Scharfe Kritik an Ermittlungsergebnissen:Cum-Ex-Aufarbeitung: Früherer Minister sieht Staatsversagen
von M. Orosz, H. Rahms und C. Salewski
Ex-NRW-Justizminister Biesenbach fällt eine verheerende Bilanz der Cum-Ex-Ermittlungen und fordert ein Eingreifen von Ministerpräsident Wüst. Die Staatsanwaltschaft betont Erfolge.
Schleppende Aufklärung, Verjährung, wenig Tempo: Unter anderem Peter Biesenbach kritisiert die Cum-Ex-Ermittlungen - und fordert mehr politischen Willen. Die Staatsanwaltschaft widerspricht.
21.05.2026 | 3:38 min"Anklagen am Fließband" hatte der ehemalige Justizminister Nordrhein-Westfalens, Peter Biesenbach (CDU), versprochen - eine flächendeckende Aufarbeitung des wohl größten Steuerskandals der Bundesrepublik. Es geht um die sogenannten Cum-Ex-Aktiendeals, Finanzgeschäfte, bei denen die Profite aus der Steuerkasse kamen.
Heute, 14 Jahre nach Beginn der Cum-Ex-Ermittlungen der federführenden Staatsanwaltschaft Köln, fällt Biesenbachs Bilanz verheerend aus:
Das ist Staatsversagen.
Peter Biesenbach (CDU), Ex-Justizminister Nordrhein-Westfalen
Geheime Deals, komplexe Sprache, kaum Spuren: Wie Investigativjournalisten undurchsichtige CumCum‑Geschäfte entlarven. _frontal inside blickt hinter die Recherche.
13.05.2026 | 8:45 min"Hier riskiert die nordrhein-westfälische Justiz ihren absoluten Offenbarungseid", sagt der ehemalige NRW-Justizminister im Gespräch mit ZDF frontal.
... geht es darum, sich Steuern auf Dividenden erstatten zu lassen, die zuvor gar nicht gezahlt wurden.
Dazu taten sich mehrere Akteure arbeitsteilig zusammen, um Aktien rund um den Dividendenstichtag so zu handeln, dass der Eindruck entstand, mehrere von ihnen hätten Anrecht auf die Erstattung der tatsächlich nur einmal abgeführten Kapitalertragssteuer.
Dieser Griff in die Staatskasse war kein Ausnutzen einer Gesetzeslücke, wie viele Cum-Ex-Profiteure lange behaupteten, sondern schon immer kriminelle Steuerhinterziehung, wie der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil 2021 feststellte.
Ermittlungsstand: Mehr als 1.700 Beschuldigte, 16 Anklagen
Die Staatsanwaltschaft Köln begann schon 2013 unter der Leitung der damaligen Staatsanwältin Anne Brorhilker gegen die mutmaßlichen Täter und Beteiligten der steuergetriebenen Geschäfte zu ermitteln. Zwölf Jahre später schied Brorhilker freiwillig aus dem Dienst und wechselte zum Verein "Finanzwende", der sich als "Gegengewicht zur Finanzlobby" begreift.
In einem Interview begründete sie dies 2004 auch damit, dass sie unzufrieden damit sei, wie in Deutschland Finanzkriminalität verfolgt werde:
Da geht es oft um Täter mit viel Geld und guten Kontakten, und die treffen auf eine schwach aufgestellte Justiz.
Anne Brorhilker, ehemalige ermittelnde Staatsanwältin Cum-Ex-Skandal
Anne Brorhilker hat als Staatsanwältin zehn Jahre lang an der Aufarbeitung des Cum-Ex-Skandals gearbeitet. 2024 hat sie ihr Amt niedergelegt - aus Protest.
16.07.2024 | 1:59 minIhr Nachfolger als Kölner Cum-Ex-Chefermittler wurde Oberstaatsanwalt Tim Engel. Unter seiner Leitung wühlen sich aktuell 39 Staatsanwälte durch enorme Datenmengen. Weil viele international tätige Banken und im Ausland lebende Verdächtige in Cum-Ex verwickelt waren, sind sie auch auf die Zusammenarbeit mit Behörden anderer Länder angewiesen.
Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt heute nach eigener Auskunft gegen rund 1.750 Beschuldigte. Bis Mai 2026 zählte die Ermittlungsbehörde insgesamt 16 Anklagen gegen 26 Personen. Keine der bisher durchgeführten Hauptverhandlungen endete mit einem Freispruch. 13 Angeklagte sind zu teilweise langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden, schreibt die Staatsanwaltschaft Köln auf Anfrage von frontal. Im Jahr 2025 wurden vier Anklagen eingereicht.
Kritik kommt auch aus NRW-Landtag
Im Interview mit frontal kritisiert der frühere NRW-Justizminister Biesenbach diese Bilanz und warnt: "Hier verjähren inzwischen auch die ersten acht Verfahren." Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln widerspricht:
Bislang ist es gerade durch die systematische Aufarbeitung der Taten und trotz der Vielzahl von Verfahren gelungen, Verjährungen entgegenzuwirken.
Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln
Peter Biesenbach, ehemaliger Justizminister in Nordrhein-Westfalen, kritisiert die Cum-Ex-Ermittlungsergebnisse als Staatsversagen.
Quelle: dpaDoch auch andere kritisieren den schleppenden Verlauf der Cum-Ex-Aufarbeitung. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses im Landtag Nordrhein-Westfalen, Werner Pfeil (FDP), spricht gegenüber frontal von "Stillstand bei der Verfolgung der Cum-Ex-Verfahren". Es reiche nicht, wenn der Justizminister immer wieder betone, die Aufklärung dieser Straftaten sei ein besonderes und mit allem Nachdruck verfolgtes Anliegen.
Der Staat müsse, um eine Chance im Kampf gegen die "weltweit professionellsten Finanzexperten" zu haben, "die Strafverfolgungsbehörden personell und sachlich deutlich besser aufstellen." Pfeil fordert zudem ein "interdisziplinäres Bundesamt zur Bekämpfung von Finanzkriminalität".
Beck: Für Aufklärung "viel mehr politischer Wille" nötig
Auch die finanzpolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion, Katharina Beck, fordert mehr Tempo bei der Aufarbeitung.
Cum-Ex-Fälle müssen lückenlos und mit viel mehr politischem Willen aufgeklärt werden, denn es geht um viele Milliarden, die der Allgemeinheit von Kriminellen im Nadelstreifenanzug gestohlen wurden.
Katharina Beck, finanzpolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion
Etwa eine Million Strafverfahren sind in Deutschland unerledigt, im Staatsdienst fehlen rund 2.000 Juristen und bei der Polizei 50.000 Beamte.
24.09.2024 | 10:09 minAuf Bundes- und Landesebene müsse deutlich mehr passieren. Betriebsprüfungen und Staatsanwaltschaften müssten ihrer Ansicht nach substanziell gestärkt und Sondereinheiten für komplexe Fälle gebündelt werden.
Bei der Staatsanwaltschaft Köln sieht man sich indes schon heute gut aufgestellt. Ein Sprecher betont, die für die Cum-Ex-Verfahren eingerichtete Hauptabteilung sei in ihrer Art und Größe einmalig. In keinem anderen Bundesland würden "in vergleichbarem Umfang Ressourcen von Justiz, Polizei und Steuerfahndung" für Cum-Ex-Ermittlungen bereitgestellt wie in Nordrhein-Westfalen.
Anfang 2026 seien sogar noch "eine erhebliche Anzahl weiterer Stellen für Staatsanwältinnen und Staatsanwälte" hinzugekommen. Auch das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen betont auf Anfrage, dass die zuständige Hauptabteilung organisatorisch und personell gut aufgestellt sei.
Mit Cum-Ex verbindet man den wohl größten Steuerraub der Geschichte. Wie einige mutige Menschen die Wahrheit darüber ans Licht brachten.
17.04.2026 | 91:10 minStaatsanwaltschaft Köln weist Kritik zurück
Ex-Justizminister Biesenbach, der heute ebenfalls Mitglied im Verein "Finanzwende" ist, sieht trotzdem keinen Willen, "etwas zu erreichen", wie er sagt. Die Kölner Staatsanwaltschaft sei ein Nadelöhr.
Der Grundsatz, die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen, schafft hier gerade ein Paradebeispiel. Das ist für mich einfach unfassbar, weil ich damit den Ruf der Justiz gefährde.
Peter Biesenbach (CDU), Ex-Justizminister Nordrhein-Westfalen
Biesenbach fordert gar ein Eingreifen von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU): "Ich weiß nicht, ob der Ministerpräsident im Hintergrund mit dem Justizminister darüber redet, aber er kann sich dem auch nicht entziehen. Wenn er erkennt, dass es wirklich schiefläuft, muss er eingreifen. Ich erwarte es von ihm."
Die Kölner Staatsanwaltschaft weist die Kritik, man messe den Cum-Ex-Ermittlungen nicht die erforderliche Bedeutung zu, indes als "völlig unzutreffend" zurück. "Wo immer dies nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung zu Steuerhinterziehungen geboten und nach dem Ergebnis der Ermittlungen möglich ist, werden Anklagen erhoben", teilt sie mit. Tatsächlich beginnt heute vor dem Landgericht Bonn ein weiterer Cum-Ex-Prozess, diesmal gegen einen ehemaligen Mitarbeiter der australischen Investmentbank Macquarie.
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr über Steuerbetrug
Deals zulasten der Steuerkasse:Größte deutsche Kirchenbank in Cum-Cum-Deals verwickelt
von Marta Orosz, Heiko Rahms, Christian Salewskimit Video11:04Neue Regeln für Barbershops:Wie Schwarz-Rot gegen Schwarzarbeit vorgehen will
von Johannes Lieber und Dominik Rzepka- Exklusiv
Mossack Fonseca:Panama Papers: Ex-Miteigentümer von Kanzlei muss vor Gericht
von Frederik Obermaier und Bastian Obermayer