Ein ZDF-Reporter im Erdbebengebiet:Venezuela: Hoffen auf Wunder in den Trümmerbergen
von Christian Semm
Wer aus dem Erdbebengebiet in Venezuela berichtet, begegnet Verlust, Verzweiflung und kleinen Wundern. ZDF-Reporter Christian Semm berichtet aus der Krisenregion.
Die Überlebenschancen schwinden, der Leichengeruch in den Straßen nimmt zu. ZDF-Reporter Christian Semm begleitet Helfer in Venezuela auf ihrer Suche nach Menschen in den Trümmern.
03.07.2026 | 1:37 minWer hatte mal diese Schuhe an? Welchem Kind gehört dieses Spielzeug? Darf ich auf einen Trümmerberg steigen, obwohl unter mir Leichen liegen? Das sind nur drei von ganz vielen Fragen, die ich mir in diesen Tagen stelle, in denen ich in Venezuela als ZDF-Reporter unterwegs bin. Und die Antworten sind nicht immer einfach.
Wir sind unterwegs in La Guaira. Venezuelas Küstenregion ist komplett verwüstet. Die zwei Erdbeben am 24. Juni haben riesige Häuser zum Einsturz gebracht und Zehntausenden Menschen, die schon vorher nicht viel hatten, alles geraubt.
Die Welt soll sehen, was passiert ist
Wir sind unterwegs durch ein gebeuteltes Land. Für internationale Journalisten ist es normalerweise sehr schwierig, aus Venezuela zu berichten, weil es bislang schwer war, ein Pressevisum zu bekommen. Aber die Regierung hat jetzt Journalisten ins Land gelassen, weil sie will, dass die ganze Welt sieht, was hier gerade passiert.
Wo Autos scheitern, liefern freiwillige Biker Hilfsgüter in schwer erreichbare Erdbeben-Gebiete Venezuelas. Sie umgehen zerstörte Straßen und Staus, koordiniert von Influencern und Motorradclubs.
02.07.2026 | 1:00 minGelandet sind wir in Valencia, weil der größte internationale Flughafen der Hauptstadt wegen der Katastrophe gesperrt ist. Nach knapp drei Stunden Fahrt kommen wir in Caracas an. Von hier aus wollen wir weiter nach La Guaira. Ein bewährtes Fortbewegungsmittel in Venezuela, um sich durch den verrückten Straßenverkehr zu schlagen, ist das Motorrad.
Wer damit unterwegs ist, muss ein paar Mal tief durchatmen und die Augen zumachen. Man fährt durch verschiedene Tunnel - ohne Abluftanlagen. Eine Dreiviertelstunde später sind wir an der Küste. Es dauert, bis die ersten Schäden zu sehen sind. Aber dann wird es heftig: unzählige zerstörte Häuser, riesige Schuttberge, traumatisierte Menschen.
Die Hoffnungen der Überlebenden
Auf der Straße treffen wir Carolina. In dem Haus, das jetzt in Trümmern liegt, hat sie gewohnt. Als die Erde bebte, war sie unterwegs, ihre Kinder draußen auf der Straße. Aber ihr Mann war in der Wohnung.
Ich hoffe, dass mein Mann lebt. Warum? Weil Gott alles möglich machen kann. Es gab Menschen, die nach vielen Tagen unter Erdbebentrümmern lebend geborgen wurden. Das ist meine Hoffnung.
Carolina, Überlebende
Abends, wenn die Maschinen ihre Arbeit einstellen, schläft sie bei einer Freundin, erzählt sie. Am nächsten Tag, morgens um sieben, steht Carolina wieder hier. Was bleibt, ist unendliche Traurigkeit. Wir müssen weiter.
Nach den schweren Erdbeben in Venezuela werden weiter Tote aus den Trümmern geborgen. Tausende Menschen gelten noch als vermisst, während Rettungskräfte gegen massive Zerstörungen kämpfen.
01.07.2026 | 1:42 minWer den ganzen Tag in so einem Krisengebiet unterwegs ist, bekommt den Leichengeruch irgendwann nicht mehr aus der Nase. Und diese unendliche Traurigkeit, wenn ein Mensch alles verliert, was ihm lieb ist, lässt niemanden kalt. Da fällt es schwer, den nötigen Abstand zum Geschehen zu behalten.
Und dann gibt es sie: diese Wunder, an die alle hier weiter glauben wollen. In Catia La Mar konnte ein 43-jähriger Wachmann gerettet werden. Er überlebte acht Tage unter den Trümmern, obwohl die Überlebenschancen nach so langer Zeit sehr unwahrscheinlich waren.
Auch mehrere Tage nach den Erdbeben werden in Venezuela noch lebende Personen gefunden. Darunter auch ein dreijähriges Kind.
30.06.2026 | 0:26 minInternationale Hilfe rückt zusammen
Ein paar Kilometer weiter ist ein Baseballstadion zum Camp für die Rettungskräfte aus aller Welt geworden. Der deutsche Botschafter in Venezuela, Volker Pellet, besucht die Rettungskräfte vom Technischen Hilfswerk (THW). In der Krise sind die verschiedenen Länder zusammengerückt, auch wenn das Verhältnis nicht immer einfach ist. Die Menschen, die jetzt alles verloren haben, brauchen nachhaltige Unterstützung.
Es geht darum, sicherzustellen, dass diese Menschen wieder wohnen können, wieder eine Arbeit haben können. Das ist eine Herausforderung für ein Land, das in den letzten 25 Jahren ja schon erhebliche wirtschaftliche Probleme gehabt hat.
Volker Pellet, Botschafter in Venezuela
Viele Erdbebenopfer beklagen sich über das schlechte Krisenmanagement der Regierung. Bei einem Besuch im Erdbebengebiet dankt Präsidentin Delcy Rodríguez den deutschen Helfern, und wir als ZDF-Team haben Glück, dass wir exklusiv ein kurzes Interview mit der Präsidentin machen können. Delcy Rodríguez lobt die Deutschen: "Schauen Sie, man kann den Einsatz der deutschen Delegation sehen, der Rettungskräfte, der gesamten technischen Ausrüstung, der Einsatzkräfte sowie der Such- und Rettungshunde."
Was ich gesehen habe, ist eine internationale Zusammenarbeit im Geiste der Verbundenheit und Solidarität.
Delcy Rodríguez, Präsidentin Venezuela
Für das Technische Hilfswerk (THW) ist der Einsatz jetzt beendet. Seine Zelte, Ausrüstung und Medikamente lassen sie hier - als Geschenk an Venezuela.
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