Kritik an Führerscheinreform:Wird die Laienausbildung zum "gefährlichen Spiel"?
von Kevin Schubert
Die Eltern als Fahrlehrer? Die Bundesregierung will das testen und wirbt auch mit Vorreiter Österreich. Fahrlehrer sind entsetzt - und sprechen von einem "gefährlichen Spiel".
Was in Österreich schon erfolgreich Praxis ist, soll nun auch in Deutschland kommen: die sogenannte Laienausbildung, also das begleitete Autofahren mit erfahrenen Privatpersonen.
26.03.2026 | 2:45 minKlaus Robatsch ist ein Fan der Laienausbildung. "Ich habe da selbst mit meinen Töchtern teilgenommen", erzählt der Österreicher ZDFheute. Die Töchter am Steuer, er als Beifahrer: Weit über 3.000 Kilometer haben seine Kinder so laut Robatsch auf ihrem Weg zum Führerschein gesammelt. "Und Fahrpraxis", sagt Robatsch, "ist einfach das Wesentliche für die Sicherheit, wenn man im Straßenverkehr unterwegs ist."
Robatsch leitet die Verkehrssicherheit im Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV). Der Verein setzt sich seit 1959 für die Sicherheit auf Österreichs Straßen ein - und begleitete auch die Einführung des L17-Modells in Österreich, die beliebteste Variante der Laienausbildung.
Die Idee dahinter: Ergänzend zum Unterricht in der Fahrschule dürfen Jugendliche in Begleitung erfahrener Personen am Straßenverkehr teilnehmen. So können sie mehr Erfahrung sammeln. Unter Verweis auf Erfolgszahlen spricht Robatsch für Österreich von einer "sehr guten Lösung".
- vor allem bei Männern wirkt,
- die Zahl der Unfälle reduziert, vor allem im zweiten und dritten Jahr der unbegleiteten Fahrerfahrung,
- und auch die Zahl der Verkehrsdelikte reduziert (weniger Geschwindigkeitsüberschreitungen, weniger Alkoholfahrten).
"Tatsächlich gibt es bei den L17-Ausgebildeten 15 Prozent weniger Unfälle als bei den herkömmlich ausgebildeten Führerscheinbesitzern", schreibt das Kuratorium für Verkehrssicherheit.
Quellen: BASIC-Report; KFV
Deutschland will Laienausbildung unter Verweis auf Österreichs Erfolg ermöglichen
Ist es auch eine "sehr gute Lösung" für Deutschland? Das strebt zumindest die Bundesregierung an. Die Laienausbildung soll Teil der deutschen Führerscheinreform sein. Die vom Kabinett auf den Weg gebrachten Gesetzespläne sehen dafür eine "Experimentierklausel" vor: Fünf Jahre lang soll die Laienausbildung getestet und evaluiert werden. Sie soll dazu beitragen, dass der Führerschein wieder günstiger wird, ohne dass die Verkehrssicherheit darunter leidet.
Dabei orientiert sich Deutschland am Vorbild Österreich. Pate steht allerdings nicht das L17-Modell, sondern eine andere Variante der Laienausbildung - die sogenannten L-Übungsfahrten. Statt 3.000 Kilometern und mehr fahren die Führerschein-Anwärter hier 1.000 Kilometer mit ihren Begleitpersonen.
- Erfolgreiche Absolvierung der Theorieprüfung
- Sechs praktische Fahrstunden
- Maximal zwei Begleitpersonen
- Begleitpersonen müssen Fahrschülern besonders nahestehen
- Begleitpersonen müssen Führerschein der Klasse B seit minestens sieben Jahren besitzen und dürfen maximal einen Punkt im Fahreignungsregister haben
Laienausbildung:
- Mindestens 1.000 Kilometer Fahrtleistung in Begleitung
- Theoretische Einweisung gemeinsam mit Begleitpersonen
- Fahrschüler muss alle Fahrten protokollieren
- Phase I: Mindestens 500 und maximal 600 Kilometer mit Begleitperson, danach eine verpflichtende Beobachtungsfahrt mit Begleitperson und Fahrlehrer
- Autobahnfahrten in dieser Phase verboten
- Nach Beobachtungsfahrt mindestens sechs weitere Fahrstunden, darunter die Zusatzfahrten (Überland-, Nacht- und Autobahnfahrt)
- Phase II: Mindestens 500 weitere Kilometer mit Begleitperson - Autobahnfahrten möglich
- Im Anschluss - falls erforderlich - weitere Fahrstunden mit Fahrlehrer
Hier orientiert sich Deutschland stark am Vorbild der L-Übungsfahrten in Österreich. Ein wesentlicher Unterschied: Österreich teilt die L-Übungsfahrten nicht in zwei Phasen auf. Hier dürfen Fahrschüler bereits ab dem ersten Kilometer mit ihrer Begleitperson auf die Autobahn fahren. Auch bei den Voraussetzungen gibt es Abweichungen: Fahrschüler dürfen nach acht theoretischen und sechs praktischen Fahrstunden mit den Übungsfahrten beginnen.
- Fahrschüler können bereits mit 15,5 Jahren die Grundausbildung in der Fahrschule beginnen
- Grundausbildung umfasst unter anderem 32 Theoriestunden und zwölf praktische Fahrstunden
L17-Modell:
- Mindestens 3.000 Kilometer Fahrtleistung in Begleitung
- Nach 1.000 und 2.000 Kilometern sind begleitende Schulungen durch Fahrlehrer - sowohl theoretisch als auch praktisch - für Begleitperson und Fahrschüler vorgesehen
- Nach 3.000 Kilometern eine Perfektionsschulung durch Fahrlehrer im Beisein der Begleitperson
Nach Erhalt des Führerscheins (gilt in Österreich für alle Fahrschüler):
- 1. Perfektionsfahrt mit Fahrlehrer zwei bis vier Monate nach Führerschein-Erwerb
- 2. Perfektionsfahrt mit Fahrlehrer sechs bis zwölf Monate nach Führerschein-Erwerb
- Fahrsicherheitstraining mit verkehrspsychologischem Teil drei bis neun Monate nach Führerschein-Erwerb
Nach Angaben des Fachverbands Fahrschulen und Allgemeiner Verkehr der Wirtschaftskammer Österreichs (WKO) wählen in Österreich ...
- zehn bis 15 Prozent das Modell der L-Übungsfahrten (1.000 Kilometer begleitetes Fahren)
- etwa 40 Prozent das L-17 Modell (3.000 Kilometer begleitetes Fahren)
- etwa 40 Prozent die Vollausbildung in der Fahrschule
Studien zu den Erfolgszahlen der Laienausbildung beziehen sich laut WKO auf das L17-Modell, auch wenn sie für die L-Übungsfahrten "tendenziell in diese Richtung gehend zu sehen" sind.
Quellen: Referentenentwurf des Bundesministeriums für Verkehr: Verordnung zur Modernisierung der Fahrschulausbildung; Kraftfahrgesetz Österreich; Österreichische Bundesverwaltung; Fachverband Fahrschulen und Allgemeiner Verkehr der Wirtschaftskammer Österreichs
Bei der Vorstellung der Reform Mitte Mai nannte Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) das Modell "eine sinnvolle Ergänzung" zur klassischen Fahrausbildung.
Einen solchen Ansatz verfolgt bereits Frankreich, verfolgt Luxemburg und verfolgt Österreich - und zwar erfolgreich. Und was dort möglich ist, ist mit Sicherheit auch in Deutschland möglich.
Verkehrsminister Patrick Schnieder
Doch was nach der Übernahme eines bewährten Modells klingt, sorgt unter Fahrlehrern seit Wochen für Entsetzen. Die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF) regt "mit Nachdruck eine Zurückstellung der Laienausbildung an", ihr Vorsitzender Jürgen Kopp spricht gegenüber ZDFheute von einem "sehr gefährlichen Spiel".
Woran entzündet sich die heftige Kritik? Und wird die Laienausbildung wirklich zum Sicherheitsrisiko?
ZDFheute live hat mit Jürgen Kopp (Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände) und Manfred Wirsch (Deutscher Verkehrssicherheitsrat) über die Führerscheinreform gesprochen.
20.05.2026 | 19:42 minDie Vorwürfe der Fahrlehrer
Der Haken aus Sicht des BVF: Die Behauptung, dass sich die Laienausbildung so bereits in Österreich bewährt habe, sei "gleich in mehrfacher Hinsicht unzutreffend". Der Vorwurf der Fahrlehrer: Deutschland orientiere sich zwar an Österreich, lasse manche Aspekte aber außen vor.
Kritikpunkt I: Die Praxis
Der Verbandsvorsitzende Jürgen Kopp hebt im Interview mit ZDFheute live mehrere Punkte hervor - unter anderem, dass nur sechs Fahrstunden mit Fahrlehrer vor Beginn der Laienausbildung vorgesehen sind. "Nach sechs Stunden kann ein durchschnittlicher Fahrschüler in der Beurteilung, Stand heute, noch nicht viel - zumindest nicht so viel, dass er mit seinem Papa nach den sechs Stunden (...) auf Überlandfahrten geht", kritisiert Kopp.
Nach 500 bis 600 Kilometern in Begleitung und der dann vorgesehenen Beobachtungsfahrt soll es nach Angaben des Verkehrsministeriums sechs weitere Fahrstunden geben, darunter die Zusatzfahrten Nacht-, Überland- und Autobahnfahrt. Danach dürften die Fahrschüler auch mit ihren Eltern auf die Autobahn, was Kopp für "sehr bedenklich" hält.
"Der Fahrlehrer muss doch erst einmal schauen: Wo steht der Schüler? Was kann er? Was kann er nicht?", sagt Kopp. "Da habe ich Wichtigeres zu tun, als direkt mit dem Fahrschüler auf die Autobahn zu fahren."
Im Video: Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) stellt die geplante Führerscheinreform vor.
20.05.2026 | 21:52 minKritikpunkt II: Die Begleiter
"Kennen alle Eltern immer den aktuellen Stand der Straßenverkehrsordnung? Selbstverständlich nicht", äußert Kopp weitere Bedenken. Das Risiko, dass Begleitpersonen den Fahranfängern veraltete oder falsche Verhaltensweisen beibrächten, hält Kopp hier für hoch.
Kritikpunkt III: Die Grundlagen
In einem Schreiben vom 11. Mai problematisiert Kopps Verband mit Blick auf die Laienausbildung einen weiteren Aspekt der Führerscheinreform: Die theoretische Fahrausbildung soll digitalisiert werden, die Pflicht zum Präsenzunterricht entfallen.
Kopp verweist auf Österreichs L17-Modell. Das sieht vor, dass Fahrschüler in der Grundausbildung mindestens 32 Stunden Theorie-Unterricht in der Fahrschule absolvieren. Für den früheren Fahrlehrer ist genau das entscheidend: "Nur in Präsenz kann ich mit den Fahrschülern den Perspektivwechsel üben", Verständnis also für andere Verkehrsteilnehmer.
Weniger Fahrpraxis und Online-Theoriestunden. Das sieht der Gesetzentwurf vor, der den Führerschein billiger machen soll. ZDFheute live analysiert die geplante Reform.
20.05.2026 | 26:38 min"Warum fährt jemand vor mir langsam?", nennt Kopp ein einfaches Beispiel. "Hat der ein anderes Kennzeichen und kennt sich nicht aus? Oder fährt er so vorsichtig, weil er ein spielendes Kind gesehen hat, das mir noch nicht aufgefallen ist?" Diese soziale Kompetenz im Straßenverkehr sei "enorm wichtig" - und "die kann man sehr gut in der Gruppe im Präsenzunterricht trainieren".
Eine Sprecherin des Verkehrsministeriums geht gegenüber ZDFheute nicht im Detail auf die Vorwürfe der Fahrlehrer ein. Sie verweist aber auf die Voraussetzungen für die L-Übungsfahrten in Österreich, die acht Theoriestunden in Präsenz vorsehen. Die deutschen Pläne sähen vor, dass "Fahrschüler die theoretische Fahrprüfung bestanden haben", was eine "höhere Anforderung als in Österreich" sei.
Kritikpunkt IV: Was auf den Führerschein folgt
In Österreich endet die Fahrausbildung nicht mit dem Erhalt des Führerscheins. Zwei bis vier Monate nach dem Erwerb müssen alle Fahranfänger zu einer Perfektionsfahrt mit einem Fahrlehrer. Nach sechs bis zwölf Monaten folgt eine zweite Perfektionsfahrt. Zudem ist drei bis neun Monate nach der bestandenen Führerschein-Prüfung ein Fahrsicherheitstraining mit verkehrspsychologischem Teil verpflichtend.
In Österreich hätten die Fahrschulen die notwendige Infrastruktur für diese Trainings, sagt Kopp. "Die Infrastruktur für Sicherheitstrainings in Deutschland müsste erst einmal geschaffen werden. Wir können Österreich da nicht einfach so kopieren."
Die Bundesregierung hat Änderungen beim Führerschein beschlossen. Er soll in Zukunft einfacher, digitaler und dadurch günstiger werden.
20.05.2026 | 1:40 minDer Blick zurück
Kopp rät der Bundesregierung, aus der Vergangenheit zu lernen. Er verweist auf eine Entscheidung der Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU).
"Die Daten der amtlichen Straßenverkehrsunfallstatistik lassen erkennen, dass Fahranfänger besonders häufig an Verkehrsunfällen beteiligt sind", konstatiert die Bundesregierung im Dezember 1985 in einem Gesetzentwurf zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes und des Fahrlehrergesetzes. Um die Situation zu verbessern, schlägt die Regierung vier Maßnahmen vor - darunter an dritter Stelle: "Wegfall der Fahrschülerausbildung durch Laien."
1986 trat das Gesetz in Kraft, Fahrstunden mit Eltern sind seitdem nur noch auf Verkehrsübungsplätzen erlaubt.
Das Fazit
In Österreich sind sich die von ZDFheute befragten Verkehrsexperten einig: Die Laienausbildung - vor allem das L17-Modell - ist ein Erfolgsmodell. Die höhere Fahrpraxis helfe dabei, die Fahrsicherheit zu erhöhen und die Zahl der Unfälle sowie Verkehrsdelikte bei Fahranfängern zu reduzieren. Auf Deutschland lässt sich das angesichts der Unterschiede zwar nicht 1:1 übertragen. Dennoch könnte sich dieser Effekt am Ende auch in der Evaluierung des deutschen Modells zeigen.
Die Bedenken der deutschen Fahrlehrer sind allerdings immens. Sie fürchten auch im Zusammenhang mit anderen Neuerungen der Führerscheinreform eine Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit.
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