Venezuela nach dem Erdbeben: Zwischen Trümmern und Machtkampf

Zwischen Trümmern und Machtkampf:Wie es in Venezuela nach den Erdbeben weitergeht

von Eva Riedmann

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Am 24. Juni erschütterten gleich zwei schwere Erdbeben Venezuela, ein ohnehin schon krisengeschütteltes Land. Ein politischer Wandel im Land ist derzeit nicht in Sicht.

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Sechs Wochen nach dem Erdbeben in Venezuela suchen Einsatzkräfte weiter nach Vermissten. Viele Freiwillige arbeiten am Limit und fühlen sich allein gelassen. Die Notlage im Katastrophengebiet hält an.

07.08.2026 | 2:13 min

Nichts wünscht sich Stephanie Silva mehr als ein bisschen Normalität für ihren siebenjährigen Sohn. Seit sechs Wochen schlafen sie in einem Zeltlager, das Silva direkt vor ihrem Wohnhaus in der venezolanischen Küstenstadt La Guaira aufgebaut hat.

Zwei Zelte, Matratzen, ein Fußball und ein paar Spielzeugautos: Sie hat versucht, das kleine Camp so gemütlich wie möglich zu gestalten. In ihre Wohnung traue sie sich nicht zurück, die Einsturzgefahr sei zu groß. Vor allem ihr kleiner Sohn habe Angst, seit er dort das schwere Erdbeben am 24. Juni miterlebt habe.

"Er braucht dringend wieder Stabilität, denn bald beginnt die Schule wieder, und er kommt in die erste Klasse", erzählt die Mutter dem Team des ZDF.

Ich habe ihm noch nicht erzählt, dass viele seiner Freunde nicht mehr am Leben sind.

Stephanie Silva, Einwohnerin von La Guaira

Venezuela: Zehntausende nach den Erdbeben auf Hilfe angewiesen

6.125 Tote hat Venezuelas Regierung mittlerweile bestätigt. Die Zahl wird wohl weiter steigen, denn laut Vermisstenportalen werden noch Zehntausende gesucht. In der Hauptstadt Caracas und in der am schwersten betroffenen Region La Guaira leben rund 23.000 Menschen in Zeltlagern.

Das Gebäude des internationales Strafgerichtshofes. Im Vordergrund steht en Schild auf dem steht: International Crime Court.

Venezuela hat den Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof angekündigt. Als Begründung wird eine Voreingenommenheit gegenüber afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern genannt.

25.07.2026 | 0:23 min

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) besucht diese Notlager täglich mit einer mobilen Gesundheitsstation, um Betroffene medizinisch zu versorgen. "Viele hier konnten nach dem Erdbeben ihre Behandlungen nicht fortsetzen", sagt Maria del Pilar, Mitarbeiterin des DRK in Venezuela. "Nach Naturkatastrophen nehmen Durchfall- und Atemwegserkrankungen zu, da die Menschen stärker der Witterung ausgesetzt sind und auf engem Raum zusammenleben."

Kritik am Krisenmanagement: Die Unzufriedenheit mit der Regierung wächst

Die 65-jährige Tibisay Colón wird vom Team des Roten Kreuzes untersucht. Beim Erdbeben hat sie nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Geschwister und viele Freunde verloren. Sie lebt in einem Zelt und wird von Hilfsorganisationen mit Essen versorgt. "Die Hilfsbereitschaft ist beeindruckend. Die internationalen Organisationen sind sehr präsent, von venezolanischer Seite habe ich nicht so viel Hilfe wahrgenommen."

Ein Mädchen zündet eine Kerze während einer Messe an. Vor ihr stehen viele weitere Kerzen zu Gedenken an die Erdbebenopfer in Venezuela.

Einen Monat nach den schweren Erdbeben im Juni in Venezuela haben zahlreiche Menschen der Opfer gedacht. Nach offiziellen Angaben kamen dabei mehr als 5.540 Menschen ums Leben.

25.07.2026 | 0:22 min

Es ist nur verhaltene Kritik am Krisenmanagement der Regierung von Interimspräsidentin Delcy Rodríguez. Wenn die Kamera nicht läuft, äußern viele Betroffene ihre Kritik deutlich schärfer. Die Aufräumarbeiten kämen nur schleppend voran, da die Regierung kaum schweres Gerät bereitstelle. Angehörige, Freiwillige und Feuerwehrleute suchten weiter mit bloßen Händen nach Leichen.

Politikanalyst Oliver Stuenkel erklärt:

Das Erdbeben hat offengelegt, dass der venezolanische Staat längst kollabiert ist. Es gibt nicht genügend Ausrüstung, das Gesundheitssystem ist am Ende. Die Naturkatastrophe hat die Fragilität des Regimes deutlich gemacht.

Oliver Stuenkel, Politikanalyst

Aus Angst vor Repressionen trauten sich viele dennoch nicht, die Regierung offen zu kritisieren.

Ein Mann kippt einen Eimer mit Schutt aus einem zerstörten Gebäude.

Zwei schwere Erdbeben haben Venezuela erschüttert – mehrere tausend Menschen kamen ums Leben. Wie geht es in dem Land jetzt weiter? Wie verändert die Katastrophe das Land politisch?

08.07.2026 | 6:20 min

Venezuelas politische Zukunft: Demokratische Reformen bleiben ungewiss

Seit Ex-Präsident Nicolás Maduro im Januar in die USA verschleppt wurde, hat Vizepräsidentin Rodríguez formell die Macht inne. "In Wahrheit ist Venezuela jetzt ein Protektorat der USA und wird von der US-Regierung kontrolliert", analysiert Stuenkel. Die New York Times berichtete im Juli, dass Rodríguez nicht einmal einen Social-Media-Post absetzen könne, ohne dass der amerikanische Außenminister Marco Rubio ihr das genehmige.

Die US-Regierung hat versprochen, Venezuela zu einer demokratischen Transition zu führen. Nun hat es erste Gespräche zwischen Teilen der Opposition und der Regierung unter Rodríguez gegeben. Die Oppositionspolitikerin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado war aber nicht an den Gesprächen beteiligt.

Der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodriguez (2.v.r), und die Oppositionspolitikerin Dinorah Figuera (2.v.l) nehmen an der Eröffnung eines Nationalen Dialogs in Caracas teil.

Regierung und Opposition in Venezuela haben mit von den USA vermittelten Gesprächen begonnen. Ziel sei die Stärkung demokratischer Strukturen. Oppositionsführerin Machado war nicht beteiligt.

07.08.2026 | 0:24 min

Experte: "Priorität der USA ist nicht die Demokratisierung"

Dass am Ende tatsächlich ein Datum für demokratische Wahlen stehen könnte, hält Stuenkel für unwahrscheinlich:

"Die Priorität der USA ist nicht die Demokratisierung, es geht ihnen vielmehr darum, den Einfluss Chinas einzudämmen und die Kontrolle über die Erdölreserven zu behalten", so der Experte. "Trump bevorzugt es also sicherlich, mit dem Regime einer Delcy Rodríguez zu arbeiten, das von den USA abhängig ist."

Auch das Erdbeben hat die Diskussion über die demokratische Zukunft ausgebremst. Jetzt geht es darum, Trümmer zu beseitigen und neu anzufangen. Für Politik bleibt keine Zeit.

Eva Riedmann arbeitet im ZDF-Studio Rio de Janeiro.

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Über dieses Thema berichteten die heute-Nachrichten am 06.08.2026 ab 19 Uhr, das heute journal ab 21:45 und das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 07.08.2026 ab 05:30 Uhr.

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