Kritik und Proteste in Tschechien:Sudetendeutscher Tag: "Versöhnung ist immer fragil"
Der Sudetendeutsche Tag in Tschechien steht im Zeichen der Versöhnung, doch es gibt auch Protest. Ein Historiker erklärt, wie Politik Geschichte instrumentalisiert.
Am Pfingstwochenende findet der seit 1950 abgehaltene Sudetentag erstmals in Tschechien statt. Doch um die als Versöhnungsfest geplante Zusammenkunft ist eine heftige politische Debatte entbrannt.
22.05.2026 | 2:13 minAuf die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und deren Verbrechen im heutigen Tschechien folgten Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung, die dort lebte. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg findet der Sudetendeutsche Tag, das jährliche Treffen der Vertriebenen, nun in Tschechien statt. Während viele darin ein Symbol der Versöhnung sehen, mobilisieren vor allem linke und rechtsradikale Parteien in Tschechien gegen das Treffen.
Widerstand kam dabei auch von den nationalistischen Kräften in der tschechischen Regierungskoalition, allen voran von der Partei Freiheit und direkte Demokratie (SPD). "Die Veranstaltung spaltet eindeutig die Gesellschaft", erklärte deren Vorsitzender, Parlamentspräsident Tomio Okamura.
Auf seine Initiative hin hatte das Parlament in Prag einen Antrag verabschiedet, in dem sich die Regierungskoalition gegen das Treffen in Brünn aussprach. Die Opposition nahm demonstrativ nicht an der Abstimmung teil. Auch die Ministerbank blieb auffallend leer. Der rechtspopulistische Regierungschef Andrej Babiš sagte: "Das ist eine unglückliche Angelegenheit." Es gebe noch eine Generation von Leuten, die sich keineswegs mit den Vertriebenen ausgesöhnt habe.
Die Vorgeschichte der Vertreibung ist komplex: Mit der Auflösung Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg wurden Deutschböhmen, Deutschmähren und Deutschschlesier Bürger der Tschechoslowakei. Viele von ihnen identifizierten sich aber nicht mit dem neuen Staat. Konrad Henlein und seine Sudetendeutsche Partei propagierten die Angliederung an Hitler-Deutschland.
Mit dem Münchner Abkommen von 1938 musste die Tschechoslowakei die Sudetengebiete abtreten. Im März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein und errichtete eine Terrorherrschaft im sogenannten "Protektorat Böhmen und Mähren".
Nach dem Krieg orientierte sich die wiedergegründete Tschechoslowakei politisch nach Osten.
Die Dekrete des Präsidenten Edvard Beneš wurden zur Grundlage für die Enteignung der deutschen Minderheit. Bei der Vertreibung kam es zu Gewaltexzessen. Beim "Brünner Todesmarsch" wurden rund 27.000 Deutsche aus der Stadt zur österreichischen Grenze getrieben. Mehr als 2.000 Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und Ältere, überlebten die Strapazen nicht.
Quelle: dpa
Versöhnung statt Vergeltung: Darauf hatten sich die "Heimatvertriebenen" 1945 eingeschworen. Für viele von ihnen war die Gewalt auch nach Ende des Krieges nicht vorbei.
05.08.2025 | 2:16 minIm Interview mit ZDFheute erklärt Matěj Spurný, Historiker an der Karls-Universität Prag, die Hintergründe.
ZDFheute: Warum mobilisiert die tschechische Regierung gegen den Sudetendeutschen Tag und warum verfängt das bei manchen?
Matěj Spurný: Wir leben in einer Zeit des Aufstands, des Neuerwachens der faschistischen Politik. Daher werden die Nationen gegeneinander aufgehetzt. Es hat also einen sehr aktuellen politischen Kontext, nicht nur in der Tschechischen Republik.
Es sind die ehemaligen Sudetengebiete, die meist wirtschaftlich am schwächsten dastehen in Tschechien, die eine sehr schwere Geschichte, auch in der kommunistischen Zeit, durchgemacht haben.
Und das trägt bei zu der Unsicherheit und zum fehlenden Selbstbewusstsein, was wiederum Nährboden für diese nationale Politik der Angst, wie ich es nenne, bietet.
Matěj Spurný, Historiker
ist ein tschechischer Historiker und Experte für die moderne Geschichte Mitteleuropas, insbesondere für die Vertreibung der Deutschen nach 1945 und die deutsch-tschechischen Beziehungen. Er ist Leiter des Instituts für Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag und beschäftigt sich mit Erinnerungskultur, Identität und den Folgen des Zweiten Weltkriegs. In der öffentlichen Debatte gilt er als differenzierte Stimme, die sowohl historische Verantwortung als auch Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen betont.
ZDFheute: Das Motto des Treffens lautet "Alles Leben ist Begegnung". Warum ist Brünn der geeignete Austragungsort für diese Begegnung?
Spurný: Brünn war bis zum Zweiten Weltkrieg eine ethnisch-kulturell-sprachlich sehr gemischte Stadt. Daher ist es ein Ort, wo auch heute Tschechen und Deutsche, ehemalige Mitbürger oder deren Kinder und Enkelkinder, die zwangsausgesiedelt wurden, mit den jetzigen Bewohnern in den Dialog treten.
Es gibt auch tragische Kontexte, die mit Brünn verbunden sind. Vor allem den sogenannten Brünner Todesmarsch, ein Vertreibungsakt kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, bei dem sehr viele Deutsche getötet wurden und noch mehr durch die Verhältnisse an der mährisch-österreichischen Grenze gestorben sind. Der Brünner Todesmarsch wurde schon vor Jahren von vielen aktiven Bürgern in Brünn zum Anlass genommen, die Nachkriegsverhältnisse zu diskutieren und der Toten zu gedenken.
Nun gibt es den sogenannten Marsch der Versöhnung als alljährliche Praxis, bei dem Tschechen, Deutsche und Österreicher in die andere Richtung laufen als damals die Vertriebenen. Sie nehmen das als Akt der Versöhnung wahr.
Matěj Spurný, Historiker
1950 wurde die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verabschiedet. Darin der Wunsch nach einer Rückkehr in die Heimat, der sich nie erfüllte. Was fehlte, war größere Einsicht in die Ursachen.
05.08.2025 | 2:35 minZDFheute: Dennoch ist für viele der Konflikt noch immer lebendig?
Spurný: Der Zweite Weltkrieg und das, was unmittelbar danach passiert ist, spielt eine zentrale Rolle in dem, wie wir uns auch heute in Europa verstehen.
Viele Gesellschaften und Nationen in Europa identifizieren sich und legitimieren ihre Existenz heute dadurch, wie sie durch den Krieg gekommen sind oder wie sie nach dem Krieg ihre Gesellschaften wieder aufgebaut haben.
Matěj Spurný, Historiker
Und das Leiden während des Zweiten Weltkriegs, aber auch das Leiden der deutschsprachigen Bewohner der damaligen Tschechoslowakei, die nach dem Krieg vertrieben wurden, das gehört eben dazu. Es ist immer noch ein Bündel von ganz wichtigen und schmerzhaften Themen, mit denen wir umgehen müssen, und es ist nicht einfach. Und wie es bei schwierigen Themen unter Menschen ist: Man kann sie auch missbrauchen, jederzeit, solange sie so wichtig und lebendig sind.
ZDFheute: Zugleich hieß es in den letzten Jahren - oft auch beidseitig - die Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien seien so gut wie nie zuvor. Gilt das generationenübergreifend oder bleibt das Verhältnis fragil?
Spurný: Versöhnung ist immer fragil. Also auch, wenn man etwas sehr lange aufbaut und sehr viel Arbeit leistet, kann man es relativ schnell zerstören.
Das Zerstören ist immer schneller als das Aufbauen.
Matěj Spurný, Historiker
Und das ist genau das, was wir jetzt vor Augen haben sollten.
Ich denke nicht, dass die Sudetendeutschen alte Wunden aufreißen wollen. Die Leute wollen sich erinnern und haben einen Bezug zu diesem Land. Sie freuen sich, denn vor zwanzig oder dreißig Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, dass der Sudetendeutsche Tag in Tschechien stattfindet, dass das eben heute möglich ist.
Es steckte auch viel Hoffnung dahinter, denn nicht nur bei den intellektuellen Eliten, sondern allgemein auch bei der Zivilgesellschaft, wird es von tschechischer Seite als eine Geste des eigenen Selbstbewusstseins verstanden, die Sudetendeutschen hierher einzuladen. Insofern ist das nicht das Öffnen alter Wunden, es ist ein Zeichen der Offenheit für einen Dialog.
Das Interview führte Tatyana Synkova, Producerin für Tschechien im ZDF Studio Südosteuropa, zusammengefasst hat es Ariane Dörendahl, ZDF Studio Wien.
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