden?" Aus dem Umfeld des Bundeskanzlers sei zu hören gewesen, dass er darüber "nicht nur not amused war, sondern befremdet":
Inhaltlich ist er mit Katherina Reiche gar nicht über Kreuz, aber der Vorgang, den Vizekanzler zu düpieren, den SPD-Chef (...), das geht einfach nicht.
Kerstin Münstermann, Journalistin
Münstermann kritisierte: "Man darf als Regierung - gerade in dieser Krise - nicht den Eindruck erwecken, dass man parallel gegenarbeitet, weil wir dann wieder in Vibes sind, die wir von der Ampel kennen."
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