Betroffene organisieren sich:Wie sich Cottbus gegen rechte Gewalt wehrt
von Anna Bayer
Rechtsextreme Angriffe, Angst und Einschüchterung: In Cottbus organisieren sich Betroffene selbst, weil sie sich von Politik und Behörden allein gelassen fühlen.
Randale, Hakenkreuzschmierereien, in Cottbus nehmen mutmaßliche rechtsextreme Vorfälle zu. Mehr Polizeischutz und Videoüberwachung sollen dagegen wirken, aber das Problem scheint tiefer zu gehen.
16.05.2026 | 4:13 minVor dem Jugendclub "Chekov" in Cottbus stehen 15 Security-Mitarbeiter. Hinter dem hohen Zaun dröhnt Musik, junge Menschen tanzen und lachen. Es wirkt wie ein normaler Partyabend. Doch die Sicherheitsmaßnahmen sind nicht zufällig gewählt.
Nach Veranstaltungen versuchen die meisten, nicht allein nach Hause zu gehen. Zu groß ist die Angst vor Rechtsextremen. "Das ist gruselig, was hier passiert", sagt Ezequiel, der häufiger ins "Chekov" geht. "Die trauen sich mittlerweile mehr."
Mehr als 600 Polizeikräfte haben eine Razzia gegen mutmaßliche Rechtsextremisten durchgeführt. Die Beamten durchsuchten rund 50 Objekte in zwölf Bundesländern, Festnahmen gab es keine.
06.05.2026 | 0:23 minWas viele in Cottbus erleben, ist längst mehr als ein Unsicherheitsgefühl. Rechtsextreme Angriffe und Einschüchterungen treten zunehmend offen auf.
Betroffene haben beobachtet, dass es zumeist Gruppen von Jugendlichen sind, die vor Jugendclubs und alternativen Kulturorten randalieren und Fassaden mit verfassungsfeindlichen Symbolen und rechtsextremen Codes beschmieren. Inzwischen richtet sich ihre Gewalt auch gegen Privatpersonen.
Es gibt immer mehr rechts motivierte Gewalt in Deutschland. Die Zahl ist von knapp 1.300 Gewalttaten im Jahr 2023 auf mehr als 1.500 Fälle im vergangenen Jahr gestiegen.
15.02.2026 | 0:20 minMutmaßlich rechtsextreme Angriffe auf private Wohngemeinschaften
Immer wieder wird beispielsweise Idas WG Ziel von Angriffen. Vor einigen Wochen warfen Unbekannte eine Rauchfackel in ihren Hausflur, die jungen Menschen mussten ins Freie fliehen. Zwar hat Ida Angst, aber vertreiben lassen will sie sich nicht. "Es ist einfach mein Recht, hier wohnen zu dürfen", sagt sie.
Auch die Synagoge in Cottbus wurde mit einem Hakenkreuz beschmiert. Die Politik will daraufhin ein Zeichen setzen und demonstriert Solidarität mit den Betroffenen. Kameraüberwachung an öffentlichen Plätzen und Polizeischutz sollen Gewalttäter abschrecken. Landesinnenminister Jan Redmann sagt:
Die jungen Menschen, die sich dort haben radikalisieren lassen, sollen merken, es gibt eine Polizei, es gibt einen Rechtsstaat.
Jan Redmann, Innenminister Brandenburg (CDU)
2024 gab es 38.000 rechtsextreme Gewalt- und Straftaten und 6.000 linksextreme. Das geht aus dem Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutzes hervor.
10.06.2025 | 1:56 minKulturverein: "Es ist nie schlimm genug"
Viele der Betroffenen glauben jedoch nicht, dass diese Maßnahmen gegen die Angriffe helfen werden. Sie fühlen sich mit ihren Sorgen allein gelassen. "Es ist nie schlimm genug, dass man eine richtige Reaktion bekommt", sagt Hans Youssouf Kiesler vom Kulturverein "Rosa".
Die Fenster des ehemaligen Blumenladens haben viele Sprünge, weil auch hier Unbekannte versucht haben, sie einzuschlagen. Kiesler versteht nicht, warum die Stadt nicht handelt.
Die warten irgendwie auf das Schlimmste, bevor sie reagieren.
Hans Youssouf Kiesler, Kulturverein "Rosa"
Die Stadt selbst sagt, sie habe sich mit den Betroffenen solidarisiert und wolle Bildungs- und Sozialarbeit fortsetzen. Doch die finanziellen Ressourcen seien sehr gering.
Brandenburgs Ministerpräsident Woidke ist "fassungslos" über ausländerfeindliche Gesänge in einer Diskothek in Falkenberg. Der Vorfall soll sich bei einer Teenager-Party ereignet haben.
22.03.2026 | 0:43 minBetroffene organisieren sich selbst
Aus dem Gefühl heraus, in Cottbus weitgehend auf sich allein gestellt zu sein, entstand die Initiative "Sichere Orte". Betroffene wollten sich selbst organisieren, gegen die Angst und gegen das Gefühl, schutzlos zu sein. Die Initiative organisiert Demonstrationen und macht die Vorfälle öffentlich.
Ricarda Budke, Sprecherin der Initiative Sichere Orte, erlebt eine große Solidarität. "Jeder Angriff, der öffentlich gemacht wird, führt zu mehr Menschen, die sich engagieren," sagt sie. Trotzdem seien rechtsextreme Positionen längst keine Randerscheinungen mehr in Cottbus.
Wir erleben schon sehr viele Angriffe von rechtsextremen Akteuren.
Ricarda Budke, Sprecherin der Initiative Sichere Orte
Hakenkreuzschmierereien, Hitlergrüße und rechte Parolen in der Stadt würden mittlerweile von vielen als "normal" angesehen.
Die Initiative Sichere Orte hilft angegriffenen Projekten und Privatpersonen mit Spendengeldern. So können diese eingetretene Türen und zerschlagene Fensterscheiben wieder reparieren. Seit die Initiative gegründet wurde, fühlen sich die Betroffenen nicht mehr so allein und trauen sich auch immer mehr an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt Budke.
Anna Bayer berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Brandenburg.
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