Am Ende bleibt die Frage: Wie weiter beim Trisomie-Test?

Emotionale Bundestagsdebatte:Wie geht es weiter mit dem Trisomie-Test?

Dorthe Ferber

von Dorthe Ferber

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Der Bundestag hat über den von Kassen bezahlten pränatalen Test auf das Trisomie-Risiko diskutiert. Abgeordnete von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linken fordern eine Überprüfung.

Beatrix von Storch, spricht im Plenarsaal im Bundestag.

Der Bluttest auf Trisomie ist seit 2022 Kassenleistung. Mehr als 100 Abgeordnete fürchten, dass Ärzte ihn zu routinemäßig empfehlen. Gynäkologen weisen die Vorwürfe zurück.

20.03.2026 | 0:26 min

Ein Antrag, den CDU-Mann Philipp Amthor gemeinsam mit Linken-Fraktionschef Sören Pellmann unterzeichnet, ist selten. Gemeinsam mit rund hundert Bundestagsabgeordneten fordern sie eine Überprüfung, wie der Test zur Früherkennung von Trisomien eingesetzt wird.

Die Debatte über den Umgang mit dem sogenannten "nicht invasiven Pränataltest" berührt ethische Grundfragen: Welches Recht auf Wissen und Selbstbestimmung haben Schwangere? Was bedeutet die Anwendung des Tests für den Umgang mit Behinderung?

Emotionale Debatte über Fraktionsgrenzen hinweg

Die Debatte im Bundestag dazu verläuft höchst emotional, persönlich und über alle Fraktionsgrenzen hinweg. "Sie erleben eine sehr seltene Situation im Bundestag", ruft Sitzungspräsident Bodo Ramelow (Die Linke) den Besuchern auf der Tribüne zu.

Mit Bluttests, den so genannten "nicht invasiven Pränataltests" (NIPT), können Ärzte Kinder noch vor der Geburt auf bestimmte genetische Auffälligkeiten untersuchen. Mehr als hundert Abgeordnete von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linken fordern in einem fraktionsübergreifenden Antrag eine genauere Regelung, wann diese Tests angewendet werden sollen.

Sie fürchten, dass diese Untersuchung regelmäßiger zum Einsatz kommt als medizinisch eigentlich erforderlich wäre. Bei dem Pränataltest handelt es sich um eine Blutuntersuchung auf die Trisomien 13, 18 und 21.

Quelle: AFP


Der Test solle nur in begründeten Einzelfällen zur Anwendung kommen, betont Simone Fischer (Grüne). Der Druck auf Frauen zu Entscheidungen wachse, sagt die kleinwüchsige Abgeordnete, und fügt hinzu: "Das sage ich auch als Frau mit Behinderung." Neun von zehn Frauen entschieden sich bei einem Testergebnis, das auf eine Trisomie hindeute, für den Abbruch der Schwangerschaft.

Interfraktioneller Antrag zu nicht-invasiven Pränataltests

Die Bundestagsdebatte zu einem fraktionsübergreifenden Antrag mit dem Titel "Kassenzulassung des nicht-invasiven Pränataltests (NIPT) - Monitoring der Konsequenzen und Einrichtung eines Gremiums" in vollger Länge.

20.03.2026 | 68:10 min

"Der Test droht stillschweigend zur Norm zu werden", sagt die schwangere Abgeordnete Mareike Hermeier (Die Linke). Auch sie sei von der Gynäkologie-Praxis aufgefordert worden, einen Termin zum Test-Zeitpunkt auszumachen. Von einer selbstbestimmten Entscheidung könne aber nur gesprochen werden, wenn aus der Möglichkeit des Tests keine Empfehlung werde.

Jede zweite Schwangere bucht Pränatal-Test

Laut Daten der Krankenkassen nutzt inzwischen jede zweite Schwangere den Test. Es brauche daher ein systematisches Monitoring der Tests, fordern die Befürworter des Antrags. Sie wollen zudem ein Expertengremium einsetzen, das die Kostenerstattung des Tests durch die Kassen prüft.

Das ursprüngliche Ziel, durch die Kassenzulassung des Tests die Zahl der gefährlicheren Fruchtwasseruntersuchungen zu verringern, sei verfehlt worden.

"Der Test signalisiert ein Risiko, obwohl das Kind gesund wäre", betont Stefan Pilsinger (CDU). Es gebe falsch positive Ergebnisse und dann sei die endgültige Abklärung nur durch eine Fruchtwasseruntersuchung möglich - also des Verfahrens, das man durch Zulassung des Tests vermeiden wollte.

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Abgeordnete: "Höchstpersönliche Entscheidung"

Eine "höchstpersönliche Entscheidung" sei der Test, findet Carmen Wegge (SPD). Sie selbst habe sich sehr bewusst für den Test und das Wissen in der Schwangerschaft entschieden. Wegge ist gegen den Antrag, der auch die Auswirkung auf die Geburtenrate untersuchen wolle: "Ab wann ist denn eine Zahl hoch genug, dass wir sagen: Es ist eine problematische Entwicklung?", fragt Wegge.

Auch Paula Piechotta (Grüne) spricht sich dagegen aus. Es sei gut, dass der Test nicht mehr vom Geldbeutel abhängig sei:

Der Antrag fordert mehr Kontrolle von Schwangeren und Ärzten bei einer höchst persönlichen Entscheidung.

Paula Piechotta (Grüne), Bundestagsabgeordnete

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Die Abgeordnete Emmi Zeulner (CSU) betont dagegen, dass es nicht darum gehe, "die reproduktive Autonomie der Frauen" einzuschränken, sondern um "mehr Wissen und mehr Transparenz in einem sensiblen Bereich."

Unterschiedliche Meinungen auch in der AfD-Fraktion

Unterschriften von Abgeordneten der AfD finden sich nicht auf dem überfraktionellen Antrag. Die Debatte aber macht deutlich, dass auch in der AfD-Fraktion Befürworter und Gegner vertreten sind: "Wer als Staat pränatale Tests erschweren oder verbieten will, legt Denkweise von autoritären China wie China an", sagt der AfD-Abgeordnete Martin Sichert. Seine Fraktionskollegin Martina Kempf hingegen fragt:

Was ist, wenn der Test ein positives Ergebnis zeigt?

Martina Kempf (AfD), Bundestagsabgeordnete

Es bestehe das Risiko einer vorsorglichen Abtreibung, so Kempf. Darauf habe ja ihre Vorrednerin von der Linken schon hingewiesen.

dpa

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Es ist eine außergewöhnliche Debatte: Der Bundestag zeige, dass er über Parteigrenzen hinweg nach dem besten Weg in ethischen Grundfragen suche, schließt Sitzungspräsident Ramelow. Gefunden hat das Parlament diesen Weg noch nicht - der Antrag wurde heute erst mal in die Ausschüsse überwiesen.

Dorthe Ferber ist Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio Berlin.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress in dem Beitrag "Bundestag: Debatte um Trisomie-Bluttests" am 20.03.2026 um 10:02 Uhr.

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