Zwischen Kritik und Politik:Wieso Island immer noch Jagd auf Wale macht
von Winnie Heescher
Der letzte Waljäger Islands harpuniert wieder Finnwale. Island lässt das zu, trotz eines weltweiten Verbots. Bald will die Insel über Beitrittsverhandlungen zur EU abstimmen.
Auf Island wird noch immer Jagd auf Wale gemacht. Trotz politischer Widerstände besitzen zwei Unternehmen weiter Lizenzen. Zugleich wächst die Debatte über einen EU-Beitritt.
01.07.2026 | 2:10 minEs ist ein paradoxes Foto, das das isländische Nachrichtenportal "Heimildin" veröffentlicht hat: Beim Whale-Watching vor Reykjavik taucht ein Buckelwal majestätisch vor den Augen von Touristen ab, als Letztes verschwindet seine Fluke, seine Schwanzflosse, im Meer. Und dahinter kreuzt ein Walfangschiff - mit einem toten Finnwal im Schlepptau.
Zehn Finnwale sind in den vergangenen Wochen vor der Küste Islands bislang gejagt und getötet worden. 150 könnten es bis zum Saisonende im September noch werden. Dabei gilt der Finnwal laut der Roten Liste als gefährdet und seine Jagd ist nach Sicht von Tierschutzorganisationen äußerts grausam. "Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Es werden Sprengharpunen genutzt. Die Harpuniere müssen relativ genau treffen - eine sehr kleine Region, damit der Tod auch schnell geht", erklärt Andreas Dinkelmeyer, Biologe, der bei der Tierschutzorganisation International Fund for Animal Welfare (IFAW) arbeitet.
Im Schnitt dauert es elfeinhalb Minuten, bis ein Finnwal wirklich tot ist. Und manche leiden sogar zwei Stunden lang, müssen mehrfach harpuniert werden, weil die Sprengharpunen nicht explodieren.
Andreas Dinkelmeyer, Biologe
Island ist neben Japan und Norwegen eines der Länder, das weiterhin kommerziellen Walfang erlaubt - mit Fangquoten und Lizenzen. Einer, der es sich in keinem Jahr nehmen lässt, eine Lizenz zu beantragen, ist Kristján Loftsson.
Auf Island kennt ihn jeder und er ist weit darüber hinaus bekannt - weil er in den vergangenen Jahren mehr als 1.000 Finnwale gejagt hat. Er hat die Waljagd früh gelernt. Als 8-Jähriger fuhr er schon mit seinem Vater zur See. Der hatte eine Firma gegründet: "Hvalur", was auf Isländisch "Wal" heißt, und nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Jagd viel Geld verdient. Das waren noch andere Zeiten.
Walfang ist weltweit verboten. Doch auch in Europa werden noch immer Wale getötet. Warum ist das so? Die "planet e"-Dokumentation begleitet norwegische Walfänger auf ihrer Jagd.
13.10.2024 | 28:40 minIsland, Norwegen, Japan - die letzten Waljagdnationen
1986 wurde ein weltweites Walfang-Moratorium erlassen, aus dem Island aber 1992 ausstieg. Zehn Jahre später stieg es unter Vorbehalt wieder ein - und nahm 2006 den kommerziellen Walfang wieder auf.
Kristján Loftsson ist der letzte verbliebene Waljäger Islands. Doch was treibt ihn an? Walfleisch wird auf Island fast nicht mehr gegessen, auch nach Japan wird er das Fleisch kaum noch los. Loftsson selbst hat in mehreren früheren Interviews bestritten, viel Geld verloren zu haben. Dass es ihm noch um Materielles geht, glaubt ohnehin niemand mehr. Er gilt als sehr vermögend - und mit seinen 83 Jahren auch als starrsinnig genug, lieber Geld zu verlieren, als seinen Gegnern nachzugeben.
Nur noch eine Minderheit der Isländer unterstützt den Walfang
Loftssons Jagd fällt in eine politisch relevante Zeit: Am 29. August stimmen die Isländer über die Frage ab, ob Beitrittsverhandlungen mit der EU wieder aufgenommen werden sollen. Die EU aber lehnt kommerziellen Walfang strikt ab. Ist Loftsson deshalb mit seinen Harpunen unterwegs?
Island hat in früheren Zeiten ausschließlich vom Fischfang gelebt, wollte sich von Brüssel in Sachen Fischwirtschaft nichts sagen lassen. Es ging immer auch um nationale Unabhängigkeit. Will Loftsson mit seiner Jagd den Ausgang des Referendums beeinflussen? Darüber lässt sich nur rätseln, Interviewanfragen lässt er unbeantwortet abprallen.
Klar ist: Nur noch 33 Prozent der Isländerinnen und Isländer unterstützen den Walfang, 41 Prozent sind dagegen, so die letzte Umfrage des isländischen Meinungsforschungsinstituts Maskina.
Noch lassen isländische Gesetze die Waljagd zu
Die Regierung hatte angekündigt, die Gesetze überprüfen zu lassen. Ein neuer Anlauf könnte aber frühestens im Herbst erfolgen. Im Sommer werden wieder hunderttausende Touristen im Halbstundentakt die Häfen Islands verlassen, um auf Kuttern und Schnellbooten auf Wal-Safari zu gehen. Bis Ende September müssen sie damit rechnen, Loftssons Walfangschiffen samt Beute zu begegnen.
Winnie Heescher ist ZDF-Umweltexpertin.
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zum Thema Wale
"Die Hope stirbt zuletzt":Drama um Ostsee-Wal "Timmy" kommt auf die Bühne
mit Video0:24Totes Tier vor Île de Ré:Frankreich macht kurzen Prozess mit gestrandetem Wal
mit Video0:30Obduktion am Donnerstag:Kadaver von Buckelwal "Timmy" erfolgreich an Land gezogen
mit Video0:21Dänemark:"Timmy": Bergung scheitert - Kadaver bleibt erst mal liegen
mit Video1:37