US-Aktion gegen Venezuela: "Klare Verstöße gegen das Völkerrecht"

Interview

Rechtsexperte zu Venezuela und Maduro:US-Vorgehen: "Mehrere klare Verstöße gegen das Völkerrecht"

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Das US-Vorgehen gegen Venezuela und Präsident Maduro sei ein klarer Verstoß gegen die UN-Charta, sagt der Völkerrechtler Markus Krajewski. Müssen die USA nun Konsequenzen fürchten?

Völkerrechtler Markus Krajewski per Video zugeschaltet aus seinem Büro.

Normalerweise genießt ein Staatsoberhaupt Immunität. Ob Maduro jedoch faktisch als gewähltes Staatsoberhaupt gilt, muss nun geklärt werden, so Völkerrechtler Markus Krajewski.

04.01.2026 | 12:27 min

Absetzung, Festnahme, Entführung - das Vorgehen der USA gegen den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro wird mit vielen Begriffen bezeichnet. Doch was sagt das Völkerrecht zum Angriff der Trump-Regierung auf Ziele in mehreren Teilen des südamerikanischen Landes? Bei ZDFheute live ordnet der Völkerrechtler Markus Krajewski von der FAU Erlangen-Nürnberg die Entwicklungen ein.

Sehen Sie oben das ganze Interview und lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Krajewski zu ...

... der Frage, ob das US-Vorgehen das Völkerrecht verletzt

Hier ist Krajewskis Einschätzung eindeutig:

Das sind mehrere klare Verstöße gegen das Völkerrecht.

Markus Krajewski, Professor für Völkerrecht

"Zunächst ist der Angriff, auch wenn er vergleichsweise klein erscheint, eine Verletzung des Gewaltverbots, das in der UN-Charta Artikel 2 Ziffer 4 festgeschrieben ist. Die USA sind natürlich auch an die UN-Charta gebunden. Da ist der Einsatz von militärischer Gewalt in den internationalen Beziehungen verboten", sagt Krajewski. "Davon gibt es nur sehr wenige Ausnahmen - eine ist die Selbstverteidigung. Aber nach allem, was wir bislang wissen und nach allem, was auch die USA vortragen, lag kein Fall einer solchen Selbstverteidigung vor."

Polizisten stehen vor dem Metropolitan Detention Center in New York Wache. Mehrere uniformierte Einsatzkräfte sichern den Eingang des Gefängnisses.

Nach seiner Gefangennahme bei einem US-Militäreinsatz ist der venezolanische Präsident Maduro in einer Haftanstalt in New York angekommen. Laut US-Medien soll er in Kürze vor Gericht erscheinen.

04.01.2026 | 0:23 min

Auch eine zweite Norm sei durch die USA verletzt worden: "Darüber hinaus ist es auch noch ein Verstoß gegen das sogenannte Interventionsverbot. Das ist auch in der Charta der Vereinten Nationen geregelt. Hier geht es einmal darum, dass man nicht gewaltsam einen sogenannten Regimechange herbeiführen darf."

Und drittens: "Zum anderen ist sowohl Herr Maduro als auch seine Frau entführt worden. Es sind Staatsangehörige Venezuelas, die ein anderer Staat mit Waffengewalt außer Landes gebracht hat. Auch das ist ein Verstoß gegen das Interventionsverbot", so der Experte für Völkerrecht.

Demonstranten protestieren vor dem Weißen Haus gegen US-Bombardements in Venezuela.

Vor dem Weißen Haus in Washington und vor der US-Botschaft in Mexiko-Stadt kam es zu Protesten gegen die US-Angriffe auf Venezuela. In Buenos Aires feierten Venezolaner den Sturz des Diktators.

04.01.2026 | 0:21 min

... der US-Ankündigung, Venezuela kontrollieren zu wollen

Die USA haben angekündigt, die politischen Geschicke Venezuelas nun kontrollieren zu wollen. Ob das völkerrechtlich gestattet ist, komme laut Krajewski sehr darauf an, welche Maßnahmen das sind: "Wenn eine Machtübernahme mit militärischen Mitteln durchgeführt wird, wäre das ein weiterer, dauerhafter Verstoß gegen das Gewaltverbot, möglicherweise sogar ein Angriffskrieg. Das käme auf die Dimension an, mit der die USA da militärisch vorgehen würden."

Die Grafik zeigt eine Karte von Venezuela und amerikanisches Militär vor der Küste


Auch militärischer und ökonomischer Druck auf eine Regierung könne ein Verstoß gegen das Interventionsverbot und das Selbstbestimmungsrecht der Völker sein.

Wenn jetzt hier eine Marionettenregierung oder jemand von Trumps Gnaden eingesetzt wird, der in Venezuela die Macht übernimmt, dann kann auch das eine Völkerrechtsverletzung sein, wenn diese Person nicht die Unterstützung der Bevölkerung genießt.

Markus Krajewski, Professor für Völkerrecht

Venezolaner feiern vor dem Restaurant El Arapazo in Doral, Florida, nach Berichten über einen US-Angriff auf Venezuela und die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro.

Der Sturz Maduros sorgt bei Venezolanern in den USA für Kritik, doch nicht bei allen. Während die einen Angriffe auf ihre Heimat kritisieren, feiern andere das Ende des Diktators.

04.01.2026 | 1:13 min

... der Legitimität von Nicolás Maduro als Präsident und die Folgen davon

Maduro werden massive Wahlfälschungen bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2024 vorgeworfen. Zahlreiche Staaten, darunter auch die Europäische Union, erkannten das Ergebnis damals nicht an. Um an der Macht zu bleiben, setzte Maduro auch auf eine Unterdrückung der Opposition und willkürliche Verhaftungen. Hat diese mangelnde demokratische Legitimität eine Auswirkung auf die völkerrechtliche Bewertung des US-Vorgehens?

Caracas braces for uncertainty following Maduro's capture

Für manche Venezolaner ist Maduros Sturz ein Befreiungsmoment, für andere der Beginn einer ungewissen, möglicherweise noch gefährlicheren Übergangsphase.

04.01.2026 | 2:04 min

Experte Krajewski verweist darauf, dass es nur eine kleine Zahl an Beispielfällen gebe, an denen man sich nun juristisch orientieren könne. Mit Blick auf die Strafverfolgung durch andere Staaten gelte ein Grundprinzip:

Normalerweise genießt ein Staatsoberhaupt strafrechtliche Immunität.

Markus Krajewski, Professor für Völkerrecht

"Es ist anders als in anderen Fällen, in denen sich jemand an die Macht geputscht hat - Maduro wurde ursprünglich gewählt, hat dann, nach allem, was wir wissen, eine Wahl verloren und hat das aber nicht anerkannt. Gleichzeitig haben die staatlichen Institutionen in Venezuela ihn zum Präsidenten ausgerufen. Er hat auch faktisch die Macht ausgeübt."

Venezuelas Vizepräsidentin Delcy Rodríguez spricht bei der Vorstellung des Haushalts für das Haushaltsjahr 2026 im Nationalen Legislativkongress in Caracas.

In Venezuela hat Vizepräsidentin Rodriguez die Landesführung übernommen. Laut US-Präsident Trump hat sie den USA die Zusammenarbeit versichert, im Staatsfernsehen kündigt sie Widerstand an.

04.01.2026 | 0:25 min

... zur völkerrechtlichen Immunität von Staatsoberhäuptern

Venezuela würde Maduro weiterhin als Präsidenten ansehen und darum wohl von dessen Immunität ausgehen, so Krajewski. "Typischerweise wäre es so, dass der Staat selbst sagt, er ist nicht mehr unser Präsident - damit erlischt automatisch die Immunität." Das ist bislang nicht der Fall.

"Die Exekutive der USA hat gesagt: Für uns ist es nicht der legitime Präsident, deswegen genießt er für uns keine Immunität", beschreibt Krajewski die Position der Trump-Administration. Dieser Position könnten sich US-Gerichte dann möglicherweise anschließen. Andererseits hätten die USA bis vor Kurzem noch die faktische Macht von Maduro als Staatsoberhaupt anerkannt, so Krajewski.

Die USA haben immer mit ihm gesprochen als dem tatsächlichen Präsidenten. Die USA haben bis vor Kurzem die faktische Macht von Maduro als Staatsoberhaupt anerkannt.

Markus Krajewski, Professor für Völkerrecht

Schaltgespräch Slomka mit Roeckerath

Solange der Machtapparat Maduros noch aktiv sei, werde es keinen Regimewechsel geben, so ZDF-Korrespondent Röckerath. Ein Wandel hin zur Demokratie sei aber nicht ausgeschlossen.

04.01.2026 | 1:46 min

Ausnahmen von der Immunität gebe es etwa bei schwersten Völkerrechtsverbrechen. "Natürlich werden Maduro massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen, aber vielleicht noch nicht von der Dimension, die möglicherweise ein Völkermord hätte." Vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag etwa gelte diese Immunität von Staatsoberhäuptern nicht.

Präsident Nicolás Maduro soll nun in den USA vor Gericht gestellt werden. Was sagt die US-Rechtslage dazu angesichts dessen gewaltsamer Festsetzung in Venezuela? ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen ordnet ein: "Egal, ob das nun völkerrechtlich in Ordnung war, was gestern passiert ist, unterm Strich hat das keinen Einfluss auf das Verfahren [gegen Maduro] in den USA. Weil es Urteile des Obersten Gerichtshofs gibt, die besagen, dass es nicht relevant ist für solch einen Fall, wie denn tatsächlich der Angeklagte in die Hände der US-Behörden gekommen ist. Es gab einen internationalen Haftbefehl gegen Maduro in den letzten Jahren."

Theveßen verweist auf einen vergleichbaren Fall: "Wir erinnern uns an die Jahre 1989 und 1990 als Manuel Noriega aus Panama geholt worden ist von den USA im Rahmen einer Invasion des Staates. Er wurde damals auch vor Gericht gestellt in den USA und zu einer langjährigen Haftstrafe wegen Drogenschmuggels unter anderem verurteilt. Also es gibt hier Präzedenzfälle."


... möglichen Folgen von US-Völkerrechtsverstößen

"Das Völkerrecht lebt davon, dass die Staaten immer wieder Völkerrechtsverletzungen benennen. Völkerrecht wird immer wieder von Staaten verletzt, (...) das ändert nichts daran, dass das Völkerrecht als Rechtsordnung natürlich gilt", betont Krajewski. "Deswegen ist es auch so wichtig, dass andere Regierungen nicht nur herumdrucksen und irgendwelche diplomatischen Formulierungen wählen." Regierungen müssten das Vorgehen der USA jetzt als völkerrechtswidrig benennen.

Handfeste diplomatische Konsequenzen dürften die Rechtsverstöße für die USA aber nicht haben, schätzt Krajewski.

Dafür sind die USA zu stark und das Völkerrecht dafür doch zu schwach.

Markus Krajewski, Professor für Völkerrecht

Menschen stehen vor einem Supermarkt in Caracas, Venezuela, am 3. Januar 2026 Schlange. US-Präsident Trump gab bekannt, dass US-Streitkräfte den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro und seine Frau während einer Reihe groß angelegter Angriffe auf Caracas am 3. Januar 2026 erfolgreich gefangen genommen haben.

Armut trotz Ölreichtum: Das Leben in Venezuela war schon vor dem Sturz Maduros durch die USA schwer. Die Situation trieb viele Menschen zur Flucht – unter anderem in die EU.

03.01.2026 | 1:20 min

Eine Resolution gegen das US-Vorgehen im UN-Sicherheitsrat am Montag hält der Experte wegen der US-Vetostimme für ausgeschlossen. Eine Verurteilung durch die UN-Generalversammlung sei hingegen möglich - was jedoch keine automatischen rechtlichen Folgen hätte. Jeder weitere Rechtsverstoß führe dazu, dass sich andere Staaten auch die Frage stellten, ob sie diese Rechtsordnung einhalten sollten, so Krajewski. Damit werde anderen Staaten die Möglichkeit gegeben, zu sagen: "Naja, wenn sich die USA nicht daran halten, warum sollten wir uns daran halten."

Würden die USA nun eine Regierung womöglich gewaltsam einsetzen, die keine Unterstützung der Bevölkerung genieße, dann dürften Deutschland und andere Staaten diese nicht anerkennen, so Krajewski.

Das Interview führte Moderatorin Kay-Sölve Richter bei ZDFheute live. Zusammengefasst hat es Nils Metzger.

Profitieren Konzerne von Trumps Plänen?
:Venezuelas Ölreserven: Was die USA jetzt vorhaben

Donald Trump will den riesigen Ölsektor Venezuelas für US-Konzerne öffnen. Es geht um die größten Reserven der Welt und Milliarden Dollar. Wer könnte davon am meisten profitieren?
von Nils Metzger und Katharina Schuster
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FAQ
Über dieses Thema berichtete ZDFheute live am 04.01.2026 um 14:00 Uhr.

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