Aktivrente in der Praxis: Was Rentnerinnen berichten

Weiterarbeiten im Rentenalter:Was die Aktivrente bringt: "Keine Lust, nur Oma zu spielen"

Redakteur Lothar Becker, ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.

von Lothar Becker

|

Die Aktivrente soll das Weiterarbeiten im Rentenalter attraktiv machen. Steuerfrei im alten Job bleiben, geht aber nicht für alle. Was Rentnerinnen berichten und wo es Kritik gibt.

Aktivrente - Rentnerin arbeitet als Friseurin

Die neue Aktivrente mit steuerfreiem Zuverdienst in Höhe von 2000 Euro ist für viele attraktiv. Die 69-Jährige Jutta will weiter als Friseurmeisterin arbeiten. Doch so einfach ist es nicht.

28.03.2026 | 4:21 min

Wenn Jutta Wolter über das Älterwerden spricht, klingt das nicht nach Abschied. Eher nach einem entschlossenen Weitergehen. "Ich hab keine Lust, zu Hause zu sitzen und auf die Möbel aufzupassen", sagt die Friseurmeisterin aus Köln. Seit drei Jahren bezieht sie Rente. Mit 70 übergibt sie jetzt ihren Salon an ihre langjährige Mitarbeiterin - und bleibt trotzdem. Als Angestellte.

Wenn ich mit 80 noch Handtücher falte, ist doch egal. Aber ich bin noch da.

Jutta Wolter, Friseurmeisterin

Aktivrente: Arbeiten im Ruhestand wird attraktiver

Für Wolter ist dieser Schritt mehr als ein Rechenmodell. Es geht um ihr Lebenswerk, um die Nähe zu den Kunden, um das tägliche Miteinander im Team. Aufzuhören, nur weil ein Datum im Kalender steht, kommt für sie nicht infrage.

Die neue Aktivrente gibt ihr dafür Rückenwind: Rentner können bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen, ohne dass die Rente gekürzt wird. "Ein schönes Zubrot", sagt Wolter - vor allem aber ermögliche es einen Übergang, der sich richtig anfühlt. Nicht von "150 auf Null", sondern in Etappen.

Matthias Kowalski am "Volle Kanne"-Pult

Die Aktivrente gilt seit dem 1. Januar 2026 in Deutschland. Welchen Nutzen hat sie für Betroffene und wie unterstützt sie die Gesellschaft? Rentenexperte Matthias Kowalski klärt wichtige Fragen.

13.01.2026 | 6:27 min

Fachkräftemangel im Handwerk: Erfahrung bleibt gefragt

Genau an diesem Punkt wird aus der persönlichen Geschichte eine strukturelle Frage - vor allem im Handwerk. Denn dort geht es nicht nur um Arbeitskräfte, sondern auch um Erfahrung, Verantwortung und Nachfolge. Beim Westdeutschen Handwerkskammertag kennt man dieses Problem gut. Martina Scharla stand kurz vor der Rente, als ihr Chef fragte, ob sie bleiben wolle. Heute arbeitet sie 19,5 Stunden pro Woche als Aktivrentnerin. "Das hält mich fit", sagt sie. Und:

Ich habe auch keine Lust, nur Oma und Uroma zu spielen.

Martina Scharla, Aktivrentnerin

Entscheidend sei nicht das Geld gewesen, sondern die Freude an der Arbeit - und die Wertschätzung, gebraucht zu werden. Für Geschäftsführer Dr. Florian Hartmann ist genau das der Kern der Aktivrente. Ältere blockierten keine Jüngeren, sagt er, sondern ergänzten sie. Erfahrung treffe auf neue Ideen, Wissen werde weitergegeben, Übergaben würden leichter.

Gerade im Handwerk, das unter Fachkräfte- und Nachfolgeproblemen leidet, könne die Aktivrente ein wichtiger Baustein sein, um Betriebe stabil in die nächste Generation zu führen.

Euro und Schweizer Franken

Rentendiskussion: Die Schweiz setzt auf ein Drei-Säulen-Modell für die Rente. Was steckt dahinter und könnte es ein Vorbild für Deutschland sein? Ein Blick über die Grenze.

13.01.2026 | 2:07 min

Kritik an der Aktivrente: Nicht alle profitieren

Doch das System hat einen deutlichen Haken. Carsten Nicklaus, Vizepräsident des Deutschen Steuerberaterverbandes, spricht von einem "Novum", weil die Aktivrente ausschließlich abhängig beschäftigte Rentner begünstigt. Selbstständige, Freiberufler oder Beamte bleiben außen vor.

Dadurch gingen viele Rentner leer aus, sagt Nicklaus - etwa, weil sie weiter selbstständig arbeiten oder nie in der gesetzlichen Rentenversicherung waren. Damit entstehe eine neue Ungleichbehandlung innerhalb einer ohnehin heterogenen Gruppe.

Das fördere, so Nicklaus, Mitnahmeeffekte: Mit "ein bisschen Geschick" ließen sich Tätigkeiten so zuschneiden, dass sie unter die Steuerfreiheit fallen. Einen zusätzlichen Anreiz für Arbeitgeber, Aktivrentner bevorzugt zu beschäftigen, sieht der Steuerexperte nicht. Die Betriebe müssten auch bei Aktivrentnern weiterhin die vollen Sozialabgaben zahlen. Der Vorteil liege allein beim Arbeitnehmer.

Ein alter Mann schaut geradeaus.

Die demographische Entwicklung stellt das Rentensystem vor immer größere Probleme: Waren es 2020 noch 16,7 Millionen Menschen ab 67 Jahren, sollen es 2040 knapp 21 Millionen sein.

16.02.2026 | 1:47 min

Aktivrente in der Praxis: Zwischen Chance und Reformbedarf

Diese Lücke im System zeigt sich ausgerechnet bei Jutta Wolter. Als Selbstständige kann sie die Aktivrente nicht nutzen. Deshalb lässt sie sich in ihrem eigenen ehemaligen Salon anstellen. Für Hartmann ist das eine unnötige Schleife bei ohnehin herausfordernden Betriebsübergaben, für Nicklaus ein Hinweis darauf, dass der Gesetzgeber nachbessern muss, wenn das Modell wirklich fair und praktikabel für alle Menschen sein soll, die Rente beziehen.

Jutta Wolter nimmt die Schleife in Kauf. Die Chefrolle abzugeben, fällt ihr nicht schwer. "Ich muss nicht Chefin sein", sagt sie. Wichtig ist ihr etwas anderes: Teil des Ganzen zu bleiben. "Warum soll ich dieses Potenzial nicht nutzen?" Die Aktivrente gibt darauf eine Antwort - noch keine perfekte, aber eine, die Arbeit im Alter neu definiert.

  • Was steckt dahinter? Rentner können freiwillig weiterarbeiten - ohne Abzüge bei der Rente
  • Finanzieller Anreiz: Bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei
  • Steuerlich wichtig: Kein Progressionsvorbehalt auf den Hinzuverdienst
  • Wer profitiert? Abhängig beschäftigte Rentner
  • Wer nicht? Selbstständige, Freiberufler, Beamte, Land- und Forstwirte, Minijobber
  • Kritik: Ungleichbehandlung - und zusätzlicher Bürokratieaufwand


Lothar Becker ist Redakteur im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen

Über dieses Thema berichtete der Länderspiegel am 28.03.2026 ab 17:05 Uhr.
Thema

Mehr zum Thema Rente und Altersvorsorge

  1. Ein älteres Paar geht im Park von Schloss Wilhemsthal in Calden (Archivfoto)
    FAQ

  2. Zwei Spaziergaenger sitzen im Park großer Garten auf einer Bank, aufgenommen am 14.08.2023

    Plus von fast 78 Euro für Standardrente:Bas: Renten steigen im Juli um 4,24 Prozent

    mit Video0:15

  3. Eine Person mit Taschenrechner sitzt am Schreibtisch und plant ihre Finanzen.

    Finanzplanung und Altersvorsorge:Wie Frauen ihre finanzielle Zukunft absichern können

    von Saskia Schüring
    mit Video10:12

  4. Altes Ehepaar-Rentner -Mann und Frau gehen mit Nordic Walking Stoecken spazieren, aufgenommen am 05.03.2024

    Debatte um Rente:Arbeiten bis 70? Diese Vorschläge liegen auf dem Tisch

    von Johannes Lieber
    mit Video1:47