Gesetz gegen digitale Gewalt: Expertin sieht Schutzlücken

Interview

Sexualisierte Deepfakes und Co.:Gesetz gegen digitale Gewalt: Expertin sieht Schutzlücken

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Ein neuer Gesetzentwurf soll Betroffene von digitaler Gewalt besser schützen. HateAid-Chefin Ballon sieht entscheidende Strafbarkeitslücken dadurch nur teilweise geschlossen.

Schaltgespräch zwischen der Moderatorin Nazan Gökdemir und Josephine Ballon von der Organisation HateAid

Der neue Gesetzentwurf gegen digitale Gewalt bessert punktuell an Stellen nach, an denen "gravierende Schutzlücken" bestünden, so Josephine Ballon von der Organisation HateAid.

18.04.2026 | 3:42 min

Nachdem Collien Fernandez ihren Fall öffentlich gemacht hat, ist im öffentlichen Diskurs eine Debatte um pornografische Deepfakes und digitale Gewalt entstanden. Millionen Menschen sind betroffen, vor allem Frauen. Justizministerin Stefanie Hubig spricht von einem Massenphänomen. Die Bundesregierung will nun härter gegen digitale Gewalt vorgehen.

Josephine Ballon, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation HateAid, begrüßt den Gesetzentwurf, sieht aber auch noch viel Handlungsbedarf.

Sehen Sie das Interview im heute journal update oben in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen.

So bewertet Ballon die Pläne:

Sexualisierte Deepfakes bisher oft nicht strafbar

"Wir sind ganz sicher noch nicht am Ziel", sagt Ballon über den Gesetzentwurf der Bundesregierung. Er bessere "punktuell an Stellen nach, wo wirklich gerade gravierende Schutzlücken bestehen".

 Berlin: Stefanie Hubig (SPD), Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, äußert sich bei einer Pressekonferenz im Bundesjustizministerium zu aktuellen Themen, unter anderem zu einem Gesetzentwurf zum besseren Schutz vor «digitaler Gewalt»

Opfer digitaler Gewalt sollen künftig besser geschützt werden. Justizministerin Hubig (SPD) stellte einen Gesetzentwurf vor, der Lücken im Strafrecht schließen soll.

17.04.2026 | 1:58 min

Besonders bei sexualisierten Deepfakes gebe es bislang Defizite, da diese "aktuell gar nicht richtig vom deutschen Strafrecht erfasst werden". Auch zivilrechtliche Möglichkeiten, sich gegen digitale Gewalt zu wehren und Täter zu identifizieren, würden aus ihrer Sicht gestärkt. Dennoch macht Ballon deutlich, dass der Entwurf nur ein erster Schritt sei.

...ist Rechtsanwältin und Geschäftsführerin der Organisation HateAid, die Betroffene von digitaler Gewalt unterstützt. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Hasskriminalität im Netz, war mehrfach als Sachverständige im Bundestag und auf EU-Ebene geladen und gilt als Expertin für rechtliche Fragen digitaler Gewalt.

Quelle: hateaid.org


Strafbarkeit wichtiger als Strafmaß

Der Gesetzentwurf sieht vor, nicht nur die Verbreitung von sexualisierten Deepfakes unter Strafe zu stellen, sondern auch bereits die Herstellung mit bis zu zwei Jahren Gefängnis zu bestrafen. Für Ballon ist dabei weniger die Höhe möglicher Strafen entscheidend, als die klare gesetzliche Grundlage.

Es kommt darauf an, dass wir überhaupt einen Straftatbestand haben, der explizit die Erstellung dieser Deepfakes unter Strafe stellt.

Johanna Ballon, Geschäftsführerin HateAid

Wichtig sei, dass auch die Gesellschaft die Herstellung sexualisierter Deepfakes nicht dulde.

Strafbarkeit Bildaufnahmen

Justizministerin Hubig hat einen Gesetzentwurf gegen digitale Gewalt vorgelegt. Künftig soll das Erstellen und Verbreiten sexualisierter, pornografischer Deepfakes strafbar sein.

17.04.2026 | 1:55 min

Nach Ansicht Ballons gehe davon eine "gravierende Gefahr" für Betroffene aus - auch dann, wenn die Inhalte zunächst nicht verbreitet würden. "Die liegen dann da, das sind Daten, die nur einen Mausklick oder ein Datenhack davon entfernt sind, veröffentlicht zu werden."

Streitpunkte bei IP-Daten und Klarnamenpflicht

In dem Gesetzentwurf ist zudem eine zeitlich begrenzte Speicherung von IP-Adressen vorgesehen. Für Ermittlungsbehörden sei vor allem eine verlässliche Speicherdauer entscheidend, da die aktuelle Praxis sehr uneinheitlich sei, sagt Ballon.

Portrait von Verona Pooth bei einem Fototermin in einem One-Shoulder-Outfit

Verona Pooth hat über ihre eigenen Erfahrungen mit digitaler sexualisierter Gewalt gesprochen. Sie habe immer wieder gefälschte Bilder von sich geschickt bekommen.

31.03.2026 | 0:52 min

"Einige Internetanbieter speichern wenige Stunden, andere eine ganze Woche", so Ballon. "Das ist sehr schwer einzukalkulieren für die Ermittlungsbehörden." Die Pflicht, Klarnamen zu nennen, lehnt Ballon genau wie Justizministerin Hubig ab. Es sei "richtig, diese abzulehnen", da auch Betroffene auf Anonymität angewiesen seien und sonst Schutz verlieren könnten.

Mehr Druck durch öffentliche Debatte

Dass sexualisierte Deepfakes strafrechtlich erfasst werden sollen, sei "schon im Koalitionsvertrag angekündigt" gewesen, sagt Ballon. Allerdings habe die jüngste Diskussion "eine sehr breite gesellschaftliche Debatte" ausgelöst und politischen Druck erzeugt.

29.03.2026, Bayern, München: Demonstranten stehen bei einer Demonstration für Solidarität mit Collien Fernandes und Betroffenen von digitaler, sexueller Gewalt auf dem Königsplatz.

In mehreren deutschen Städten sind wieder Menschen gegen sexualisierte digitale Gewalt auf die Straße gegangen – auch aus Solidarität mit der Schauspielerin Collien Fernandes.

29.03.2026 | 0:18 min

"Wir (…) sprechen seit Jahren darüber, dass von sexualisierten Deepfakes eine Gefahr ausgeht und da war es leider nicht so, dass alle hingehört haben", so Ballon. Die aktuell große öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Gesetzentwurf begrüßt Ballon daher.

Über dieses Thema berichtete das ZDF im heute journal update am 18.04.2026 ab 0:25 Uhr.

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