Blick nach Baden-Württemberg:Warum die AfD bei Arbeitern punktet - und die SPD verliert
von Jasmin Astaki-Bardeh
Krise, Jobabbau: Viele Arbeiterinnen und Arbeiter fühlen sich politisch nicht mehr vertreten. Die SPD hat Vertrauen ihrer früheren Kernwählerschaft verloren - die AfD profitiert.
Viele Arbeiter fühlen sich von klassischen Arbeiterparteien nicht mehr vertreten. Bei Wahlen, etwa im Autoland Baden‑Württemberg, profitierte davon insbesondere die AfD.
01.05.2026 | 3:01 minWer vertritt heute noch die Interessen von Arbeitern und Arbeiterinnen? Diese Frage beschäftigt gerade auch im Industrieland Baden-Württemberg. Arbeitsplätze sind massiv bedroht.
Bei Mercedes in Untertürkheim haben Arbeiter Sorge um die Zukunft und fühlen sich in Bund und Land wenig unterstützt: "Ich war ja nicht wählen, das sage ich offen und ehrlich. Ich habe den Eindruck, meine Stimme wird nichts bewirken", sagt ein Arbeiter vor dem Werk in Untertürkheim, der seinen Namen nicht nennen mag. Ein anderer Arbeiter fügt hinzu:
SPD ist CDU in Rot. Es gibt keine Arbeiterpartei in Deutschland.
Arbeiter bei Mercedes-Benz in Untertürkheim
BaWü-Wahl: Jeder dritte Arbeiter wählte AfD
Die langjährige Arbeiterpartei SPD stürzte bei der baden-württembergischen Landtagswahl drastisch ab - die AfD gewann mit 18,8 Prozent enorm hinzu: Etwa jeder dritte Arbeiter wählte laut Infratest dimap die AfD. Die SPD kam dagegen nur auf 5,5 Prozent und erreichte den Wiedereinzug in den Landtag nur knapp. Der damalige Landesvorsitzende Andreas Stoch zog Konsequenzen und trat zurück.
- Wahl in BaWü: Grüne gewinnen knapp vor CDU - AfD auf Platz drei














































Für die SPD ist das ein Alarmsignal. Die stellvertretende Landesvorsitzende Dorothea Kliche-Behnke will der SPD im Land wieder eine Identität geben: "Dass wir ganz klar verständlich wieder Partei der Arbeit sind."
Die AfD konnte bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg nicht das Ergebnis der letzten Bundestagswahl erzielen. Das zeige, dass die Partei nicht einfach nur zulege, so Politologe Karl-Rudolf Korte.
08.03.2026 | 2:49 minAnna Große-Schulte hat viele Jahre als Betriebsrätin bei Mercedes-Benz im Werk Rastatt mitgekämpft. Der zentrale Bruch waren für sie die Reformen der Schröder-Regierung: "Mit dem, was wir alle als Hartz IV noch kannten. Das war aber noch viel mehr. Das war die völlige Etablierung von Leiharbeit in Deutschland. Das war eine wirkliche Zäsur."
Mercedes-Betriebsrat: Kein direkter Kontakt der SPD zu Arbeitern
Auch Michael Clauss ist seit Jahrzehnten im Mercedes-Werk in Stuttgart-Untertürkheim beschäftigt und lange Betriebsrat. Von der SPD fühlt er sich allein gelassen, weil sie keinen direkten Kontakt zu den Arbeitern im Betrieb suche.
Ich nehme nicht wahr, dass Parteivertreter der Sozialdemokratie auf uns zugehen und uns nach unseren Positionen und unseren Meinungen fragen.
Michael Clauss, Vize-Betriebsratsvorsitzender der IG Metall im Werk Untertürkheim
Für ihn wolle die SPD in diesen Tagen keine Arbeiter-, sondern eine Bürgerpartei für alle sein.
Um Personaldiskussionen im Keim zu ersticken, setzt die SPD-Parteispitze nun auf inhaltliche Erneuerung. Mit Reformvorschlägen in der Steuer- und Sozialpolitik will sie aus der Krise kommen.
31.03.2026 | 9:13 minDie Lücke scheint laut dem emeritierten Soziologen an der Universität Jena Klaus Dörre nun die AfD für sich zu nutzen. Ihr gelinge eine "fiktive Aufwertung der Arbeiterschaft":
Das ist nicht, euch geht es schlecht, ihr seid abgehängt, sondern da ist die Botschaft drin: Ihr könnt was, Kopf hoch, und wir machen es.
Klaus Dörre, Soziologie an der Universität Jena
Anna Große-Schulte erlebt bei sich im Werk, dass es auf fruchtbaren Boden fällt, wenn Arbeiterinnen und Arbeiter das Gefühl haben, an ihren eigenen Lebens- und Arbeitsbedingungen nichts ändern zu können.
Der häufigsten Satz, der mich auch sehr traurig macht in der Fabrik, ist: Da kann man doch sowieso nichts machen, die machen sowieso, was sie wollen mit uns.
Anna Große-Schulte, IG Metall im Mercedes-Werk Rastatt
Die AfD liegt laut ZDF-Politbarometer bei der Sonntagsfrage mit 26 Prozent erstmals einen Prozentpunkt vor der CDU. Nur noch 27 Prozent bewerten die Arbeit der Bundesregierung als gut.
17.04.2026 | 1:12 minPolitik-Experte: AfD vertritt keine Arbeiter-Interessen
Für den Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke ist jedoch klar: Die AfD verkörpere nicht die Forderungen der Arbeiterinnen und Arbeiter, denn ihre Politik sei neoliberal - eher wirtschaftsfreundlich, also für die Kapitalseite.
Sie bekämpft sogar das, was der DGB fordert. AfD-Co-Chef Chrupalla nennt den DGB den Gegner.
Albrecht von Lucke, Politikwissenschaftler
Auch Dorothea Kliche-Behnke, die die neue SPD-Landesvorsitzende werden will, möchte aufzeigen, dass die SPD es anders machen kann als die AfD. "Wenn man mal anschaut, wofür die eigentlich stehen, ist es eine Entlastung der vor allem Reichen."
"Wir stellen fest: Die Rechten sind in unseren Betrieben als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet", so IG‑Metall‑Chefin Benner über AfD-Personalien in den Gewerkschaften.
01.05.2026 | 5:35 minGewerkschafterin fordert mehr Einbezug der Arbeiter
Gewerkschafterin Anna Große-Schulte wünscht sich, dass die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen für ihre gemeinsamen Interessen einstehen und erleben, dass sie im Kollektiv etwas erreichen können. "Wenn auf Konferenzen nicht die Funktionäre nur reden, sondern wenn es Formate gibt, in denen Arbeiterinnen und Arbeiter einbezogen werden."
Fest steht: Viele Arbeiter und Arbeiterinnen fühlen sich von der langjährigen Arbeiterpartei SPD nicht mehr gehört. Das nutzt die AfD - und profitiert davon bei Wahlen.
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