Haseloff diskutiert mit Fleischhauer:AfD-Gründung: "Im Osten wäre keiner auf die Idee gekommen“
von Torben Schröder
Niemand im Osten hätte die Absicht, eine AfD zu gründen, sagt Reiner Haseloff. Doch dort kommt sie besonders gut an, kontert Jan Fleischhauer und kritisiert die neue "Ostalgie".
Jan Fleischhauer meint: Der Osten wurde mit Milliarden subventioniert – Schluss mit der Opferrolle. Reiner Haseloff entgegnet: Geld allein beseitigt keine strukturellen Nachteile.
05.11.2026 | 32:48 minDie steilste These der ZDF-Sendung "Keine Talkshow" kommt Richtung Ende. Es geht um die AfD. "Im Osten wäre keiner auf die Idee gekommen, so eine Partei überhaupt zu gründen", sagt Reiner Haseloff. Der CDU-Politiker war fast 15 Jahre Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, wo nun, nicht einmal ein Jahr nach seinem Rücktritt, die AfD bald den Landeschef stellen könnte.
Jan Fleischhauer lässt seinem Diskussionspartner den Schachzug, auch die AfD als westliche Einflussnahme auf den Osten zu labeln, nicht durchgehen. Man schaue nur auf die Wahlergebnisse. Im Osten sehnen sich, sagt Fleischhauer, viele nach der Heimlichkeit und Gemütlichkeit der DDR, aber mit den westlichen Lebensbedingungen.
Nostalgie, so Haseloff, gebe es auch im Westen immer mehr. Genauso wie AfD-Stimmen. "Wenn wir nicht aufpassen", hole der Westen bloß nach, was der Osten vormache. Zu diesem Zeitpunkt sitzen die Diskutanten in einem knallgelben Trabbi. Fleischhauer findet den Eindruck, der Osten sei benachteiligt, falsch. Die Menschen sollten endlich das Wendetrauma überwinden. Er verstehe ja die ältere Generation, die diesen Bruch wirklich erlebt habe: "Aber ist das für einen 30-Jährigen das Argument?"
"Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer" ist eine Ergänzung etablierter Diskussionsformate. Ein schlichter Raum - fest installierte Kameras, kein Entkommen und zwei Diskutanten, die sich auf Augenhöhe begegnen. Das Thema ist vorgegeben. Was sie daraus machen, bestimmen sie selbst. Eine rund 30-minütige Sendung, kontrovers, emotional und doch immer darum bemüht, den anderen zu überzeugen.
Ungleichheit: Das große Problem zwischen Ost und West?
"Der Osten ist nicht benachteiligt bezogen auf das, was mit der Wiedervereinigung möglich wurde", sagt Haseloff. "Er ist geschichtlich dadurch benachteiligt gewesen, dass die gemeinsame Schuld des NS-Regimes anschließend sehr unterschiedlich im Sinne der Nachwirkung verteilt war." Noch lange nach dem Mauerfall, im Grunde bis heute, bilde sich die alte, innerdeutsche Grenze in vielen Kennzahlen ab, von Einkommen bis Demografie.
Ost- und Westdeutschland haben sich in vielen Bereichen angenähert. Bei privaten Vermögen bleiben Unterschiede, deren Folgen bis heute spürbar sind, zeigt der aktuelle Bericht der Ostbeauftragten.
30.09.2026 | 1:48 min"Wir sind uns einig, dass man mit der Rente im Osten im Zweifel sogar besser zurechtkommt", hält Fleischhauer mit Blick auf die geringeren Mieten und Lebenshaltungskosten fest. Was Haseloff wiederum mit Benachteiligungen bei Löhnen und Arbeitsverhältnissen kontert.
Das sei kein gutes Argument, findet Fleischhauer, und verweist auf die Rekordwerte an Arbeitslosigkeit tief im Westen. Das sehe in Ostdeutschland wesentlich besser aus. Der Osten solle aufpassen, dass er den Langmut des Westens nicht herausfordere. Schon jetzt fragten sich manche, ob nicht langsam genug Geld in den Osten geflossen sei, während im Westen manche Gegenden den Bach runtergingen. Ein typischer West-Blick, sagt Haseloff. Warum müsse, auch beim Thema Länderfinanzausgleich, immerzu aufgerechnet werden?
Haseloff: "Gefühlsmäßiger Bereich" der Menschen wichtig
Haseloff ist der "gefühlsmäßige Bereich" wichtig, wo er ein Auseinanderdriften beobachte. Seiner Meinung nach liege das auch an der medial verzerrten Darstellung des Ostens, der zu kurz und zu negativ wegkomme: "Die positiven Meldungen sind mehrheitlich dem Westen vorbehalten."
Ist Deutschland beim Thema Gefühle geteilt? Westdeutsche halten sich für rational und sehen Ostdeutsche als zu gefühlig, kritisiert Autor Dirk Oschmann bei "Lanz".
22.10.2026 | 1:16 minFleischhauer würde gern mit einer Positiverzählung dagegenhalten. Man müsse aus dem Befreiungsmomentum 1989, dem Mut, unblutig ein Regime zu stürzen, viel mehr machen - auch in der Eigenerzählung als Ostler. Dem kann Haseloff durchaus etwas abgewinnen. Und sieht doch eine tief sitzende Enttäuschung: als die Ostdeutschen plötzlich gespürt hätten, dass sie zu spät gekommen seien, viele Erwartungen relativieren mussten und sahen, wie heterogen das ganze System ist. Fleischhauer äußert Verständnis und betont doch:
Wo ich ins Zweifeln komme, ist, wenn Leute in der dritten und vierten Generation den Super-Ostler in sich entdecken.
Jan Fleischhauer
Mehr Stolz auf die Wiedervereinigung?
Haseloff sieht als Grund eine Summe aus vielen Facetten fehlender Teilhabe. Ostdeutsche seien unter Professoren und in der Justizverwaltung unterrepräsentiert. Auch die Gendersprache an Unis und im Fernsehen störe sie: "Das ist Westen, und das wird als fremd empfunden."
"Ja", gibt Haseloff zu, "wir Ossis müssen aufpassen, dass wir nicht überziehen". Er greift den Gedanken auf, den Gründungsmythos der Bundesrepublik zu bekräftigen und stolz auf die gemeinsame Errungenschaft der Wiedervereinigung zu sein. Auch weil der potentere Westen in der Lage gewesen sei, "unsere Transformation zu bewältigen", könne dieser neue Gründungsmythos als Selbstidentifikation dienen - beiderseits der alten, innerdeutschen Grenze.
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