Krieg im Sudan: Expertin sieht einen Frieden noch Jahre entfernt

Interview

Katastrophale Lage im Land:Expertin erklärt: Darum ist im Sudan kein Frieden in Sicht

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Die Milliardenhilfen der Geberkonferenz für Sudan werden nicht ausreichen, sagt Politologin Hager Ali - und erklärt, was Friedensinitiativen auf Jahre kompliziert macht.

Schaltgespröch zwischen Hager Ali und Nazan Gökdemir.

Es gebe ein "sehr großes Finanzierungsloch" in der humanitären Hilfe für den Sudan, sagt Politikwissenschaftlerin Hager Ali. Die Versorgungsengpässe würden sich weiter vergrößern.

15.04.2026 | 4:36 min

Im Sudan eskaliert die humanitäre Krise, während der Machtkampf zwischen Armee und RSF-Miliz weitergeht. Am Mittwoch hat die Geberkonferenz in Berlin Finanzhilfen in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro beschlossen.

Doch die Milliardenhilfen dürften nicht ausreichen, sagt Politikwissenschaftlerin Hager Ali. Sie sieht massive strukturelle Probleme im Sudan und kaum Aussicht auf schnelle Lösungen.

Sehen Sie das Interview im heute journal update oben in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen.

Im heute journal update spricht Ali über…

… die große Hungersnot im Sudan:

Die zugesagten internationalen Hilfen reichen nach Einschätzung von Hager Ali bei Weitem nicht aus. Es gebe ein "sehr großes Finanzierungsloch in der humanitären Hilfe", die tatsächlich benötigt werde. Die mehr als 1,3 Milliarden Euro seien "nur ein Tropfen auf den heißen Stein".

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Besonders kritisch sei die Versorgungslage: Durch zusätzliche Faktoren wie Engpässe bei Düngemitteln und geopolitische Spannungen verschärfe sich die ohnehin dramatische Hungersnot weiter. Es entstehe ein "sehr großes Versorgungsloch, das sich auch in Zukunft noch weiter vergrößert". Die humanitäre Krise drohe sich damit weiter zuzuspitzen, so Ali.

Nach Ansicht verschiedener Hilfsorganisationen und der Vereinten Nationen hat sich die Lage für die Zivilbevölkerung zunehmend verschlechtert. Drohnen würden verstärkt eingesetzt, die auch Märkte, Gesundheitseinrichtungen und Wohnviertel treffen. Vor allem Frauen und Mädchen erlebten systematisch sexualisierte Gewalt. In Teilen des Landes würden Menschen ausgehungert. Gleichzeitig benötigen fast 34 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Die Zahl derer, die im Land vertrieben oder in Nachbarländer geflüchtet sind, wird auf knapp 12 bis mehr als 14 Millionen geschätzt. Laut den Vereinten Nationen sind für das Jahr 2026 bislang nur rund 16 Prozent der benötigten Mittel gedeckt.
Quelle: KNA


… die komplexe militärische Lage:

Ein zentrales Problem für eine Lösung des Konflikts sieht Ali in der Unübersichtlichkeit der militärischen Lage. Weder die sudanesische Armee noch die paramilitärischen Rapid Support Forces seien aktuell in der Lage, die Kontrolle vollständig zu übernehmen. "Befehle, die Waffen niederzulegen oder humanitäre Korridore einzuhalten, [können] nicht durchgesetzt werden", erklärt sie.

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Zudem kämpften zahlreiche Milizen gleichzeitig an verschiedenen Fronten, was ein klares Lagebild erschwere. Nach Ansicht Alis tragen auch Rohstoffe zur Verlängerung des Krieges bei:

Gold ist gerade für die Akteure sehr wichtig, weil das eine sanktionsresistente Ressource ist.

Hager Ali, Politikwissenschaftlerin

Gold könne nicht aus der Ferne eingefroren werden, sei aber dennoch ein Zahlungsmittel für Waffen.

… den Ursprung des Konflikts:

Auch die internationale Dimension des Konflikts ist komplex. Ägypten etwa hilft der sudanesischen Armee. Die Vereinigten Arabischen Emirate dagegen beliefern laut Ali die RSF-Milizen, beispielsweise mit Waffen und Treibstoff. Doch ein Ansatz über diese Akteure greife aus Sicht Alis zu kurz. "Es ist ein Weg, aber leider nicht der Hauptweg", betont sie. Entscheidend sei vielmehr die innenpolitische Dynamik im Sudan selbst.

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Der Ursprung des Konflikts liege in einem Machtkampf innerhalb des Sicherheitssektors, insbesondere in der geplanten Zusammenlegung von Armee und RSF. Es fehlten jedoch funktionierende Institutionen, um solche Reformen friedlich umzusetzen.

Da fehlen gerade die Mittel, die Institutionen, auf einem regulären Weg zu verhandeln und einen Weg aus dieser Krise zu finden.

Hager Ali, Politikwissenschaftlerin

Solange diese strukturelle Schieflage bestehe, bleibe eine Lösung unwahrscheinlich.

Archiv: Soldaten kommen zum Allafah-Markt in einem Gebiet, das die sudanesische Armee kürzlich von der paramilitärischen Gruppe Rapid Support Forces zurückerobert hat.

Soldaten der sudanesische Armee: 2023 brachen die Kämpfe mit den RSF-Milizen aus. (Archivbild)

Quelle: dpa

… die düstere Perspektive für Sudan:

Die Aussichten auf ein Ende der Gewalt sind laut Ali entsprechend düster. Kurzfristig gebe es kaum Hoffnung auf eine Befriedung. "Die Chancen stehen gerade auf kurze Sicht leider sehr schlecht", sagt sie. Der hohe Bewaffnungsgrad und die Vielzahl an Waffenquellen erschwerten wirksame Maßnahmen wie Embargos erheblich.

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Ali geht davon aus, dass sich der Konflikt noch über Jahre hinziehen könnte: "Wir schauen hier tatsächlich auf einen Zeithorizont von fünf Jahren, zehn Jahren, vielleicht 20 Jahren sogar, bis es wirklich zur Befriedung kommen kann." Ein schneller Ausweg aus der Krise sei daher nicht in Sicht.

Das Interview im heute journal update führte Nazan Gökdemir, ausgewertet hat es ZDFheute-Redakteurin Anne Sophie Feil.

Die humanitäre Krise im Sudan spitzt sich immer mehr zu. Die Folgen: Zerstörung, Hunger und Vertreibung. Unter folgendem Konto können Hilfen für Menschen vor Ort gespendet werden:

Aktionsbündnis Katastrophenhilfe
Spendenkonto: Commerzbank
IBAN: DE65 100 400 600 100 400 600
Stichwort: ZDF Nothilfe Sudan

Im Aktionsbündnis Katastrophenhilfe haben sich Caritas international, Deutsches Rotes Kreuz, UNICEF und Diakonie Katastrophenhilfe zusammengeschlossen.


Über dieses Thema berichtete das heute journal update am 16.04.2026 ab 0:48 Uhr.
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