Krankschreibung: DIW befürchtet künftig noch mehr Fehlzeiten

Pläne zu Attestpflicht ab Tag eins:DIW: Neue Krankschreibe-Regeln könnten Fehlzeiten erhöhen

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Der Plan der Bundesregierung, Krankschreibungen ab dem ersten Krankheitstag zu verlangen, könnte nach hinten losgehen. Davor warnen Ökonomen und Gewerkschaften.

Mehrere Formulare zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung liegen neben einem Blister mit Tabletten auf einem Tisch.

Die Reformpläne der Koalition sorgen für Kritik. Unter anderem soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden.

03.07.2026 | 1:28 min

Der Ökonom Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet nicht, dass die von Union und SPD geplanten Verschärfungen bei Krankschreibungen den Krankenstand in Deutschland spürbar senken würden.

Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könnte stattdessen zu mehr Praxisbesuchen führen und Ansteckungsrisiken in Wartezimmern erhöhen.

Sollte dies dazu führen, dass Menschen trotz leichter Infekte an den Arbeitsplatz gehen, könnten Ansteckungen am Arbeitsplatz am Ende zu mehr Fehltagen führen, als wenn diese Beschäftigten einfach zu Hause geblieben wären.

Daniel Graeber, DIW-Ökonom

Fehltage und Telefon-Krankschreibung: Experte sieht keinen Zusammenhang

Einen kausalen Zusammenhang zwischen den hohen Krankenständen der vergangenen Jahre und der seit Ende 2023 möglichen telefonischen Krankschreibung sieht Graeber nicht.

Analysen auf Basis von Daten der Barmer-Krankenkasse geben laut Graeber keine Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch Telefon- oder Video-Krankschreibungen. Ihr Anteil liege lediglich bei etwa 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.

Auf dem Bild ist Jouristin und Journalistin Charlotte Greipl zu sehen.

In vielen Arbeits- und Tarifverträgen würden andere Regeln zur Krankschreibung gelten, sagt ZDF-Korrespondentin Charlotte Greipl. Hier könne ein Attest weiterhin erst später nötig sein.

03.07.2026 | 9:17 min

Wichtiger seien andere Faktoren wie die seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) vollständigere Erfassung von Krankmeldungen, starke Infektionswellen und länger andauernde Erkrankungen.

Langzeiterkrankungen verursachen viele Krankheitstage

So hätten 2024 Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen rund 40 Prozent aller Fehltage verursacht, obwohl sie nur einen kleinen Anteil der Krankmeldungen ausgemacht hätten. Häufig gehe es dabei um Muskel-Skelett- sowie psychische Erkrankungen. Hier würde gesundheitliche Prävention mehr helfen, so Graeber.

Friedrich Merz bei Maybrit Illner

Die Regierung kehre zu einer Regelung zurück, die bis zur Pandemie in Deutschland gegolten habe, betonte Bundeskanzler Friedrich Merz bei Maybrit Illner.

02.07.2026 | 0:54 min

Auch in der Bevölkerung stoßen die Koalitionspläne einer YouGov-Umfrage zufolge eher auf Ablehnung. Demnach sind 59 Prozent der Befragten gegen eine Attestpflicht bereits ab dem ersten Krankheitstag, 31 Prozent begrüßen sie.

Die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung für leichtere Erkrankungen lehnen 58 Prozent ab, 33 Prozent befürworten sie. Für die repräsentative Umfrage wurden 6.200 Erwachsene in Deutschland befragt.

DGB fürchtet Auswirkungen auf Produktivität

Kritik kommt auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte in den Funke-Medien, die AU-Pflicht ab dem ersten Tag könne dazu führen, dass Beschäftigte trotz Krankheit arbeiten gingen. Dies habe negative Folgen wie weniger Produktivität und mehr chronische Erkrankungen.

Auf dem Bild ist Enzo Weber zu sehen.

Die Krankschreibung ab Tag eins sollte nicht für alle gelten, sagt Arbeitsmarktforscher Enzo Weber. Es bräuchte andere Maßnahmen, um der deutschen Wirtschaft einen Aufschwung zu verleihen.

03.07.2026 | 12:15 min

Der Hausärzteverband fordert unterdessen ein Vorgehen gegen Anbieter von Videosprechstunden. Die Bundesvorsitzende des Verbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, sagte der "Rheinischen Post", die geplanten Änderungen seien "reine Symbolpolitik" und würden weder den Krankenstand senken noch Missbrauch verhindern.

Hausärzte kritisieren Anbieter von Videosprechstunden

Ginge es wirklich darum, Betrug zu bekämpfen, müsse man den "Wildwuchs" bei Videosprechstunden-Anbietern begrenzen, die teils aggressiv mit schnellen Krankschreibungen werben.

Wenn irgendwo großes Missbrauchspotenzial liegt, dann bei anonymen Plattformen, die damit Profit machen und ihre Kunden nicht einmal kennen. Dort ist Betrug Tür und Tor geöffnet und nicht in unseren Praxen.

Nicola Buhlinger-Göpfarth, Hausärztinnen- und Hausärzteverband

Die telefonische Krankschreibung berge dagegen nicht mehr Missbrauchspotenzial als ein Praxisbesuch, da sie daran gebunden sei, dass die Praxis die Patientinnen und Patienten kenne.

SGS Blumenthal Beier

Die Praxen würden bei einem Wegfall der telefonischen Krankschreibung mit unnötiger Bürokratie geflutet, so Blumenthal-Beier zu den vorgestellten Reformen der Krankschreibung.

03.07.2026 | 3:33 min

Union und SPD hatten sich im Koalitionsausschuss darauf verständigt, Beschäftigte grundsätzlich bereits ab dem ersten Krankheitstag zu einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu verpflichten. Gleichzeitig soll die telefonische Krankschreibung wieder abgeschafft werden. Beide Vorhaben sollen im Gesetzgebungsverfahren noch konkret ausgestaltet werden.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte die Verschärfung damit begründet, die Zahl der Krankentage in Deutschland sei zu hoch. Man könne sich mit "exorbitanten" Krankenständen nicht abfinden.

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Das ZDF berichtet seit dem 02.07.2026 täglich mehrfach in verschiedenen Sendungen über das von der Regierung geplante Reformpaket.

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