Stelter zu Schwarz-Rot: "Die SPD ist stark nach links gerückt"

Interview

Ein Jahr Schwarz-Rot:Ökonom Stelter: "Die SPD ist stark nach links gerückt"

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Ökonom Daniel Stelter sieht den Grundkonflikt der Koalition ungelöst: Die SPD wolle umverteilen, die Union sei marktwirtschaftlicher aufgestellt. Gelingen der Koalition Reformen?

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03.05.2026 | 14:34 min

ZDFheute: Kanzler und Vizekanzler sagen mit Hinweis auf Haushalt und Krankenkassen-Finanzreform, Schwarz-Rot habe pünktlich zum ersten Geburtstag ihre Handlungsfähigkeit bewiesen. Wie lautet Ihre Bilanz?

Daniel Stelter: Die Regierung hat in dieser Woche gehandelt, daraus würde ich noch keine generelle Handlungsfähigkeit ableiten. Die Aufgaben sind gewaltig, vor allem in der Wirtschaft.

Dafür braucht es fundamentale Reformen, und das setzt entschlossenes Handeln voraus.

Daniel Stelter, Ökonom

Haushalt mit neuen Schulden

Bei der Haushaltsplanung des Bundes für 2027 stehen nach längerem Koalitionsstreit jetzt die Eckpunkte des Finanzministeriums: Neuverschuldung 110 Mrd. Euro, mit Sonderschulden sogar 200 Mrd.

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ZDFheute: Sie sagten hierzu vor einem Jahr: Union und SPD hätten wirtschaftspolitisch diametral entgegengesetzte Positionen.

Stelter: Das zeigt sich bis heute. Die SPD glaubt, man müsse nur mehr umverteilen, mehr Schulden und Staatsausgaben machen. Die Union ist da marktwirtschaftlicher aufgestellt.

Ein großer Grundkonflikt.

Daniel Stelter, Ökonom

Ich glaube, der Deal war ursprünglich mal: Okay, wir machen die Schulden, im Gegenzug gibt es Reformen. Dieser Deal wurde aber nicht eingehalten: Schulden ja, Reformen nein.

ZDFheute: Aber sind die Schulden angesichts der aktuellen Lage nicht auch notwendig, wie der Finanzminister diese Woche reklamierte?

Stelter: Sie sind notwendig, wegen der Anforderungen bei Verteidigung und Infrastruktur. Aber alle Wissenschaftler und der Sachverständigenrat weisen darauf hin, dass die Mittel eben nicht richtig verwendet werden, sondern um Löcher zu stopfen. Und bis 2030 sind es fast 800 Milliarden Euro an neuen Schulden.

Daniel Stelter, Ökonom
Quelle: ZDF

... ist Ökonom, Blogger und Podcaster. Er ist Gründer des Ökonomie-Podcast "Beyond the Obvious". Gemeinsam mit WELT-Herausgeber Ulf Poschardt startete er im November 2024 den WELT-Podcast "Make Economy Great Again".


ZDFheute: Klingbeils Kritiker sehen darin einen Dammbruch, er selbst sieht sich als eisernen Haushälter.

Stelter: Es ist ein Dammbruch. Denn in der Folge steigt die Zinslast stark an, 2030 schon auf fast 80 Milliarden Euro, eine Verdoppelung gegenüber heute. Dadurch werden die Löcher im Haushalt noch größer. Und der Ruf nach höheren Abgaben und weiteren Schulden dadurch wiederum umso lauter.

Siehe Frankreich: vor 15 Jahren noch sehr solide finanziert - seither hat sich die Staatsverschuldung verdoppelt. Die politische Folge: Die extreme Rechte wie Linke gewinnen enorm hinzu und hintertreiben so beide gemeinsam jede Sanierungsbemühung.

ZDFheute: Was muss Ihrer Meinung nach geschehen?

Stelter: Die Union müsste die Position der Marktwirtschaft noch stärker vertreten. Die SPD ist stark nach links gerückt - und solange sie nicht erkennt, dass sie nur als Reformpartei die Chance hat, wieder eine Volkspartei zu werden, bleibe ich skeptisch.

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29.04.2026 | 5:54 min

ZDFheute: SPD-Chef Lars Klingbeil hat in seiner Bertelsmann-Rede doch jüngst Bereitschaft signalisiert, Reformen entschlossen anzugehen.

Stelter: Das stimmt. Er hat gesagt, es ist nicht genug, einfach mehr Geld auf die Probleme zu werfen. Handeln tut er jetzt aber genau gegenteilig. Auch Friedrich Merz hat viele Reden gehalten - und nicht entsprechend gehandelt.

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Das Bundeskabinett hat heute sowohl den Haushalt für 2027 als auch die Kassenreform auf den Weg gebracht. ZDF-Hauptstadtstudioleiterin Diana Zimmermann ordnet ein.

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ZDFheute: Muss man den Akteuren nicht zugutehalten, dass es - siehe Iran und Ukraine - auch extrem schwierige Zeiten sind?

Stelter: Das muss man zugutehalten. Ich sehe aber, dass die Politik die Krisen gern als Ausrede nutzt für fehlende Erfolge. Stattdessen müssten diese sich verschlechternden Rahmenbedingungen Ansporn sein, endlich richtige Reformen vorzunehmen.

Es bräuchte einen "Big Deal".

Daniel Stelter, Ökonom

ZDFheute: Heißt konkret?

Stelter: Wir haben jetzt all die Einzeldiskussionen. Erst zur Gesundheits-, dann Renten-, dann Pflege-, dann Arbeitsmarktreform. Bei jeder einzelnen gibt es Konflikte und Verteilungsfragen. Es bräuchte ein Gesamtpaket - kombiniert mit einer allgemeinen Abgabenentlastung. Die Reformen würden dann für alle schmerzhafte Einschnitte bedeuten. Wenn aber zugleich alle mehr Geld in der Tasche hätten, sähen es auch alle positiver.

Berlin direkt mit Andrea Maurer

Sendungshinweis: Mehr zum Thema sehen Sie um 19:10 Uhr in der ZDF-Sendung "Berlin direkt". Andrea Maurer interviewt Markus Söder (CSU) und Matthias Miersch (SPD).

Quelle: ZDF

ZDFheute: Aber wurden die Bürger von der Politik nicht geradezu entwöhnt von Zumutungen in den letzten 10 bis 15 Jahren?

Stelter: Sicher, aber die beiden Volksparteien tragen die Verantwortung für die jetzige Situation. Laut Umfragen verstehen die Bürger längst, dass es nötig ist, dass man einen Beitrag leistet.

Ich glaube, die Bevölkerung ist weiter als die Politik.

Daniel Stelter, Ökonom

Wir müssen nun alle gemeinsam mehr Druck machen - und laut einfordern, dass endlich echte, tiefgreifende Reformen kommen. Sonst setzt sich der Niedergang der deutschen Wirtschaft fort und das ist dann ein nachhaltiger Wohlstandsverlust.

Das Interview führte Daniel Pontzen, Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.

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Über dieses Thema berichtete ZDFheute live am 29.04.2026 ab 12:15 Uhr.

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