Drei Jahre nach Terrorangriff auf Israel:Was Juden in Berlin zur Antisemitismus-Debatte sagen
Wie blicken Jüdinnen und Juden auf die aktuelle Debatte über Antisemitismus in Deutschland? In Berlin haben wir mit Shai Hoffmann und Nelly Eliasberg gesprochen.
Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 werden in Deutschland mehr antisemitische Vorfälle dokumentiert. In Berlin sprechen Juden über ihre Erfahrungen.
Quelle: dpaSeit dem Terrorangriff der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wird in Deutschland ein Anstieg antisemitischer Vorfälle dokumentiert. Übergriffe, Anfeindungen, Drohungen - viele Jüdinnen und Juden fühlen sich unsicher.
Woher kommt der Antisemitismus, wie wird damit umgegangen? Und was sagen Jüdinnen und Juden zu der aktuellen Debatte? Wir haben in Berlin Shai Hoffmann und Nelly Eliasberg unabhängig voneinander befragt.
ZDFheute: Wie erleben Sie Antisemitismus in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023?
Nelly Eliasberg: Judenhass ist ein Virus, das in immer neuen Mutationen wiederkehrt und sich gesellschaftlich anschlussfähige Begründungen sucht. Was sich heute Bahn gebrochen hat, ist ein enthemmter Judenhass in Gestalt des Antizionismus, der Juden das Recht abspricht, einen eigenen Staat zu haben und sich selbst zu verteidigen. Er projiziert judenfeindliche Bilder auf Israel, den kollektiven Juden, den man vernichten will und das mit "Israelkritik" begründet.
Kritik an israelischer Politik ist legitim. Vernichtungsfantasien und israelfeindlich begründete Gewalt nicht. Verstörend ist, dass das seit dem 7. Oktober 2023 zum Mainstream geworden ist. Noch verstörender ist, dass unsere Gesellschaft Antizionismus als politische Meinung debattiert. Dabei ist es heute die einzige Möglichkeit, seinen Judenhass auszuleben, ohne sich ins gesellschaftliche Abseits zu schießen.
Mit folgenden Themen: 1.) Chaos-Tage in der CDU, 2.) Interview mit Hendrik Wüst (CDU), 3.) Rot-Rot-Grün und der Antisemitismus, 4.) Scheuer-Prozess: Hat er gelogen?
27.09.2026 | 20:17 minShai Hoffmann: Antisemitismus war nie weg. Seit dem 7. Oktober erlebe ich eine Enthemmung: Juden werden für israelische Politik verantwortlich gemacht, antisemitische Verschwörungserzählungen offener ausgesprochen. In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Vorstellungen von einer angeblichen jüdischen Macht, die die Weltpolitik steuert. Menschen greifen solche Erzählungen aus ihrem Umfeld oder aus sozialen Medien auf.
Dabei müssen wir genau unterscheiden: Kritik an der israelischen Regierung und das Eintreten für palästinensische Rechte sind legitim. Antisemitisch wird es, wenn daraus eine kollektive Schuldzuweisung an Juden entsteht oder antisemitische Feindbilder auf Israel übertragen werden.
Meine Arbeit setzt deshalb auf klare Grenzen und darauf, Menschen im Gespräch zu erreichen. Wir müssen verstehen, was hinter ihren Aussagen steht, ohne antisemitische Inhalte zu relativieren. Jüdische Sicherheit und die Rechte von Palästinenser*innen dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden.
In Berlin setzen Linke, Grüne und SPD ihre Vorgespräche fort. Grüne und SPD fordern vor Sondierungen verbindliche Zusagen der Linken zu Antisemitismus, Polizei und Verfassungsschutz.
03.10.2026 | 0:18 minZDFheute: Wie empfinden Sie die aktuelle Debatte über linken und rechten Antisemitismus?
Nelly Eliasberg: Als Gesellschaft machen wir den Fehler, Antisemitismus nicht als eigenständiges Problem zu begreifen. Wenn wir ihn nur politischen Lagern zuordnen, werden Juden zu einem Instrument. Statt Judenhass zu bekämpfen, wird der Antisemitismusvorwurf dann vor allem genutzt, um politische Gegner zu diskreditieren.
Dabei hat sich Judenhass längst in allen politischen Lagern und mitten in der Gesellschaft verfestigt. Er ist kein Problem allein der politischen Ränder. Er betrifft die Mitte unserer Gesellschaft und gefährdet die Demokratie.
Shai Hoffmann: Mir fehlt oft die Genauigkeit. Antisemitismus muss konkret benannt und bekämpft werden, auch im eigenen politischen Umfeld. Rechts zeigt er sich etwa in völkischem Denken und Geschichtsrevisionismus. In linken Debatten kann ein verkürzter soziohistorischer Blick auf Israel als Speerspitze des westlichen Kolonialismus antisemitische Feindbilder begünstigen.
Gefährlich wird es, wenn der Antisemitismusvorwurf dazu dient, politische Gegner pauschal zu delegitimieren oder palästinensische und kritische jüdische Perspektiven aus der Debatte zu verdrängen. Das schwächt seine Glaubwürdigkeit und den Schutz jüdischen Lebens. Wir müssen Antisemitismus auch im eigenen politischen Umfeld benennen und Vorwürfe gegen politische Gegner genauso sorgfältig begründen.
In Deutschland leben rund 200.000 Jüdinnen und Juden. Doch viele davon fühlen sich hier nicht sicher. Immer wieder gibt es Anschläge, Bedrohungslagen, Schmierereien und anderen Formen von Antisemitismus. Und auch Zahlen belegen: Antisemitische Vorfälle nehmen zu.
24.09.2026 | 15:46 minZDFheute: Von welcher Seite kommt für Sie die größte Gefahr?
Shai Hoffmann: Die größte strukturelle Gefahr sehe ich im organisierten Rechtsextremismus. Er bedroht jüdisches Leben und die demokratischen Institutionen, die uns schützen. Wer die NS-Geschichte relativiert und Erinnerungskultur zurückdrängt, gefährdet unsere Demokratie und den Schutz von Minderheiten. Gerade aus dem Zivilisationsbruch der Shoah erwächst für Deutschland eine besondere Verantwortung.
Das entlastet jedoch niemanden. Antisemitische Bedrohungen aus islamistischen oder linken Zusammenhängen müssen ebenso ernst genommen werden. Für Betroffene zählt die konkrete Gefahr, unabhängig davon, von wem sie ausgeht.
Nelly Eliasberg: Es gibt keinen guten und schlechten Judenhass je nachdem aus welcher ideologischen Richtung er kommt. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass Judenhass im Rechtsextremismus verankert ist. Zugleich tobt ein Deutungsstreit darüber, was überhaupt als Antisemitismus gilt. Dieser Streit wird auch genutzt, um Judenhass in linksprogressiven Kreisen und bestimmten migrantischen Milieus auszublenden.
Judenhass ist eine Brückenideologie, die verschiedenen Strömungen gemeinsam ist und diese sogar verbindet. Wir müssen also mit einem 360-Grad-Blick und ohne Scheuklappen auf das Phänomen und nicht auf den Absender schauen. Dazu gehört, dass wir Gefahren und Täter benennen, auch wenn diese aus migrantischen, islamistischen oder linksextremistischen Milieus kommen.
… geboren 1983 in der ehemaligen Sowjetunion, kam als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Sie studierte Politik- und Islamwissenschaften in Kiel, ist Redakteurin und Kommunikationsstrategin und Sprecherin der WerteInitiative - jüdisch-deutsche Positionen. Sie beschäftigt sich mit Antisemitismus, jüdischem Leben, Extremismus und deutscher Innenpolitik, moderiert den Podcast "WI-Talk" und veröffentlicht Kommentare und Gastbeiträge.
… geboren 1982 in Berlin, ist jüdischer Sozialunternehmer und Aktivist. Ein Teil seiner Familie lebt in Israel. Er setzt sich für politische Bildung und Verständigung im Nahost-Konflikt ein, unter anderem mit seinem Podcast "Über Israel und Palästina sprechen" und dem Schulprojekt "Trialoge".
Die Interviews führten Lisa Jandi und Markus Gross aus dem ZDF-Landesstudio in Berlin.
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