40 Jahre nach dem Atomunfall:Tschernobyl: Es bleibt eine Katastrophe ohne Ende
von Martin Jabs
Vor 40 Jahren schockierte eine Explosion im AKW in Tschernobyl die Welt. Seitdem wurde die lauernde Gefahr fast vergessen. Doch der Ukraine-Krieg zeigt, wie fragil die Lage ist.
Vor 40 Jahren erschütterte die Explosion von Block 4 Europa. Überlebende berichten von der Schicksalsnacht und den Folgen, die bis heute nachwirken. Noch immer ist die Atomruine gefährlich.
07.04.2026 | 43:40 min24. Februar 2022: Russische Truppen besetzen das Sperrgebiet um Tschernobyl in der Ukraine. Sie verminen das Gelände, die ukrainischen Wachsoldaten kapitulieren.
Die Öffentlichkeit hält den Atem an: Was wird passieren, wenn die Russen den Sarkophag des havarierten Atomreaktors beschießen? Dafür ist er nicht gebaut - bei einem Einsturz kann eine hochradioaktive Wolke große Gebiete erneut kontaminieren. Denn unter der Schutzhülle lagern weiterhin strahlende Trümmerteile des Reaktors mitsamt der Brennelemente.
Nach fünf Wochen ziehen die Russen wieder ab. Die gefürchtete Katastrophe bleibt aus. Doch die Aktion ist ein Weckruf, eine Erinnerung an die Gefahr, die seit 40 Jahren schlummert.
Die Sowjetunion beginnt im Jahr 1970 mit dem Bau des Atomkraftwerkes Tschernobyl, einem Prestigeprojekt. Es soll das größte Atomkraftwerk weltweit werden - dank des Superreaktors RBMK.
25.04.2023 | 44:54 minBlock 4 des AKW in Tschernobyl explodiert
Der Unfall, der die Welt erschütterte, geschah in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986. Bei einem geplanten Sicherheitstest zur Notstromversorgung explodierte Block 4 des Kernkraftwerks. Verheimlichte Mängel des sowjetischen Reaktortyps RBMK und eine ahnungslose Mannschaft, die falsche Entscheidungen traf, führten zur Katastrophe.
Tschernobyl ist ein Unfall, wie er in autoritären Regimen passieren kann, wo die Kontrollmechanismen, die offene Demokratien haben, nicht mehr funktionieren.
Prof. Dr. Frank Uekötter, Technik- und Umwelthistoriker
Die Folgen waren enorm: Tausende Tote, verseuchte, auf Jahrhunderte unbewohnbare Landstriche. Und eine Atomruine, in der die hochradioaktiven Überreste dauerhaft überwacht und gekühlt werden müssen.
26. April 1986: Um 1:23 Uhr nachts explodiert in Tschernobyl ein Reaktor. Was zu Beginn ein Sicherheitstest ist, endet im Inferno. Bis heute ist es die größte Atomkatastrophe der Welt.
25.04.2023 | 45:20 minStromversorgung der Knackpunkt für die Atomruine
Dafür braucht es zwingend eine funktionierende und stabile Infrastruktur, vor allem eine zuverlässige Stromversorgung. Eine Achillesverse - besonders im Kriegsfall. Denn nicht nur der Beschuss der Ruine selbst kann zur Katastrophe führen.
Auch die indirekten Auswirkungen von Kriegshandlungen können für die Kraftwerksruine verheerend sein. Zerstörungen an weit entfernten Umspannwerken etwa können zu einer Unterbrechung der Energieversorgung im abgeschalteten Atomkraftwerk führen und die notwendige Kühlung gefährden.
Sehen Sie die Doku "Tschernobyl - Die Katastrophe" am 7. April um 20:15 Uhr im ZDF oder jederzeit im ZDF-Streaming-Portal. Dort finden Sie auch die vierteilige Reihe von ZDFinfo zum Atomunfall am 26. April 1986.
Je länger der Krieg in der Ukraine andauert, desto mehr steigt die Gefahr eines solchen Zwischenfalls. "Man weiß nie, wie die Probleme eskalieren," sagt Technik- und Umwelthistoriker Frank Uekötter. "Wir sehen beim Krieg, dass da plötzlich ganz andere Gefahren entstehen." Selbst wenn der Krieg zu Ende sei, sei die Gefahr nicht vorüber, erläutert Uekötter.
Bei Atomkraft gibt es nur einen stetigen Umgang mit der Gefahr und nie die Bewältigung von Gefahr.
Prof. Dr. Frank Uekötter, Technik- und Umwelthistoriker
Eine geheime Mitteilung über eine Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl erreicht den Sowjetführer Michail Gorbatschow. Wie reagiert der Hoffnungsträger auf die Nuklearkatastrophe?
25.04.2023 | 45:11 minKatastrophe hat immer noch Folgen für viele Menschen
Daran hat die russische Besetzung der Atomruine von 2022 noch einmal deutlich erinnert. Und auch daran, wie unkalkulierbar und weitreichend die Folgen der Katastrophe für den Menschen sind.
Denn es gibt nicht nur die unmittelbar von der Strahlung Geschädigten: Zu den Opfern gehören auch die Menschen aus weiter entfernten Gebieten der Ukraine und in Belarus, die dauerhaft niedrigen Strahlendosen durch kontaminierte Nahrungsmittel aus der Region wie Beeren, Pilzen und Wildfleisch ausgesetzt sind.
Nach der Katastrophe von Tschernobyl fordert die Welt von der Sowjetunion Aufklärung. Moskau beschuldigt das Kraftwerkspersonal und verschweigt Fehler in der Sowjettechnik.
25.04.2023 | 45:01 minDie Auswirkungen der Katastrophe beschränken sich zudem nicht nur auf die körperliche Gesundheit. Auch die Seele leidet: Tausende Bewohner wurden aus der Sperrzone evakuiert und verloren mehr oder weniger über Nacht ihre Heimat. Es sind Menschen, deren Biografien durch Zwangsumsiedlung, Existenzangst und gebrochene Lebensentwürfe geprägt sind. 40 Jahre nach der Katastrophe prägen ihre Geschichten noch das schwere Erbe von Tschernobyl.
Martin Jabs ist Redakteur für die ZDF-Redaktion Zeitgeschehen.
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