Abstimmung bei den Vereinten Nationen:Was bedeutet Deutschlands gescheiterte UN-Bewerbung?
Deutschland erhält keinen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Nach dem Scheitern gibt es Kritik an Kanzler Merz und Außenminister Wadephul. Die Opposition spricht von einer "Quittung".
Mit seiner Kandidatur um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat ist Deutschland bereits im ersten Wahlgang gescheitert. Portugal und Österreich bekamen jeweils einen nicht-ständigen Sitz.
03.06.2026 | 2:43 minNach dem Scheitern Deutschlands bei der Kandidatur für einen Sitz im mächtigen Sicherheitsrat der Vereinten Nationen werden in Berlin Forderungen nach Konsequenzen laut. Kanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul versicherten zwar umgehend, Deutschland werde seine Verantwortung bei den UN unverändert wahrnehmen. Doch auch aus den Reihen des Koalitionspartners SPD kommen Rufe, die Bundesregierung solle beispielsweise Völkerrechtsbrüche endlich stärker kritisieren.
Was bedeutet das Scheitern für ...
... "Außenkanzler" Merz?
Für die Ambitionen von Kanzler Friedrich Merz, der sich seit seinem Amtsantritt gerne als "Außenkanzler" inszeniert, dürfte es ein herber Rückschlag sein. Gut möglich, dass der CDU-Chef gehofft hat, im Sicherheitsrat quasi auf Augenhöhe mit US-Präsident Donald Trump, Chinas Präsident Xi Jinping oder dessen russischem Kollegen Wladimir Putin zu diskutieren. Merz versicherte kurz nach der diplomatischen Niederlage, die Aufgaben, die der Bundesregierung in den UN gestellt seien, änderten sich durch das Wahlergebnis nicht.
Deutschland konnte keinen Sitz im UN-Sicherheitsrat gewinnen. So schnell aus dem Rennen zu fliegen, sei eine "deutliche Aussage", so ZDF-Korrespondentin Claudia Bates aus New York.
04.06.2026 | 2:09 minDoch auch unter deutschen Diplomaten wurde das Scheitern der Bundesregierung als Quittung dafür gewertet, dass sich Merz auf der UN-Weltbühne bisher rar gemacht hat. Dass der Kanzler etwa im vergangenen September nicht zur Generalversammlung der Vereinten Nationen reiste, sei vom UN-Publikum sehr wohl wahrgenommen worden, hieß es.
... den Außenminister?
Wadephul muss sich die Kritik gefallen lassen, sich trotz des riesigen deutschen Auslandsnetzes der diplomatischen Vertretungen und dem Pluspunkt, einer der wichtigsten Geldgeber der UN zu sein, nicht erfolgreich bei ausreichend vielen Ländern präsentiert zu haben. Direkt nach der Wahl sagte Wadephul, er habe über persönliche Konsequenzen nachgedacht, wenn die Bewerbung für den Sicherheitsrat scheitert - diese Gedanken dann aber verworfen.
Ich habe mir persönlich nichts vorzuwerfen.
Johann Wadephul (CDU), Bundesaußenminister
Er werde weiterhin für deutsches UN-Engagement eintreten. Zugleich räumte der Minister ein: "Aber meine Überzeugungskraft wird in Berlin natürlich nicht größer durch dieses Ergebnis." Und ergänzte: "Die Überzeugungskraft all derjenigen, die international engagiert sind in der Bundesregierung, wird nicht größer durch dieses Ergebnis." Ob er damit den Kanzler meinte, blieb offen.
... die schwarz-rote Koalition?
Für die Bundesregierung bringt das Ergebnis womöglich neuen Zündstoff. SPD-Fraktionsvize Siemtje Möller forderte mehr Haltung in internationalen Konflikten und für das Völkerrecht. "Unser Einsatz als verlässlicher Partner für globale Stabilität, für die regelbasierte internationale Ordnung und für das Völkerrecht muss noch klarer und noch konsequenter werden", sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Für mich heißt das auch, dass die Bundesregierung völkerrechtswidriges Verhalten als solches benennt, unabhängig davon, wer dies in Frage stellt."
Die Niederlage bei der Wahl für den UN-Sicherheitsrat sei ein Machtverlust, so ZDF-Korrespondent Kynast. Eine Rolle habe Deutschlands Haltung im Iran-Krieg gespielt, sagt er bei ZDFheute live.
03.06.2026 | 7:07 minDer außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetovic, sprach von einem Rückschlag für die Außenpolitik und wurde noch deutlicher:
Wer den Anspruch erhebt, Hüter der regelbasierten internationalen Ordnung zu sein, darf beim Völkerrecht keine doppelten Maßstäbe anlegen.
Adis Ahmetovic, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion
Kritiker halten der Bundesregierung vor, sich beim Gaza-Krieg Vorwürfen anderer Staaten nicht angeschlossen zu haben, Israel gehe völkerrechtswidrig vor. Deutschland hat auch den Angriff der USA und Israels auf den Iran sowie das US-Vorgehen in Venezuela nicht wie andere Regierungen klar als völkerrechtswidrig verurteilt.
... die Arbeit des Sicherheitsrats?
Wadephul hatte vor, die seit Jahren bestehende Blockade des Sicherheitsrats dadurch etwas aufzubrechen, indem man versucht, dem Gremium durch eine Aufwertung von dessen nicht ständigen Mitgliedern eine stärkere Stimme zu geben. So wollte er den mächtigen ständigen Mitgliedern des Rats - den Atommächten USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien - zumindest etwas Paroli bieten.
Vor der Abstimmung in New York versprach sich Deutschland mit einem nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat "ein Stück Macht" und die Mitgliedschaft in exklusiven internationalen Gremien, berichtete ZDF-Korrespondent Andreas Kynast.
03.06.2026 | 1:01 min... die Opposition?
Gerade die AfD, die das internationale Engagement der Bundesregierung ohnehin für zu umfangreich hält und Haushaltsmittel lieber für andere Zwecke ausgeben würde, dürfte versuchen, das Schlappe von Merz & Co. in eigene Stimmen umzumünzen. AfD-Chefin Alice Weidel schrieb auf der Plattform X von einer weiteren "Blamage" für den Kanzler.
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Grünen-Chefin Franziska Brantner kritisierte, das Wahlergebnis müsse "als Quittung für eine Außenpolitik verstanden werden, die international an Glaubwürdigkeit und Vertrauen eingebüßt hat." Der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken, sagte in der ARD-Sendung "Maischberger":
Das passiert, wenn man das Völkerrecht schreddert.
Jan van Aken, Co-Vorsitzender der Linken
... eine neue Sicherheitsrats-Kandidatur Deutschlands?
Deutschland bewirbt sich in der Regel alle acht Jahre für den Sicherheitsrat. Wadephul deutete an, sich daran halten zu wollen. Für die kommenden Jahre stehen bereits ausreichend Kandidaten in den Startlöchern. Für den Wahlzeitraum 2035/36 hat bislang nur Schweden erklärt, zu kandidieren.
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