Mama und Papa als Fahrlehrer: Kritik an Führerscheinreform

Faktencheck

Kritik an Führerscheinreform:Wird die Laienausbildung zum "gefährlichen Spiel"?

ZDFheute Update - Kevin Schubert

von Kevin Schubert

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Die Eltern als Fahrlehrer? Die Bundesregierung will das testen und wirbt auch mit Vorreiter Österreich. Fahrlehrer sind entsetzt - und sprechen von einem "gefährlichen Spiel".

ILLUSTRATION - 26.01.2026, Sachsen, Dresden: Ein Führerschein liegt unter einem Autoschlüssel.

Was in Österreich schon erfolgreich Praxis ist, soll nun auch in Deutschland kommen: die sogenannte Laienausbildung, also das begleitete Autofahren mit erfahrenen Privatpersonen.

26.03.2026 | 2:45 min

Klaus Robatsch ist ein Fan der Laienausbildung. "Ich habe da selbst mit meinen Töchtern teilgenommen", erzählt der Österreicher ZDFheute. Die Töchter am Steuer, er als Beifahrer: Weit über 3.000 Kilometer haben seine Kinder so laut Robatsch auf ihrem Weg zum Führerschein gesammelt. "Und Fahrpraxis", sagt Robatsch, "ist einfach das Wesentliche für die Sicherheit, wenn man im Straßenverkehr unterwegs ist."

Robatsch leitet die Verkehrssicherheit im Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV). Der Verein setzt sich seit 1959 für die Sicherheit auf Österreichs Straßen ein - und begleitete auch die Einführung des L17-Modells in Österreich, die beliebteste Variante der Laienausbildung.

Die Idee dahinter: Ergänzend zum Unterricht in der Fahrschule dürfen Jugendliche in Begleitung erfahrener Personen am Straßenverkehr teilnehmen. So können sie mehr Erfahrung sammeln. Unter Verweis auf Erfolgszahlen spricht Robatsch für Österreich von einer "sehr guten Lösung".

Das L17-Modell wurde in Österreich am 1. November 1997 für die Führerschein-Klasse B eingeführt. Eine Evaluierung im Rahmen des EU-Projekts "BASIC" ergab schon 2003, dass L17 ...

  • vor allem bei Männern wirkt,
  • die Zahl der Unfälle reduziert, vor allem im zweiten und dritten Jahr der unbegleiteten Fahrerfahrung,
  • und auch die Zahl der Verkehrsdelikte reduziert (weniger Geschwindigkeitsüberschreitungen, weniger Alkoholfahrten).

"Tatsächlich gibt es bei den L17-Ausgebildeten 15 Prozent weniger Unfälle als bei den herkömmlich ausgebildeten Führerscheinbesitzern", schreibt das Kuratorium für Verkehrssicherheit.

Quellen: BASIC-Report; KFV

Deutschland will Laienausbildung unter Verweis auf Österreichs Erfolg ermöglichen

Ist es auch eine "sehr gute Lösung" für Deutschland? Das strebt zumindest die Bundesregierung an. Die Laienausbildung soll Teil der deutschen Führerscheinreform sein. Die vom Kabinett auf den Weg gebrachten Gesetzespläne sehen dafür eine "Experimentierklausel" vor: Fünf Jahre lang soll die Laienausbildung getestet und evaluiert werden. Sie soll dazu beitragen, dass der Führerschein wieder günstiger wird, ohne dass die Verkehrssicherheit darunter leidet.

Dabei orientiert sich Deutschland am Vorbild Österreich. Pate steht allerdings nicht das L17-Modell, sondern eine andere Variante der Laienausbildung - die sogenannten L-Übungsfahrten. Statt 3.000 Kilometern und mehr fahren die Führerschein-Anwärter hier 1.000 Kilometer mit ihren Begleitpersonen.



Bei der Vorstellung der Reform Mitte Mai nannte Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) das Modell "eine sinnvolle Ergänzung" zur klassischen Fahrausbildung.

Einen solchen Ansatz verfolgt bereits Frankreich, verfolgt Luxemburg und verfolgt Österreich - und zwar erfolgreich. Und was dort möglich ist, ist mit Sicherheit auch in Deutschland möglich.

Verkehrsminister Patrick Schnieder

Doch was nach der Übernahme eines bewährten Modells klingt, sorgt unter Fahrlehrern seit Wochen für Entsetzen. Die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF) regt "mit Nachdruck eine Zurückstellung der Laienausbildung an", ihr Vorsitzender Jürgen Kopp spricht gegenüber ZDFheute von einem "sehr gefährlichen Spiel".

Woran entzündet sich die heftige Kritik? Und wird die Laienausbildung wirklich zum Sicherheitsrisiko?

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Die Vorwürfe der Fahrlehrer

Der Haken aus Sicht des BVF: Die Behauptung, dass sich die Laienausbildung so bereits in Österreich bewährt habe, sei "gleich in mehrfacher Hinsicht unzutreffend". Der Vorwurf der Fahrlehrer: Deutschland orientiere sich zwar an Österreich, lasse manche Aspekte aber außen vor.

Kritikpunkt I: Die Praxis

Der Verbandsvorsitzende Jürgen Kopp hebt im Interview mit ZDFheute live mehrere Punkte hervor - unter anderem, dass nur sechs Fahrstunden mit Fahrlehrer vor Beginn der Laienausbildung vorgesehen sind. "Nach sechs Stunden kann ein durchschnittlicher Fahrschüler in der Beurteilung, Stand heute, noch nicht viel - zumindest nicht so viel, dass er mit seinem Papa nach den sechs Stunden (...) auf Überlandfahrten geht", kritisiert Kopp.

Nach 500 bis 600 Kilometern in Begleitung und der dann vorgesehenen Beobachtungsfahrt soll es nach Angaben des Verkehrsministeriums sechs weitere Fahrstunden geben, darunter die Zusatzfahrten Nacht-, Überland- und Autobahnfahrt. Danach dürften die Fahrschüler auch mit ihren Eltern auf die Autobahn, was Kopp für "sehr bedenklich" hält.

"Der Fahrlehrer muss doch erst einmal schauen: Wo steht der Schüler? Was kann er? Was kann er nicht?", sagt Kopp. "Da habe ich Wichtigeres zu tun, als direkt mit dem Fahrschüler auf die Autobahn zu fahren."

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Kritikpunkt II: Die Begleiter

"Kennen alle Eltern immer den aktuellen Stand der Straßenverkehrsordnung? Selbstverständlich nicht", äußert Kopp weitere Bedenken. Das Risiko, dass Begleitpersonen den Fahranfängern veraltete oder falsche Verhaltensweisen beibrächten, hält Kopp hier für hoch.

Kritikpunkt III: Die Grundlagen

In einem Schreiben vom 11. Mai problematisiert Kopps Verband mit Blick auf die Laienausbildung einen weiteren Aspekt der Führerscheinreform: Die theoretische Fahrausbildung soll digitalisiert werden, die Pflicht zum Präsenzunterricht entfallen.

Kopp verweist auf Österreichs L17-Modell. Das sieht vor, dass Fahrschüler in der Grundausbildung mindestens 32 Stunden Theorie-Unterricht in der Fahrschule absolvieren. Für den früheren Fahrlehrer ist genau das entscheidend: "Nur in Präsenz kann ich mit den Fahrschülern den Perspektivwechsel üben", Verständnis also für andere Verkehrsteilnehmer.

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"Warum fährt jemand vor mir langsam?", nennt Kopp ein einfaches Beispiel. "Hat der ein anderes Kennzeichen und kennt sich nicht aus? Oder fährt er so vorsichtig, weil er ein spielendes Kind gesehen hat, das mir noch nicht aufgefallen ist?" Diese soziale Kompetenz im Straßenverkehr sei "enorm wichtig" - und "die kann man sehr gut in der Gruppe im Präsenzunterricht trainieren".

Eine Sprecherin des Verkehrsministeriums geht gegenüber ZDFheute nicht im Detail auf die Vorwürfe der Fahrlehrer ein. Sie verweist aber auf die Voraussetzungen für die L-Übungsfahrten in Österreich, die acht Theoriestunden in Präsenz vorsehen. Die deutschen Pläne sähen vor, dass "Fahrschüler die theoretische Fahrprüfung bestanden haben", was eine "höhere Anforderung als in Österreich" sei.

Kritikpunkt IV: Was auf den Führerschein folgt

In Österreich endet die Fahrausbildung nicht mit dem Erhalt des Führerscheins. Zwei bis vier Monate nach dem Erwerb müssen alle Fahranfänger zu einer Perfektionsfahrt mit einem Fahrlehrer. Nach sechs bis zwölf Monaten folgt eine zweite Perfektionsfahrt. Zudem ist drei bis neun Monate nach der bestandenen Führerschein-Prüfung ein Fahrsicherheitstraining mit verkehrspsychologischem Teil verpflichtend.

In Österreich hätten die Fahrschulen die notwendige Infrastruktur für diese Trainings, sagt Kopp. "Die Infrastruktur für Sicherheitstrainings in Deutschland müsste erst einmal geschaffen werden. Wir können Österreich da nicht einfach so kopieren."

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Der Blick zurück

Kopp rät der Bundesregierung, aus der Vergangenheit zu lernen. Er verweist auf eine Entscheidung der Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU).

"Die Daten der amtlichen Straßenverkehrsunfallstatistik lassen erkennen, dass Fahranfänger besonders häufig an Verkehrsunfällen beteiligt sind", konstatiert die Bundesregierung im Dezember 1985 in einem Gesetzentwurf zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes und des Fahrlehrergesetzes. Um die Situation zu verbessern, schlägt die Regierung vier Maßnahmen vor - darunter an dritter Stelle: "Wegfall der Fahrschülerausbildung durch Laien."

1986 trat das Gesetz in Kraft, Fahrstunden mit Eltern sind seitdem nur noch auf Verkehrsübungsplätzen erlaubt.

Das Fazit

In Österreich sind sich die von ZDFheute befragten Verkehrsexperten einig: Die Laienausbildung - vor allem das L17-Modell - ist ein Erfolgsmodell. Die höhere Fahrpraxis helfe dabei, die Fahrsicherheit zu erhöhen und die Zahl der Unfälle sowie Verkehrsdelikte bei Fahranfängern zu reduzieren. Auf Deutschland lässt sich das angesichts der Unterschiede zwar nicht 1:1 übertragen. Dennoch könnte sich dieser Effekt am Ende auch in der Evaluierung des deutschen Modells zeigen.

Die Bedenken der deutschen Fahrlehrer sind allerdings immens. Sie fürchten auch im Zusammenhang mit anderen Neuerungen der Führerscheinreform eine Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit.

Über das Thema berichteten verschiedene Sendungen, etwa ZDFheute live am 20.05.2026 ab 13 Uhr und die heute-Nachrichten am 20.05.2026 ab 19 Uhr.

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