Europas Druck zur militärischen Autonomie wächst

Treffen der Verteidigungsminister:Europas Druck zu militärischer Autonomie wächst

von Isabelle Schaefers

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Weniger US-Präsenz, fehlende Raketenabwehr: Der Druck für eine gemeinsame EU-Militärstrategie wächst. Das Treffen der Verteidigungsminister soll die Sicherheitspolitik voranbringen.

Kommt die Verteidigungsunion?

Der geplante US-Truppenabzug setzt die EU unter Druck. Wie lässt sich ohne die USA eine wirkungsvolle Verteidigungsstrategie für Europa aufbauen?

12.05.2026 | 2:30 min

Im Europaparlament formiert sich in diesen Tagen ein neues Bündnis - für eine alte Idee: Partei- und länderübergreifend fordert eine Gruppe von Abgeordneten eine europäische Verteidigungsunion.

Eine Idee, die seit mindestens einem Viertel Jahrhundert diskutiert wird. Aber die Dringlichkeit ist deutlich gestiegen.

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Der US-Truppenabzug beunruhigt den Verteidigungsminister weniger - vielmehr aber das drohende Aus für die Tomahawks: Europa müsse diese Fähigkeitslücke nun selbst schließen.

04.05.2026 | 7:02 min

EU-Verteidigungsausschuss: Brauchen "Binnenmarkt für Militär"

"Wir wollen den Druck erhöhen, damit die europäischen Staaten erkennen, dass wir Fähigkeiten aufbauen müssen, auch einen Binnenmarkt für Militär schaffen müssen," beschreibt es die Vorsitzende des EU-Verteidigungsausschusses Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP).

Damit wir am Ende unseren Kontinent und damit 450 Millionen Menschen schützen können.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des EU-Verteidigungsausschusses

US-Rückzug keine Überraschung

Der jüngste Wachrüttler für die Europäer: Die USA wollen von den rund 36.000 US-Soldaten rund 5.000 Soldaten aus Deutschland abziehen - oder sogar "weit über 5.000", wie der US-Präsident nachschob. Gerechnet wurde damit schon länger, immer wieder hatte es Signale in die Richtung aus Washington gegeben. Und so gibt sich auch niemand ernsthaft überrascht.

Schmerzlicher wiegt allerdings, dass auch die geplante Stationierung von amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland abgesagt werden könnte. "Mir macht die Nichtstationierung der Marschflugkörper Tomahawk größere Sorgen. Das wäre eine wichtige Fähigkeit gewesen im Abschreckungsdispositiv der Nato", so Stefanie Babst, Ex-Nato-Chefstrategin.

So fehlt uns da ein Stück eine strategisch-militärische Antwort auf die russischen Fähigkeiten.

Stefanie Babst, Ex-Nato-Chefstrategin

Polen, Biedrusko: Abrams-Panzer im Ausbildungszentrum der polnischen Landstreitkräfte in Biedrusk.

Das Bedürfnis der Polen nach Sicherheit vor Russland ist seit Beginn des Ukraine-Krieges deutlich gewachsen. Polen rüstet auf, bereitet auch die Zivilgesellschaft auf den Verteidigungsfall vor.

02.06.2025 | 3:07 min

Nato soll nicht geschwächt werden

Wenn Deutschland geschwächt ist, ist die Nato geschwächt. Um die US-Truppen in Europa zu halten und die Ostflanke zu stärken, hat der polnische Präsident Karol Nawrocki angeboten, die abgezogenen US-Soldaten in Polen zu stationieren. Polen verfüge dafür über die nötige Infrastruktur. Die USA zeigen sich offen für den Vorschlag.

Das Problem mit den fehlenden Langstreckenraketen würde das noch nicht lösen. Es gibt Berichte, nach denen Deutschland nun versuchen wolle, Tomahawk-Marschflugkörper von den USA zu kaufen. Ob das gelingt und wenn ja, wie schnell, ist völlig offen. "Es passiert einiges, es wird viel Geld investiert, aber wir wissen alle, dass wir bei bestimmten strategischen Fähigkeiten große Probleme haben und die können wir über Nacht nicht ersetzen", sagt Sönke Neitzel, Militärwissenschaftler.

Der Eingang zur Ramstein Air Base in Ramstein-Miesenbach, einem der größten Stützpunkte des US-Militärs in Deutschland.

Nach der Kritik am Irankrieg von Bundeskanzler Merz kündigt die US-Regierung an, 5.000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen.

02.05.2026 | 1:40 min

Europa versucht, zu beschwichtigen

Europa versucht indes weiter, die USA an Bord zu halten - so lange, wie möglich:

Ich halte es für wichtig, dass die amerikanischen Truppen in Europa bleiben, da sie sowohl amerikanische als auch europäische Interessen in Europa schützen.

Kaja Kallas, EU-Außenbeauftragte

Man habe nach den Ankündigungen aus den USA noch Zeit, zu prüfen, was das alles konkret bedeute. Doch bisher hat der Faktor Zeit nicht für die Europäer gearbeitet. Das wissen sie auch im Europaparlament und versuchen weiter Druck zu machen auf die Mitgliedsstaaten, "endlich in die Gänge zu kommen", wie Strack-Zimmermann es formuliert. Wenn sich heute die EU-Verteidigungsminister treffen, dürfte einmal mehr klar werden: die Erkenntnis ist nicht das Problem.

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Über dieses Thema berichtete das ZDF in verschiedenen Sendungen, unter anderem im heute journal am 04.05.2026 ab 21:45 Uhr.

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