Interne Mails über radikale Mitglieder:AfD-Leaks: Streit, Beschimpfungen und eine Hakenkreuzfahne
von Katja Belousova und Nils Metzger
Die geleakten AfD-Mails geben tiefe Einblicke, welche Ansichten Parteimitglieder teilen, wenn sie sich unter sich wähnen. Und wie schwer man sich mit Parteiausschlüssen tut.
Delegierte beim Parteitag der AfD 2026 in Nordrhein-Westfalen: Aus dem Bundesland kommen viele der geleakten Mails. (Symbolbild)
Quelle: dpaDer eine soll eine Hakenkreuzfahne an einem AfD-Infostand zum Verkauf angeboten haben. Der andere phantasierte davon, dass linkswählende Frauen von Migranten "gruppenvergewaltigt" werden sollen. Ein Dritter leugnete das Ausmaß des Holocaust.
Mails, Dokumente und Videomitschnitte in den AfD-Leaks offenbaren, wie die Alternative für Deutschland sich intern mit Entgleisungen diverser Partei-Mitglieder auseinandersetzt.
Die AfD meldet einen Hackerangriff im September. Dabei seien mutmaßlich E-Mail-Daten erbeutet worden. Aktuelle Postfächer seien nicht betroffen. Eine Veröffentlichung wird laut Partei geprüft.
20.10.2026 | 0:21 minHakenkreuzflagge am AfD-Infostand
Von dem Hack betroffen ist unter anderem das Mailkonto des AfD-Bundesschiedsgerichtes. Dort laufen Beschwerden und Ausschlussverfahren gegen Parteimitglieder auf. Auch der Landesverband NRW war besonders von dem Hack betroffen. Entsprechend liefern die Nachrichten, die von ZDF frontal mit technischer Unterstützung durch das Recherchenetzwerk OCCRP ausgewertet werden, einen tiefen Einblick in das Innenleben der Partei, wenn auch keinen vollständigen.
Alle drei folgenden Fälle stammen aus dem Landesverband NRW.
Der Fall mit der Hakenkreuzflagge am Parteistand wird im April 2025 gemeldet: Mehrere AfDler beschwerten sich über das Parteimitglied S., der laut Zeugenaussage versucht haben soll, an einem AfD-Infostand eine Hakenkreuzfahne zu verkaufen. Die geleakten Nachrichten enthalten auch spätere Reaktionen von S., worin er den Vorfall in privaten Chats herunterspielt und von "Verleumdung" spricht.
Die AfD wettert gegen Vetternwirtschaft, doch intern brodelt es: In Brandbriefen ist sogar von einem "korrupten System", "mafiösen Strukturen" und einer "mutmaßlichen Veruntreuung" die Rede.
03.03.2026 | 16:56 minEin Parteiausschluss von S. scheint sich zunächst zu verzögern. Ein Mitglied des Landesverbands schreibt im September 2025, dass der Mann noch Beisitzer im Kreisvorstand sei und der zuständige Bezirksvorstand "aber wohl nicht tätig werden wollte".
Der Parteiaustritt von S. erfolgte schließlich erst Anfang 2026 - wegen "Nichtzahlung des Mitgliedsbeitrages". In einem Schreiben des Bundesschatzmeisters an S. heißt es Anfang Februar: "Sie haben nach Ausgleich Ihres Beitragskontos selbstverständlich die Möglichkeit, einen Antrag auf Wiederaufnahme zu stellen."
Wir würden uns freuen, Sie erneut als Mitglied begrüßen zu können.
Schreiben des Bundesschatzmeisters, Februar 2026
"Im September 2026 kam es zu einem Hackerangriff auf einen Hosting-Dienstleister unserer Partei, bei dem offenbar Teile einiger weniger Mail-Postfächer - von denen die meisten seit Jahren nicht mehr genutzt waren - widerrechtlich kopiert wurden", teilte die AfD auf Anfrage mit. Wie die Bundespartei am Dienstag erklärte, wurden zwar "nur wenige Mail-Postfächer" rechtswidrig kopiert. Dabei seien jedoch "große Datenmengen abgeflossen".
Insgesamt handelt es sich um mehr als 420.000 abgegriffene E-Mails und über 50.000 angehängte Dokumente, die jetzt im Fokus stehen. Diese umfassen unter anderem Kontoauszüge, Spendeninformationen, Sitzungsprotokolle, Details zu Parteiausschlussverfahren, aber auch Sprachnachrichten von AfD-Vertretern. Insgesamt ist der Datensatz rund 300 Gigabyte groß. Betroffen sind mehrere Postfächer der Partei, etwa von Leif-Erik Holm, der zuletzt Ministerpräsidentenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern war, oder des früheren Bundessprechers Alexander Gauland. Enthalten sind auch eingestufte Informationen - etwa vertrauliche Dokumente aus Ministerien oder Sitzungsprotokolle aus Bundestagsausschüssen.
Gruppenvergewaltigungen: Ein echtes Video und gefälschte Mails
Ebenfalls aus der Partei ausgetreten ist mittlerweile der ehemalige NRW-Kommunalpolitiker Felix H. Er trat der Partei 2025 bei und fiel mit Aussagen auf, in denen er links-wählenden Frauen wünschte, von Migranten "gruppenvergewaltigt" zu werden. Ein Video, in dem H. diese Aussage tätigt, findet sich in den geleakten Mails. ZDF frontal hat es gesichtet.
Jedoch kursieren zu diesem Fall derzeit auch gefälschte E-Mails in den sozialen Medien. Etwa solche, in denen davon die Rede sein soll, dass H.s Parteiausschluss "überzogen" wäre. Eine solche Nachricht lässt sich im Leak nach bisherigem Stand der Recherche nicht finden. Auch ein Bundestagsabgeordneter der Grünen und andere reichweitenstarke Nutzer hatten diese offenbar gefälschten Mails verbreitet; teils wurden sie inzwischen gelöscht.
Der 6. Oktober 2026 war historisch: AfD-Politiker Tobias Rausch wurde zum Landtagspräsidenten gewählt, als Vertreter einer Partei, die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft ist.
13.10.2026 | 11:33 minHolocaust heruntergespielt: Parteiausschluss vertagt
Parteiintern für Aufruhr gesorgt hat der Fall des AfD-Mitglieds Andreas M. Ihm wurde 2019 vorgeworfen, in einer Chatgruppe die Opferzahlen in Konzentrationslagern als unrealistisch bezeichnet zu haben. "Wenn die kolportierten Zahlen auch nur ansatzweise stimmen sollten, dann hätten die in Polen mit den 1944 bestehenden Kapazitäten im Dreischichtbetrieb noch bis Ende 48 weitermachen müssen."
So zitierte ihn ein ehemaliges Mitglied des NRW-Landesvorstands in einer Mail zum Vorfall und leitete Ordnungsmaßnahmen gegen M. ein. Doch nicht alle Verantwortlichen schienen überzeugt, dass ein Parteiausschluss angemessen sei. Im September 2019 wurde der Antrag zunächst zurückgezogen, später erneut überprüft und 2023 endgültig eingestellt, weil das Mitglied verstorben war. Wegen seiner Aussagen aus der AfD ausgeschlossen wurde M. also nie.
Nach der Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten stellt sich besonders in der CDU die Frage: Wie umgehen mit dieser immer stärker werdenden Partei? Teile der Partei fordern einen Kurswechsel.
11.10.2026 | 3:07 minAfDler wünscht sich öffentliche Pfählungen
An vielen Stellen zeigen die Nachrichten auch, wie ein rauer Umgangston sogar andere Parteimitglieder verprellt. Etwa beschwerte sich ein Mitglied aus dem Kreisverband Aachen 2024 bei der Landesgeschäftsstelle über seinen damaligen Stadtverbandsvorsitzenden. Es sei "schwer erträglich, mit einem derart brutalisierten Menschen Umgang zu pflegen", heißt es in der E-Mail.
Belegen soll das eine beigefügte Sprachnachricht, in der der damalige Vorsitzende zu hören sein soll. Über Personen, die AfD-Wahlplakate beschädigen, ist dort zu hören: "Wir sollten gucken, dass wir am Richtericher Markt wieder so einen Pfahl hinstellen und wenn wir denjenigen erwischt haben, dann wird der einfach gepfählt. Das wäre eine herrliche Sache."
Teils reichen Kleinigkeiten aus, damit Parteivertreter in Tiraden ausbrechen. Als sich ein Kunde beim offiziellen Webshop der Bundespartei über eine beim Versanddienstleister verlorengegangene Sendung beschwerte, antwortete ein Mitarbeiter des Kundenservice einem Shop-Kollegen: "Die sind echt eine Katastrophe, die dummen Spasten. Alle abschieben!" Der Mitarbeiter ist aktuell Fraktionsvorsitzender eines AfD-Stadtverbands in NRW.
In der konstituierenden Sitzung des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern hat der AfD-Politiker Thormann eine umstrittene Geste gezeigt. Das sorgt nun für Diskussionen.
21.10.2026 | 1:15 min"Rechtsextreme Gesinnung in der Tradition des Nationalsozialismus"
Manche Parteimitglieder begründen ihren Parteiaustritt gegenüber der AfD-Landesgeschäftsstelle mit der völkischen Einstellung in Teilen der AfD-Basis. 2022 schreibt ein Parteimitglied in NRW, dass ihr neuer "Kreisvorstand bis auf zwei absolute Neulinge und eine eher neutralen Person [...] zu einem Machtzentrum mit rechtsextremer Gesinnung in der Tradition des Nationalsozialismus" geworden sei.
Im Zentrum ihrer Kritik: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich, der sich in Chatnachrichten 2017 selbst als das "freundliche Gesicht des Nationalsozialismus" bezeichnet hatte. Später wollte er das ironisch gemeint haben. Ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn scheiterte dieses Jahr.
Das Parteimitglied aus NRW beklagte außerdem, "dass es keine verläßlichen [sic!] Strukturen gibt, die garantieren, dass Sanktionen bei parteischädigendem Verhalten greifen". Als Mitglied wisse sie, "dass im Hintergrund gemauschelt wird und informelle Machtstrukturen wirksam sind".
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