"Das ist alles paranoider Quatsch":Moskauer Gericht: Jacques Tilly soll über acht Jahre in Haft
Ein Moskauer Gericht hat Jacques Tilly wegen eines Putin-Motivwagens zu über acht Jahren Haft verurteilt. Der deutsche Wagenbauer bezeichnete das Verfahren als paranoiden Quatsch.
"Ich kann bestimmte Länder nicht mehr bereisen", sagt der Karnevalswagenbauer Jacques Tilly zu der von Moskau verhängten Haftstrafe. Er bleibe trotzdem bei seiner "Narrenfreiheit".
02.04.2026 | 3:41 minEin Gericht in Moskau hat den deutschen Bildhauer Jacques Tilly in Abwesenheit zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Tilly habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, urteilte Richter Konstantin Otschirow in dem umstrittenen Strafverfahren.
Außerdem soll Tilly eine Geldstrafe von umgerechnet rund 2.000 Euro zahlen und erhielt ein vierjähriges Arbeitsverbot in Russland.
Hintergrund sind die von Tilly gebauten Karnevalswagen, die Kremlchef Wladimir Putin und den von ihm befohlenen Krieg in der Ukraine kritisieren.
Im umstrittenen Moskauer Strafverfahren gegen den Bildhauer Jacques Tilly ist nun das Urteil gefallen. Er soll achteinhalb Jahre in Haft, eine Auslieferung droht ihm jedoch nicht.
02.04.2026 | 2:10 minTilly: Einschüchterung funktioniert bei mir nicht
"Das ganze Gerichtsverfahren ist selbstverständlich eine Farce", sagte Tilly. "Es ist ein politischer Schauprozess, den nehme ich nicht besonders ernst. Deshalb betrifft mich das eigentlich nicht wirklich."
Es ist meine Aufgabe als Narr einmal im Jahr den Autoritäten, den Autokraten, den Diktatoren in die Suppe zu spucken im Rosenmontagszug.
Jacques Tilly, Karnevalswagenbauer
Das sei sein Job und das werde er selbstverständlich weiterhin machen, betonte der Wagenbauer. "Also Einschüchterung, das wird glaube ich bei mir nicht funktionieren. Dann hätten sie ja ihr Ziel erreicht." Der Fall zeige, dass Russland kritische Satire und selbstbewusste, selbstbestimmte freie Bürger fürchte. Er sei kein Feind des russischen Staates.
Das ist alles paranoider Quatsch.
Jacques Tilly, Karnevalswagenbauer
Bildhauer und Wagenbaukünstler Jacques Tilly zum Gerichtsverfahren und seiner Verurteilung vor russischem Gericht.
02.04.2026 | 7:43 minPflichtverteidigerin forderte Freispruch für Tilly
Die Staatsanwältin hatte neun Jahre Haft, ein vierjähriges Arbeitsverbot und eine Geldstrafe von umgerechnet einigen Tausend Euro beantragt. Die Pflichtverteidigerin forderte einen Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Verteidigung habe versucht, Kontakt zum Angeklagten aufzunehmen, sei aber gescheitert - die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Moskau habe den Kontakt nicht vermittelt.
Aufgrund dessen war es nicht möglich, die Ziele und Motive zu beurteilen.
Pflichtverteidigerin von Jacques Tilly
Es fehle eine Expertise, die die Anschuldigungen gegen Tilly bestätigen und die subjektiven Motive der ihm zur Last gelegten Taten feststellen könnte.
In Moskau hat ein Gericht den deutschen Bildhauer Tilly in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Hintergrund sind seine Karnevalswagen, die Kremlchef Putin kritisieren.
02.04.2026 | 0:55 minTilly-Wagen aus 2024 im Fokus des Prozesses
In dem seit Monaten laufenden Prozess war immer wieder die Rede auch von einer Beleidigung des russischen Präsidenten Putin. Dieser Vorwurf fiel am Tag des Urteils nicht mehr konkret. Der Straftatbestand, nach dem Tilly verurteilt wurde, verbietet eine Verunglimpfung der russischen Staatsorgane, dazu gehört neben den Streitkräften aber auch Kremlchef Putin.
Besonders um eine Arbeit Tillys ging es in dem Moskauer Prozess. Beschrieben wurde in der Verhandlung mehrfach in aller Ausführlichkeit sein Karnevalswagen aus dem Jahr 2024 mit Figuren von Putin in Uniform und Patriarch Kirill beim homosexuellen Oralverkehr.
Jacques Tilly steht vor dem Mottowagen, auf dem eine Skulptur des russischen Präsidenten Wladimir Putin die Düsseldorfer Karnevalsfigur Hoppeditz aufspießt. (Archiv)
Quelle: dpaBotschafter in Moskau empört über Urteil gegen Tilly
Die deutsche Botschaft in Moskau kritisierte das harte Urteil nun scharf: "Die Verurteilung von Jacques Tilly zeigt, dass Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung unvermindert weitergehen - aber jetzt auch verstärkt im Ausland. Das betrifft uns direkt", sagte Alexander Graf Lambsdorff der Deutschen Presse-Agentur in Moskau.
Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland verurteilt dieses absurde Schauspiel in aller Schärfe und wird weiter für freie Meinungsäußerung, Kunstfreiheit und damit auch die Freiheit der Satire eintreten.
Alexander Graf Lambsdorff, deutscher Botschafter in Moskau
Aus der deutschen Politik bekam Jacques Tilly während des Prozesses Zuspruch.
28.01.2026 | 2:13 minTilly muss keine Auslieferung befürchten
Tilly hatte mehrfach erklärt, dass er nicht von der russischen Justiz über das Verfahren informiert worden sei. Allerdings beobachteten Diplomaten der deutschen Botschaft mit seiner Kenntnis in Moskau den Prozess. Der Künstler hatte mehrfach Karnevalswagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug mit Karikaturen von Putin gebaut.
Nach solchen Anschuldigungen wegen angeblicher Verunglimpfung der Armee sind in Russland schon viele Kriegsgegner der von Putin befohlenen Invasion in die Ukraine verurteilt worden. Die Entscheidungen stehen international als Unrechtsurteile der russischen Willkürjustiz in der Kritik.
Eine Auslieferung von Deutschland nach Russland muss Tilly zwar nicht befürchten. Probleme kann er aber bei Reisen in Länder bekommen, die von Moskau gesuchte Straftäter an Russland ausliefern. Moskau könnte ihn etwa zur Fahndung bei Interpol ausschreiben.
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