Fünf Jahre Taliban: Frauen als "die Hoffnung für Afghanistan"

Interview

Fünf Jahre Taliban-Herrschaft:"Die Hoffnung für Afghanistan sehe ich in den Frauen"

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Die Lage der afghanischen Frauen hat sich unter der Taliban-Herrschaft dramatisch verschlechtert. Und dennoch: Trotz aller Widerstände, trotz aller Gefahr machen sie weiter.

Rukia Resai (l) verpackt Seife mit ihren Schwestern in ihrer Seifenfabrik am 28.07.2026 in Herat, Afghanistan.

Es gibt viele Frauen, die den Mut haben, kleine Geschäftsideen umzusetzen. Sie stellen etwa Seife her, nähen oder sticken.

Quelle: dpa

ZDFheute: Die internationalen Hilfen für Afghanistan sind nach der Machtübernahme der Taliban vor fünf Jahren stark zurückgegangen. Welche Folgen hat das?

Christina Ihle: Schon nach der Machtübernahme haben durch die Sanktionen und das Aussetzen aller internationalen Hilfen über 2.000 Kliniken auf dem Land geschlossen. 2025 wurden mit dem Streichen der US-Hilfen, die 50 Prozent der humanitären Hilfe für das Land gestellt haben, weitere 420 Mutter-Kind-Kliniken geschlossen, außerdem 300 Ernährungszentren für mangel- und unterernährte Kinder.

Inzwischen sind 14 Millionen Menschen ohne Zugang zu einer medizinischen Versorgung.

Christina Ihle, Afghanischer Frauenverein in Hamburg

Und das hat wirklich tödliche Konsequenzen. Die Mutter-Kind-Sterblichkeit hat sich innerhalb kürzester Zeit verdoppelt und ist eine der höchsten weltweit.

AFGHANISTAN-POLITICS-ANNIVERSARY

Vor fünf Jahren eroberten die islamistischen Taliban in einer Blitzoffensive Afghanistan. Seither beschneiden sie systematisch Frauenrechte, die humanitäre Lage im Land hat sich verschlechtert.

14.08.2026 | 2:37 min

ZDFheute: 60 Prozent Ihrer Kolleg*innen vor Ort sind Frauen. Wie ist das trotz Arbeitsverbot für Frauen möglich?

Ihle: Frauen dürfen ausnahmsweise noch im medizinischen Bereich und im Bildungsbereich arbeiten. Das Prinzip der Geschlechtertrennung der Taliban schreibt vor, dass Frauen nicht mehr medizinisch von Männern behandelt werden dürfen, sondern nur noch von Frauen. Das heißt, in unseren neun Kliniken dürfen Frauen als Ärztinnen, Hebammen und Krankenschwestern weiterarbeiten.

Wir haben aber auch Sozialarbeiterinnen, die zum Beispiel Hygiene-Aufklärung machen in Brunnenprojekten oder in der Nothilfe von Zelt zu Zelt gehen, um Frauen zu versorgen, die keinen Ehemann haben.

Christina Ihle, Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins in Hamburg
Quelle: Afghanischer Frauenverein Hamburg

... ist seit 2021 Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins in Hamburg. Zuvor arbeitete sie 18 Jahre lang bei CARE Deutschland in der Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit, unter anderem als Pressesprecherin und im Projektmanagement. Die studierte Romanistin und Germanistin verantwortet beim Afghanischen Frauenverein heute über 350 lokale Mitarbeitende und Hilfsprojekte, die jährlich mehr als 280.000 Menschen in Afghanistan erreichen.


ZDFheute: Welche Vorschriften der Taliban erschweren Ihre Arbeit besonders?

Ihle: Unsere Kolleginnen dürfen nicht mehr alleine in die Projekte reisen. Wir müssen für alle den Transport von A nach B mit einem männlichen Angehörigen organisieren. In unseren Kliniken mussten wir teilweise Wände einbauen, weil Männer und Frauen nicht mehr gleichzeitig in der Klinik sein dürfen oder sich nicht sehen dürfen. Es gibt in einigen unserer Kliniken jetzt zwei Eingänge, einen für Männer, einen für Frauen. Dort, wo das bautechnisch nicht möglich war, müssten wir große Plastikvorhänge zwischen die Männer- und Frauentrakte hängen, damit man sich auf keinen Fall sehen kann.

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11.08.2026 | 1:36 min

Auch in den Schulen sind morgens nur Frauen und Mädchen. Nachmittags kommen dann die Lehrer und die Jungen. Dass diese Geschlechtertrennung eingehalten wird, wird ganz genau überprüft durch Besuche der Sittenpolizei, die die Projekte schließen, sollte das nicht der Fall sein.

ZDFheute: Haben Sie trotz dieser schwierigen Bedingungen noch Hoffnung?

Ihle: Auf jeden Fall. Die Hoffnung für Afghanistan sehe ich in den Frauen vor Ort.

Es ist sehr bewegend, mit welchem Mut die Frauen weitermachen.

Christina Ihle, Afghanischer Frauenverein in Hamburg

Nicht nur unsere Kolleginnen, auch Projektteilnehmerinnen, auch Frauen, denen wir sonst begegnen, die unfassbare Initiativen starten unter großer Gefahr. Zum Beispiel unterrichten viele Frauen ältere Mädchen zu Hause, obwohl dies verboten ist. Laden sie in ihr Wohnzimmer ein und kaufen die Schulbücher und unterrichten weiter, damit es weitergeht.

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14.08.2026 | 1:37 min

Es gibt viele Frauen, die den Mut haben, kleine Geschäftsideen umzusetzen, Seife zu produzieren, Parfüm herzustellen, zu nähen, zu sticken, Teppiche zu produzieren. Das ist von zu Hause aus erlaubt. Es gibt die Industrie- und Handelskammer in Afghanistan mit einer Sektion für Frauen, wo man solche Businesses registrieren kann. Sie brauchen dafür die Unterstützung oft auch von männlichen Familienmitgliedern, die dann zur Behörde gehen und das anmelden müssen.

Aber es sind Frauen, die Unfassbares aufbauen, gemeinsam mit anderen Frauen.

Christina Ihle, Afghanischer Frauenverein in Hamburg

Auch andere Frauen einstellen und Einkommen ermöglichen und sehr mutig allen Hindernissen zum Trotz weitermachen.

Das Interview führte Homeira Rhein, Redakteurin im ZDF-Landesstudio Hamburg.

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