Traumabewältigung nach der Flut:Ahrtal: Warum sich manche erholen und andere nicht
von Julia Schröter
Im Ahrtal ist vieles wieder aufgebaut, doch in den Köpfen der Menschen ist das Erlebte weiter präsent. Das Wir-Gefühl schwindet allmählich, die Solidarität weicht dem Alltag.
Für viele Menschen im Ahrtal ist die Flut noch längst nicht vorbei. Die Wunden heilen nur langsam. Nach der Flut, erzählen viele, war das Wir-Gefühl groß. Doch das Miteinander hat Risse bekommen.
04.07.2026 | 4:22 min135 Menschen starben bei der Flut allein im Ahrtal. Viele fürchteten um ihr Leben oder das ihrer Liebsten. Die oftmals existenziellen Erlebnisse wirken nach, auch fünf Jahre später.
So empfindet es auch Jörg Meyrer - er ist Pfarrer in Bad Neuenahr-Ahrweiler.
Die komplette Zerstörung, dass nichts mehr so ist, wie es war, keine Straße, kein Wasser, kein Strom, keine medizinische Versorgung, das nimmt alle Sicherheiten.
Jörg Meyrer, Pfarrer von Bad Neuenahr- Ahrweiler
Sich diese Sicherheit neu zu erarbeiten, sagt der 63-Jährige, sei viel Arbeit. Meyrer hat die Katastrophe selbst erlebt, mehrere Kirchen seiner Gemeinde wurden schwer beschädigt.
Gern erinnert er sich an das Gemeinschaftsgefühl damals, das intensive Teilen, die große Solidarität. Doch das sei inzwischen ein Stück weit verloren gegangen: "Die Zäune sind wieder aufgebaut, die Mauern sind wieder da und jeder muss seinen eigenen Alltag wieder bewältigen. Was noch sehr gut gelingt, ist daran zu erinnern, dass es diese Zeit gab und dass sie so heilsam für uns war."
Wie geht es den Menschen im Ahrtal heute, fünf Jahre nach der Flut? Wo geht der Wiederaufbau voran, wo hakt es noch? Yve Fehring trifft erneut Betroffene. Was hat sich seither für sie verändert?
04.07.2026 | 8:14 minTraumabewältigung an der Ahr läuft unterschiedlich schnell
Fünf Jahre nach der Flut stehen die Menschen im Ahrtal an ganz unterschiedlichen Stellen im Leben und beim Wiederaufbau. Katharina Scharping vom Traumahilfezentrum im Ahrtal spricht von einer sozialen Schere, die weiter aufgegangen sei.
Es gebe diejenigen, die sich auf ihre eigene mentale Stärke besinnen konnten, die Kraft schöpften aus der Hilfsbereitschaft und für sich kreative Lösungsmöglichkeiten gefunden haben. Aber es gebe auch die, die verbittert sind, bei denen es nicht wirklich vorangeht und die dadurch seelisch stark belastet sind.
Das Trauma ist noch nicht fertig. Man sieht überall Baustellen, man wird ständig an die Flut erinnert
Katharina Scharping, Traumahilfezentrum
Das Angebot des Traumahilfezentrums ist nach wie vor stark gefragt. Es sind zwei Gruppen, die zu Katharina Scharping kommen: Zum einen sind es Patienten, die sehr stark betroffen sind und sich noch nicht wieder erholt haben. Und es kommen Menschen, die erst jetzt zusammenbrechen. "Das sind solche, die bis jetzt durchgehalten haben, ihren Wiederaufbau gestemmt haben und denen jetzt, nach Jahren die Kraft weggeht", erklärt sie.
Mehr als die Hälfte der Hilfesuchenden kämpft immer noch mit psychischen Folgen der Flut, zum Beispiel Flashbacks, Albträumen oder Schlafstörungen.
Fünf Jahre nach der verheerenden Flut schaut der Länderspiegel ins Ahrtal. Wie geht es den Menschen dort heute? Was hat sich beim Hochwasserschutz getan?
03.07.2026 | 26:45 minBegegnungscafé "Nur Mut"
Die Flut hat Spuren hinterlassen. In der Landschaft und in den Menschen. Was helfen kann, das Erlebte zu verarbeiten, ist die Gemeinschaft. Darauf setzen die Initiatoren des Begegnungscafés "Nur Mut" in Altenahr.
Finanziert wird es aus Spenden eines regionalen Helfernetzwerks. Tanja Blüm ist die Leiterin des Cafés: "Unser Gedanke war immer, dass man hier so sein kann, wie man ist, ohne sich verstellen zu müssen, ohne eine Maske aufzusetzen, sondern dass man einfach miteinander eine gute Zeit verbringt."
Vom Bollerwagen zum Café in Altenahr
Wie wichtig Zuhören und Austausch sind, haben die Helfer schon kurz nach der Flut erfahren. Mit zig Bollerwagen brachten Tanja Blüm und andere Helfer monatelang Kaffee und Kuchen zu den Menschen im Ahrtal.
Freiwillige versorgen Helfer im Ahrtal mit Verpflegung aus dem Bollerwagen.
Quelle: Tanja BlümFür diejenigen, die in ihren verschlammten Häusern schufteten, war es ein Moment des Innehaltens. Die Dankbarkeit bei den Betroffenen war riesig, oft flossen Tränen der Rührung über die unerwartete Zuwendung. Daraus entstand schließlich die Idee des Cafés.
Bei den Menschen sein und ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit widmen, ist das Schönste, was man jemandem geben kann.
Tanja Blüm, Begegnungscafé "Nur Mut"
Viele Gäste kommen mehrmals pro Woche oder sogar täglich. Das Café ist ein wichtiger Anlaufpunkt in Altenahr geworden, wo in Gesprächen vieles geteilt wird. Manchmal auch die schwierigen Erinnerungen an die Flut.
Julia Schröter ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.
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