"Lanz"-Debatte: Warum Frust im Osten wächst und die AfD profitiert

Marianne Birthler bei "Lanz":Warum Frust im Osten wächst und die AfD davon profitiert

von Bernd Bachran

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Bei "Lanz" sagt Marianne Birthler, viele in Ostdeutschland hätten Demokratie falsch verstanden. Luca Piwodda zeigt, wie Zusammenarbeit vor Ort trotz AfD – und mit ihr - gelingt.

Markus Lanz vom 16. Juli 2026: Markus Lanz, Marianne Birthler, Katja Hoyer, Martin Debes, Luca Piwodda

Markus Lanz spricht mit seinen Gästen über die nach wie vor gefühlte Mauer in den Köpfen von Ost- und Westdeutschen und einen möglichen Umgang mit der AfD.

16.07.2026 | 75:19 min

"Die mentale Mauer zwischen Ost und West ist gewachsen." Diesen Satz sagte die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, bereits im Jahr 2005 - damals lag der Fall der Berliner Mauer erst 16 Jahre zurück.

Die Euphorie der Wiedervereinigung war zu diesem Zeitpunkt längst verflogen. Bis heute scheint sich der Graben zwischen Ost- und Westdeutschland eher zu vertiefen, als dass es der Politik gelingt, ihn zuzuschütten. "Wie blicken Sie heute auf unser Land?" wollte Markus Lanz am Donnerstagabend von Marianne Birthler wissen.

Bei mir überwiegen die positiven Empfindungen. Und eigentlich wundere ich mich immer, dass es bei anderen nicht genauso ist.

Marianne Birthler, ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen

Bezogen auf sich selbst betonte sie: "Das, was ich am allermeisten erhofft habe, ist eingetreten. Ich lebe als freier Mensch in einem freien Land", so Birthler.

Symbolbild: Eine aufgehende Sonne, davor einige Menschen und Autos im Halbdunkel, einige davon auf dem Rest der Berliner Mauer sitzend. Darüber liegend der Umriss eines zweigeteilten Deutschlands.

Vor 35 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt. Doch der Verdruss nimmt zu - vor allem im Osten. Wie blicken die Menschen heute auf ihre Heimat, ihr Leben und das "System" Bundesrepublik?

30.09.2025 | 43:55 min

Marianne Birthler über Demokratieverständnis im Osten

Birthler erklärte, nur wenige Menschen hätten sich konkret vorstellen können, was Demokratie bedeute. Viele hätten entweder nicht gewusst, was darunter zu verstehen sei, oder die Erwartung gehabt, dass sich mit der Demokratie alles genau so entwickle, wie sie es sich gewünscht hätten. Als dies ausblieb, seien viele enttäuscht gewesen. "Das ist kompliziert für manche, sich dann auf die Realität einzulassen."

"Vielleicht sind das auch vor allen Dingen Leute, die zu DDR-Zeiten überhaupt nicht wagten, irgendwas zu sagen, die Angst hatten."

Unzählige Menschen schieben sich am Samstag (29.11.2008) am Kauf-Nix-Tag über die Einkaufsstraße Tauentzien im Berliner Bezirk Wilmersdorf.

35 Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich vieles verschoben. Menschen haben den Osten verlassen. 80 Prozent der Deutschen leben heute im Westen der Republik.

02.09.2025 | 1:07 min

Immer wieder ist vom "Frust" in Ostdeutschland die Rede. Marianne Birthler erklärte sich diesen Frust mit der Scham der Menschen.

Und (Scham) ist so ein unangenehmes Gefühl, dass es von den Menschen verdrängt wird. Mit Wut. Mit Angst. Mit Aggression.

Marianne Birthler, ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen

Als ein Beispiel für einen Grund für Scham nannte Birthler die Tatsache, dass nach dem Fall der Mauer Menschen in Ostdeutschland mit 40 oder 45 Jahren im Arbeitsleben noch einmal ganz von vorne anfangen mussten. "Dann hat man da Vorgesetzte, die einen wirklich als Untergebene behandeln - und das kränkt."

Auf dem Marktplatz in Zeulenroda laufen ein Mann und eine Frau. Er trägt eine blaue Fahne der AfD. Im Hintergrund sind weitere Demonstranten zu sehen, manche mit Trommeln und einer mit einer Deutschlandfahne.

Menschen, die sich unverstanden fühlen, stehen denen gegenüber, die Angst vor einem Rechtsruck haben. Nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen ist die Lage unübersichtlich.

15.09.2024 | 30:03 min

Scham, Kränkung, Enttäuschung

Gefühle von Scham, Kränkung und Enttäuschung werden oft als Grund für das enorme Erstarken der AfD - besonders in den ostdeutschen Bundesländern - angeführt. Viele befürchten, dass die Partei bei den Landtagswahlen im Herbst jeweils stärkste Kraft wird.

Für den Umgang und eine mögliche Zusammenarbeit in den Landesparlamenten scheinen die anderen Parteien jedoch noch keinen ernsthaften Plan zu haben.

Landesparteitag der AfD Sachsen-Anhalt am 11.04.2026 in der Hyparschale Magdeburg in Magdeburg. Der Landesvorstand der AfD Sachsen-Anhalt beim singen der Nationalhymne.

Die AfD hat ihr Wahlprogramm für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beschlossen. Begleitet wird der Parteitag von mehreren Hundert Protestierenden.

11.04.2026 | 2:36 min

Einen Weg, wie man mit der AfD umgehen kann, zeigte Luca Piwodda. Gemeinsam mit ein paar Freunden gründete er 2018 die Freiparlamentarische Allianz (FPA), die 2024 mit der Partei des Fortschritts (PdF) fusionierte. Vor zwei Jahren wurde Luca Piwodda mit nur 24 Jahren ehrenamtlicher Bürgermeister in seiner brandenburgischen Heimatstadt Gartz (Oder).

Bei der letzten Bundestagswahl holte die AfD in Gartz mehr als 50 Prozent der Zweitstimmen. Ihre Anhänger sitzen im Rathaus, in Sportvereinen und in der Freiwilligen Feuerwehr. Sie auszugrenzen, wäre gar nicht möglich, meinte Piwodda. Also arbeitet er mit ihnen zusammen.

Wir probieren Sachpolitik ohne Fraktion. Einfach: Die beste Idee setzt sich durch.

Luca Piwodda, ehrenamtlicher Bürgermeister von Gartz (Oder)

Gehe man so vor, könne auch ein einstimmiger Beschluss für sieben Windkraftanlagen zustande kommen - selbst mit den Stimmen der AfD. Wende man Sachpolitik an, lasse sich auch über die Vorteile erneuerbarer Energien nüchtern und sachlich diskutieren.

Parteitag AfD Rheinland-Pfalz mit Vorstandswahlen

Beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt sind Alice Weidel und Tino Chrupalla als Vorsitzende bestätigt worden. 30.000 Menschen protestierten gegen den Parteitag.

04.07.2026 | 2:59 min

Luca Piwodda: "Energiepolitik ist keine Umweltpolitik"

"Wir haben immer wieder betont: Energiepolitik ist keine Umweltpolitik. Wir retten in Gartz damit nicht die Welt, sondern wir haben einfach knallharte, wirtschaftspolitische Interessen dahinter. Wir können durch die Einnahmen, die die erneuerbaren Energien bringen, die Stadtkasse auffüllen, Bauprojekte umsetzen, die sonst nie möglich gewesen wären."

Piwodda erklärte, dass sieben Windkraftanlagen jährlich 280.000 Euro einbrächten. Angesichts der vielen unbezahlbaren Haushaltsposten - wie dem maroden Straßenbau oder mehr Kulturbudget - sei dies dringend nötig. Öffne man sich für Erneuerbare Energien, ließen sich lang ersehnte Projekte endlich finanzieren.

Wie will man sich dagegen wehren, wenn man sagt, wir machen parteiübergreifend etwas Gutes für die Gemeinde? Da kommt auch die AfD nicht dagegen an.

Luca Piwodda, ehrenamtlicher Bürgermeister von Gartz (Oder)

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Über dieses Thema berichtete die Sendung "Markus Lanz" am 16.07.2026 ab 23:25 Uhr.

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