US-Truppenabzug aus Deutschland:"Die Amerikaner reduzieren damit ihre eigene Sicherheit"
5.000 US-Soldaten sollen Deutschland verlassen und das geplante Fernraketenbataillon kommt nicht. Sicherheitsexperte Christian Mölling ordnet ein, was das für die Nato bedeutet.
Das Pentagon will 5.000 US-Soldaten aus Deutschland innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monaten abziehen. Ein Sicherheitsexperte analysiert Hintergründe und Auswirkungen bei ZDFheute live.
02.05.2026 | 12:40 minEr hatte es angedroht, nun soll es umgesetzt werden: US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hat laut Pentagon den Abzug von rund 5.000 Soldaten aus Deutschland angeordnet. Das Ganze soll in den nächsten sechs bis zwölf Monaten passieren.
Als offiziellen Grund nennt das Pentagon eine Überprüfung der Truppenpräsenz in Europa, der Bedingungen vor Ort und der Anforderungen der Einsatzgebiete. Beobachter sehen darin jedoch auch ein Druckmittel im Streit zwischen US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Der US-Präsident hat am Wochenende angekündigt, weit mehr als 5.000 seiner Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Was hat das für Konsequenzen?
04.05.2026 | 2:08 minBei ZDFheute live hat Sicherheitsexperte Christian Mölling erklärt, welche Folgen die Entscheidung für die Abschreckungsfähgkeit der Nato hat und welche Auswirkungen bereits die Ankündigung auf die europäische Verteidigung und Sicherheitspolitik hat:
Eine Ankündigung mit Wirkung - noch vor dem Abzug
Mölling rät zunächst zur Unterscheidung: zwischen der Ankündigung selbst und der Frage, ob sie wirklich vollzogen wird. "Die Ankündigung hat ja selbst schon eine Wirkung", sagt er. Es sei aber auch eine Ankündigung, "die erst mal auf eine lange Zeitschiene geschoben ist, sechs bis zwölf Monate." In diesem Zeitraum könnten noch viele Entscheidungen des US-Präsidenten den Plan konterkarieren. Möglicherweise rate ihm auch sein Verteidigungsministerium davon ab, "einen solchen Schritt jetzt übereilt zu gehen".
... gilt als führender Experte für europäische Verteidigung und transatlantische Sicherheit. Seit November 2025 ist er Direktor der europäischen Denkfabrik Edina, zuvor war er stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der DGAP und Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement.
Bei einer Gesamtstationierung von rund 80.000 US-Soldaten in Europa sei die Zahl von 5.000 zwar relevant, "aber jetzt auch nicht so gravierend", so Mölling. Wichtig sei außerdem: Nicht alle in Deutschland stationierten Soldaten seien für Europa und Deutschland vorgesehen - Deutschland fungiere als globales Drehkreuz auch für andere Regionen.
ZDFheute Infografik
Für die Darstellung von ZDFheute Infografiken nutzen wir die Software von Datawrapper. Erst wenn Sie hier klicken, werden die Grafiken nachgeladen. Ihre IP-Adresse wird dabei an externe Server von Datawrapper übertragen. Über den Datenschutz von Datawrapper können Sie sich auf der Seite des Anbieters informieren. Um Ihre künftigen Besuche zu erleichtern, speichern wir Ihre Zustimmung in den Datenschutzeinstellungen. Ihre Zustimmung können Sie im Bereich „Meine News“ jederzeit widerrufen.
Der eigentliche Einschnitt: Kein Fernraketenbataillon
Gleichzeitig mit dem Abzug wurde bekannt - berichtet unter anderem von Reuters und der New York Times -, dass das geplante US-Fernraketenbataillon nun doch nicht nach Deutschland verlegt wird. Für Mölling ist das "eigentlich die viel dramatischere Nachricht":
Das ist tatsächlich das zentrale Element einer Abschreckung, weil es hier um Raketen geht, die in der Lage sind, Russland schon im Aufmarsch - also nicht erst, wenn es an die Nato-Grenze kommt, sondern deutlich früher - zu stören und Kommandozentralen auszuschalten.
Christian Mölling, Denkfabrik Edina
Diese Reichweite und die damit verbundenen Aufklärungsmittel besitze Deutschland derzeit nicht. Die Konsequenz sei paradox: Das Ausbleiben des Bataillons schwäche die Nato-Abschreckung und mache dadurch einen direkten Einsatz der Amerikaner im Rahmen der Nato wahrscheinlicher.
Insgesamt sind wir hier in einer ziemlich schwierigen Situation und die Amerikaner reduzieren ihre eigene Sicherheit in dem Zusammenhang.
Christian Mölling, Denkfabrik Edina
Dem Truppenabzug vorausgegangen war eine öffentliche Kritik von Bundeskanzler Friedrich Merz an der US-Iranpolitik. Merz sagte am Montag in einer Schule in Maasberg: "Die Amerikaner haben offensichtlich keine Strategie (...) Ich erkenne im Augenblick nicht, welchen strategischen Exit die Amerikaner jetzt wählen. (...) Da wird eine ganze Nation gedemütigt durch die iranische Staatsführung."
Trump reagierte umgehend auf Truth Social. Er warf Merz vor, damit einverstanden zu sein, dass der Iran Atomwaffen besitze, erklärte, der Bundeskanzler habe "keine Ahnung, wovon er spreche", und schrieb: "Kein Wunder, dass es Deutschland so schlecht geht, sowohl wirtschaftlich als auch in anderer Hinsicht."
Ob die Merz-Kritik den Truppenabzug direkt ausgelöst hat, lasse sich "mit Genauigkeit" nicht sagen, so Mölling. Es klinge plausibel - aber entscheidend sei, dass Trump hier seinem eigenen Verteidigungsminister vorgegriffen habe. Hegseth sei "sehr hektisch" vor die Presse getreten und habe sich offensichtlich gezwungen gesehen, "sehr konkrete Zahlen vorzulegen". Das lasse sich so lesen, "dass Trump hier wirklich offensichtlich angefressen ist über die Kritik, die aus Deutschland an ihn gekommen ist".
Ist Deutschland vorbereitet?
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hatte erklärt, ein Abzug amerikanischer Truppen aus Europa sei absehbar gewesen. Mölling widerspricht: "Offensichtlich nicht" sei Deutschland darauf vorbereitet - "sonst hätte man ja deutlich schneller darauf reagieren können und hätte sozusagen schon Vorsorge getroffen". Deutschland werde "immer wieder strategisch überrascht durch die Amerikaner", auch weil es "zurzeit keinen präventiven nationalen Sicherheitsrat" gebe, der entsprechende Szenarien durchdenke.
- USA reduzieren Truppen: Was bedeutet der Teilabzug der US-Soldaten aus Deutschland?
Trump will mehr als 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abziehen, auch andere Stützpunkte in Europa sind betroffen. Militärexperte Ralph Thiele erläutert, was das für Europa bedeutet.
04.05.2026 | 4:53 minAls Ausweg skizziert Mölling zwei Schritte: Erstens sollte Deutschland versuchen, die benötigten amerikanischen Systeme direkt zu kaufen - "zwei Fliegen mit einer Klappe", denn die USA seien weiterhin daran interessiert, ihre Rüstungsindustrie in Europa zu platzieren. So könnte Deutschland die Fähigkeiten "unter eigener Ägide, unter eigener Souveränität" betreiben, statt auf politische Entscheidungen Washingtons angewiesen zu sein. Zweitens müsse Deutschland schlicht mehr vorausdenken:
Die Schlagzahl erratischer Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten hat zugenommen. Deutschland täte gut daran, mehr Eventualplanungen zu machen, für was auch immer passieren könnte aus den USA, um darauf besser vorbereitet zu sein und nicht immer reaktiv zu handeln.
Christian Mölling, Denkfabrik Edina
Auf den angekündigten Abzug gebe es in den USA auch Kritik, so ZDF-Reporter Benjamin Daniel aus Washington. Die große Frage sei, welche Soldatinnen und Soldaten abgezogen werden.
02.05.2026 | 2:10 minMerz selbst erklärte am Mittwoch, das persönliche Verhältnis zu Trump sei "jedenfalls aus meiner Sicht, unverändert gut" und man sei "nach wie vor in guten Gesprächen miteinander". Mölling wertet das als nachvollziehbaren Versuch, die Wogen zu glätten - mahnt aber: Man dürfe nicht darauf vertrauen, dass der in der Nato beschlossene Abzugsplan langfristig eingehalten werde. Es komme immer wieder zu Situationen, in denen der amerikanische Präsident - und nicht die Administration - Entscheidungen treffe, "die chaotisch sind oder sich sogar gegen unsere eigene Sicherheit anwenden".
Das Interview führte Christian Hoch, Zusammenfassung von Jan Schneider.
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit der ZDFheute als hinterlegte Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zum Truppenabzug
Ankündigung des US-Präsidenten:Kann Trump so einfach US-Truppen aus Deutschland abziehen?
von Kevin Schubertmit Video0:26Nach Drohung von US-Präsident Trump:Weniger US-Truppen? Expertin rät: Europa muss mehr machen
mit Video5:43"Soll kaputtes Land in Ordnung bringen":US-Präsident Trump ätzt weiter gegen "ineffektiven" Kanzler
mit Video0:26