100 Tage seit Regierungswechsel:Wie Magyar Ungarn verändert hat
von Michael Bewerunge, Budapest
Ärmel hoch und los: In den ersten 100 Tagen hat Ungarns Regierungschef Magyar gleich mal Justiz, Regierung und Medien umgebaut. Aber sein Vorgehen stößt auch auf Kritik.
Péter Magyar baut Ungarns Staat nach 16 Jahren Orbán um. Wie viel demokratischer Neuanfang steckt in Magyars ersten 100 Tagen – und wo droht der Rückbau des Orbán-Regimes problematisch zu werden?
14.08.2026 | 2:09 minZu den Gefahren im Umgang mit politischer Macht hat der englische Historiker Lord Acton den bekannten Lehrsatz geprägt: "Macht tendiert dazu zu korrumpieren, absolute Macht korrumpiert absolut." Grundsätzlich gilt er auch für Demokratien.
Machtwechsel in Ungarn überraschend reibungslos
Dass Ungarn sich als starke Demokratie erwiesen hat, zeigt der bemerkenswerte Machtwechsel, der von Viktor Orbán zu Peter Magyar stattgefunden hat. So reibungslos war das nicht zu erwarten. Schließlich hatte Orbán in den 16 Jahren seiner Herrschaft das Land zu einer illiberalen Autokratie umgebaut. Wenn auch ganz legalistisch mit Zwei-Drittel-Mehrheiten im Parlament, so doch korrumpiert von der damit verbundenen Machtfülle.
Nach seinem historischen Wahlsieg gegen Viktor Orbán ist Péter Magyar seit fast 100 Tagen Ministerpräsident. Er drängt Orbán-Vertraute aus wichtigen Ämtern und reformiert die Justiz.
14.08.2026 | 2:35 minÜber eine solche Zweidrittelmehrheit verfügt nun Peter Magyar. Und hat bereits in den ersten 100 Tagen seiner Regierung Staat und Gesellschaft mit Riesenschritten umgebaut. Ohne Zweifel zur Wiederherstellung des demokratischen Rechtsstaates.
Umbau mit Tempo
Zunächst hat er die korrupte Nomenklatura von Orbáns Fidesz Partei ausgetauscht. Den Staatspräsidenten, den Präsidenten des obersten Gerichtshofs, den Generalstaatsanwalt. Er hat die staatlichen Medien und den öffentlichen Rundfunk komplett neu organisiert und auch dort Orbáns Propagandisten ausgetauscht.
Ungarns politischer Neuanfang nach 16 Jahren Orban: Das Grundgesetz soll geändert werden, eine Reform könnte die Ablösung von Staatspräsident Sulyok ermöglichen.
14.07.2026 | 2:06 minIn Ungarn herrscht nun wieder Pressefreiheit, die den Namen verdient. Unter Beteiligung der breiten Öffentlichkeit will er Ungarn eine komplett neue Verfassung geben. Und in Kürze wird eine neu geschaffene Anti-Korruptions-Behörde ihre Arbeit aufnehmen, die Vergehen der Ära Orbán aufklären und die versickerten Gelder einer korrupten Vetternwirtschaft für den Staat zurückführen soll.
Budapest gehört wieder zu den Konstruktiven
In der Außenpolitik hat Magyar die Isolation Ungarns beendet und in den Kreis der konstruktiven EU-Mitglieder zurückgeführt. Er hat die Blockade seines Landes gegen die Unterstützung der Ukraine aufgegeben und im Gegenzug die Freigabe von EU-Mitteln in zweistelliger Milliardenhöhe erreicht.
Mit seinem Wahlsieg versprach Peter Magyar eine politische Wende. Nun gibt die EU Milliardenhilfen für Ungarn frei, die unter Viktor Orban blockiert waren.
29.05.2026 | 6:45 minAllerdings besteht er noch immer auf einem längerfristigen Beitritt der Ukraine zur EU. Und in der Asylpolitik fährt er einen ähnlichen Kurs wie Orbán, verweigert nach wie vor die Aufnahme von Flüchtlingen nach dem europäischen Migrationspakt.
Sein Reformprogramm hat Magyar "Operation Fegefeuer" getauft. Ein recht dramatischer Name, der den tiefgreifenden Umbruch verdeutlichen soll. Der aber auch ein wenig stutzig macht, ob bei diesem Tempo und Eifer alles mit demokratischen Dingen zugeht.
Eine vom ungarischen Präsidenten Magyar vorgelegte Verfassungsänderung könnte zur Absetzung von Präsident Tamás Sulyok führen.
14.07.2026 | 1:39 minGrundsätzlich ist diese Frage zu bejahen: Alle Reformschritte wurden mit Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament beschlossen und zielen schließlich auf die Wiederherstellung demokratischer Rechtsstaatlichkeit. Und doch hat die Art und Weise, wie Peter Magyar seine Reformen durchpeitscht, ein Geschmäckle.
Magyar ergreift am liebsten zuerst das Wort
So erntet seine Medienreform zwar durchaus positive Kritik, wie der Journalist Ádám Trencsényi vom politischen Magazin HVG betont. Endlich gebe es wieder Pressekonferenzen, auf denen man Magyar und seinen Regierungsmitgliedern Fragen stellen dürfe. Aber:
Magyar ist kein großer Freund der traditionellen Medien und der Presse. Das liegt auch daran, dass er am liebsten selbst über alles berichtet. Die Interpretationen der Presse missfallen ihm mittlerweile.
Ádám Trencsényi, Magazin HVG
Noch bedenklicher: Alle Macht konzentriere sich auf Magyar. Unter Journalisten spreche man bereits sarkastisch von einer Facebook Governance.
"Er agiert noch wie eine One-Man-Show. Obwohl er viele bekannte Minister hat, übernimmt er einen Großteil der Kommunikation. Er meldet sich oft als Erster zu Wort, um eine Entscheidung zu treffen oder eine Mitteilung zu verkünden."
„Ungarn braucht diese Gelder, denn das Land hat ein hohes Haushaltsdefizit.", so Kai-Olaf Lang von SWP zur Ankündigung der EU die eingefrorenen Milliarden für Ungarn freizugeben.
29.05.2026 | 6:45 minDieser Politikstil ist ihm bereits vor die Füße gefallen. Zur Kür des neuen Präsidenten hatte Magyar eine breite gesellschaftliche Beteiligung angekündigt. Um dann doch kurzfristig selbst Judith Polgar via Social Media vorzuschlagen. Dumm nur, dass die Kandidatin gar nicht wollte.
Ungarns Regierungschef Magyar schlägt die Schachgroßmeisterin Judit Polgar als neue Präsidentin vor. Sie gilt als spielstärkste Frau der Schach-Geschichte.
20.07.2026 | 0:28 minEin erster Rückschlag für Magyar. Mit der Wahl von Andreas Barka zum Präsidenten, dem breit anerkannten ehemaligen Obersten Richter des Landes, gelang es ihm immerhin, die Scharte auszuwetzen.
Wenn Magyar auf Dauer als Regierungschef erfolgreich sein will, wird er lernen müssen, seine Machtfülle zu teilen. Sonst droht ihm - wie Orbán - der Versuchung der Macht zu erliegen.
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