Westdeutsche von US-Kultur "usurpiert":Wie die AfD versucht, Aussagen von Höcke wiedereinzufangen
AfD-Landeschef Björn Höcke äußert Thesen zur angeblichen Identität von Ost- und Westdeutschen. Im Osten seien "Menschen noch Deutsche". Aus der eigenen Partei kommt Widerspruch.
In einem Podcast nennt der Thüringer AfD-Chef Höcke Westdeutsche "deutsch sprechende Amerikaner". Damit mache er sich „keine Freunde in der eigenen Partei“, sagt ZDF-Korrespondentin Diekmann.
09.06.2026 | 0:57 minÄußerungen von Thüringens AfD-Chef Björn Höcke über West- und Ostdeutsche haben in der AfD eine Diskussion ausgelöst. Hintergrund ist ein Interview Höckes mit Roger Köppel, Herausgeber des Schweizer Mediums "Weltwoche", dem Beobachter schon länger eine prorussische Haltung vorwerfen.
Dort hatte der AfD-Politiker Höcke als wichtige Ursache für gesellschaftliche Polarisierung und Ost-West-Unterschiede gesagt: "Im Osten sind die Menschen noch Deutsche, im Westen haben sie über Jahrzehnte eine Ersatzidentität gefunden und haben sich von der amerikanischen Kultur völlig usurpieren lassen." Usurpieren bedeutet, etwas zu verdrängen und seinen Platz einzunehmen.
Höcke, selbst Westdeutscher, zitierte außerdem einen Satz, den er "irgendwo gelesen" habe, der gut reinpasse: "In der westlichen Republik gibt es deutsch sprechende Amerikaner oder wohnen deutsch sprechende Amerikaner und im Osten der Republik wohnen deutsch sprechende Deutsche." Der Amerikanismus sei eine Antithese zum Deutschtum, meinte Höcke.
Wie stehen die Thüringer zu Björn Höcke? Eva Schulz reist durchs Land und stellt fest: Die Meinungen gehen weit auseinander.
05.08.2024 | 29:52 minInterne Kritik: Höcke-Aussagen "absolut falsch und töricht"
Solche Aussagen werden nun von anderen Teilen der AfD heftig kritisiert. AfD-Fraktionsvize Beatrix von Storch sagte dem Portal "The Pioneer":
Wir sind eine einige unteilbare deutsche Nation. Die Vollendung der inneren Einheit Deutschlands ist unser oberstes Ziel. Wir spalten sie nicht, weder politisch, geistig noch kulturell.
Beatrix von Storch, AfD-Fraktionsvize
Der AfD-Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen, der sich in der Vergangenheit schon offene Auseinandersetzungen mit Höcke geliefert hatte, kritisierte ihn für seine Aussagen. Er könne sich "nicht mehr erklären, was in ihn gefahren ist", sagte der frühere hochrangige Bundeswehroffizier und nannte Höckes Aussage herabwürdigend. Seine Einschätzung, Westdeutsche seien "in Wahrheit verkappte Amerikaner", nannte Lucassen "absolut falsch und töricht". Das sei SED-Sprech.
Lucassen stand zuletzt innerparteilich unter Druck und war im April von seinem Amt als verteidigungspolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion zurückgetreten. Im Gegensatz zu Höcke sieht sich Lucassen als Nato-Anhänger und Befürworter einer Wehrpflicht.
Der maßgebliche Grund für den Rücktritt soll ein Streit über die allgemeine Ausrichtung der AfD mit der Bundesfraktion der Partei und mit Anhängern des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke sein.
13.04.2026 | 0:42 minParlamentarischer Geschäftsführer verweist auf "Zuspitzung" im Wahlkampf
Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, Bernd Baumann, sagte auf Nachfrage vor Journalisten, man sei hier im Bereich des Wahlkampfs und der Zuspitzung. Er verwies auf den AfD-Mitgründer Alexander Gauland, der Höcke einst als Nationalromantiker bezeichnet habe.
Direkt Bezug nehmen wollte der Hamburger auf Höckes Aussage nicht, sagte aber: Im Westen habe man eine andere Erziehung genossen. Da habe man natürlich diesen Ansatz einer gewissen Entnationalisierung, sagte Baumann.
Am 6. September finden in Sachsen-Anhalt Landtagswahlen statt. In aktuellen Umfragen liegt die AfD mit rund 40 Prozent vorn, Ministerpräsident Schulze will einen Wahlsieg der Partei mit aller Kraft verhindern.
08.06.2026 | 2:05 minZDF-Korrespondentin: "Höcke stößt Anhänger im Westen vor den Kopf"
Höckes Aussagen sind Teil eines länger andauernden Richtungsstreits innerhalb der AfD. "Björn Höcke macht sich mit solchen Äußerungen keine Freunde in seiner eigenen Partei", analysiert ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann.
Die AfD ist stolz darauf, nicht mehr als 'Ost-Phänomen' zu gelten, nachdem sie zuletzt auch bei Landtagswahlen in westdeutschen Bundesländern gute Ergebnisse eingefahren hat.
Nicole Diekmann, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio
Diese beiden Standbeine im Westen wie im Osten sicherten ihr den angestrebten Status als Volkspartei, so die Erzählung der Partei selbst. "Mit seinen Äußerungen aber stößt Höcke Wähler und Anhänger im Westen vor den Kopf. Es wäre untypisch für ihn, den politischen Strategen, wenn er dies im Interview nicht im Blick gehabt hätte", betont Diekmann.
Vor den Landtagswahlen im Osten beschließt die AfD ihre Wahlprogramme. Was würde die Partei im Falle einer Regierungsbeteiligung umsetzen?
31.05.2026 | 4:05 minDiekmann: "Höcke macht, was Höcke will"
Vielen in der AfD stoße Höckes Vorgehen nun sauer auf - es sei kurzsichtig.
Höcke will mit solchen Aussagen vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September Wähler mobilisieren - und nimmt dafür einen möglichen längerfristigen Schaden in Kauf.
Nicole Diekmann, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio
Dass ihm diese Irritationen offenbar egal sind, zeige laut Diekmann: "Der mächtige Höcke macht, was Höcke will. Das demonstriert er nicht zum ersten Mal."
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