Konflikt zwischen Armee und RSF-Miliz:Drei Jahre Krieg im Sudan - "Bürger als Zielscheibe"
von Katia Rathsfeld
Im Sudan leiden Tausende Menschen unter Krieg und Hunger. Frieden scheint fern zu sein und kann laut Experten nur kommen, wenn Unterstützung für die Konfliktparteien ausbleibt.
"Im Sudan haben über 20 Millionen Menschen Probleme, genug Essen zu finden" und das Land stehe vor enormen humanitären Schwierigkeiten, sagt der Afrika-Experte Gerrit Kurtz.
15.04.2026 | 5:04 minSeit genau drei Jahren tobt der Krieg im Sudan. Am 15. April 2023 eskalierte der Machtkampf zwischen Militärherrscher Abdel Fattah al-Burhan und dem damaligen Milizenführer Hamdan Daglo. Beide erhoben Anspruch auf die Herrschaft - mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung.
Mittlerweile ist die Lage im Sudan die laut UN größte humanitäre Krise der Welt. Und eine Lösung ist nicht in Sicht.
Konflikt zwischen sudanesischer Armee und RSF-Miliz
Der Krieg zwischen der sudanesischen Armee (SAF) und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) werde zu großen Teilen auf dem Rücken der Zivilisten ausgetragen, sagt Gerrit Kurtz, Sudan-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik im ZDF-Morgenmagazin. So griffen die Konfliktparteien etwa Märkte und Krankenhäuser an.
Nach Ansicht verschiedener Hilfsorganisationen und der Vereinten Nationen hat sich die Lage für die Zivilbevölkerung zunehmend verschlechtert. Vor allem Frauen und Mädchen erlebten systematisch sexualisierte Gewalt. In Teilen des Landes würden Menschen ausgehungert.
Gleichzeitig benötigen fast 34 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Die Zahl derer, die im Land vertrieben oder in Nachbarländer geflüchtet sind, wird auf knapp 12 bis mehr als 14 Millionen geschätzt. Laut Vereinten Nationen sind für das Jahr 2026 bislang nur rund 16 Prozent der benötigten Mittel gedeckt.
Quelle: dpa
Auch Anette Hoffmann, Konfliktforscherin und Sudan-Expertin beim niederländischen Clingendael Institute, betont die fatalen Konsequenzen für die Menschen. In der jüngeren Geschichte gebe es kein anderes Beispiel für ein solches Ausmaß der Gewalt und der Gräueltaten, sagte sie im Interview mit ZDFheute live.
Millionen hungern, der Krieg geht weiter: Sudan-Expertin Hoffmann erklärt bei ZDFheute live, warum der Krieg im Sudan so brutal eskaliert – und was eine Konferenz leisten kann und was nicht.
15.04.2026 | 18:19 minGezielte Angriffe auf Zivilisten im Sudan
Viele Aktionen seien Vergeltungsschläge und richteten sich "gezielt gegen die Zivilbevölkerung" - neben Krankenhäusern würden Menschen aus der Luft mit Drohnen auf Märkten angegriffen. Auch Zulieferungsketten mit Kraftstoffen und Lebensmitteln sollten so zerstört werden, sagt Hoffmann.
Ziel beider Konfliktparteien sei auch, zu verhindern, dass es politische Prozesse und eine durch Bürger angeführte Regierung geben könnte, so die Expertin.
Deshalb nehmen sie die Bürger wirklich als Zielscheibe.
Anette Hoffmann, Konfliktforscherin und Sudan-Expertin
... ist Konfliktforscherin beim Think Tank Clingendael in den Niederlanden. Sie beschäftigt sich mit Wechselwirkungen zwischen wirtschaftlichen und politischen Treibern von Konflikten. Hoffmann arbeitete über zehn Jahre im Sudan, Südsudan und Äthiopien - unter anderem für die UN.
... ist seit Januar 2022 Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Sudan-Konferenz soll Menschen helfen
Um weitere Hilfen für die sudanesische Bevölkerung zu mobilisieren, trafen sich Spitzenpolitiker aus Europa und Afrika sowie Vertreter ziviler Gruppen in Berlin. Neu sei nach zwei vorausgegangenen Konferenzen in London und Paris, "dass diesmal die Kriegsparteien selbst nicht eingeladen sind und der Fokus wirklich auf der zivilen Bevölkerung liegt", betont Expertin Hoffmann.
Die Sudan-Konferenz sei keine Friedenskonferenz, erklärt auch Kurtz. Sie solle vielmehr Vermittlungsinitiativen koordinieren und humanitäre Gelder einwerben. Laut Außenminister Johann Wadephul (CDU) wurden Hilfen von mindestens 1,3 Milliarden Euro zugesagt, Deutschland stockt seine Hilfen um mehr als 230 Millionen Euro auf.
Aber: 2,2 Milliarden US-Dollar sind nach Ansicht der internationalen Gemeinschaft notwendig, um den Sudan im Jahr 2026 zu unterstützen. Das betonte Mahmoud Ali Youssouf, Vorsitzender der Afrikanischen Union, in Berlin.
Wer gegen wen im Sudan kämpft
Der Bürgerkrieg im drittgrößten Land Afrikas begann am 15. April 2023. Seit drei Jahren kämpfen die sudanesische Regierungsarmee SAF von De facto-Machthaber Abdel-Fattah al-Burhan und die Miliz RSF unter Mohamed Hamdan Daglo erbittert um die Vorherrschaft im Land. Einst hatten sich die beiden gemeinsam an die Macht geputscht - Daglo war al-Burhans Stellvertreter.
Mittlerweile ist das Land zu weiten Teilen in Kontrollsphären aufgeteilt: Die Armee kontrolliert seit dem vergangenen Jahr wieder die zu großen Teilen zerstörte Hauptstadt Khartum und den Osten des Sudans. Die RSF hat mit der Eroberung der Stadt Al-Faschir die große Region Darfur im Westen unter Kontrolle. Dort hat sie nicht nur Zugang zu Versorgungsrouten aus dem Tschad, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik, sondern kann mit der Kontrolle über wichtige Goldvorkommen auch Waffenkäufe finanzieren.
Derzeit wird vor allem in der weiter südlich gelegenen Region Kordofan heftig gekämpft. Experten wie Alan Boswell von der International Crisis Group sehen die Gefahr einer dauernden Teilung des Landes.
Menschenrechtsorganisationen werfen sowohl der SAF als auch der Miliz RSF Menschenrechts- und Kriegsverbrechen vor. Die SAF soll willkürlich Wohngebiete bombardieren. Die RSF setzt sexuelle Gewalt als Kriegswaffe ein, besonders gegen die nicht-arabischen Bevölkerungsgruppen in Darfur.
Sexuelle Gewalt sei zu einem prägenden und allgegenwärtigen Merkmal des Konflikts geworden, hieß es in einem Ende März vorgestellten Bericht der Ärzte ohne Grenzen. "Dieser Krieg wurde in vielerlei Hinsicht auf dem Rücken und den Körpern von Frauen und Mädchen geführt." Zudem gibt es Berichte über Massaker, Folter und Massenerschießungen besonders in Darfur. UN-Ermittler sehen Merkmale von Völkermord.
Das IKRK berichtet, allein in Khartum seien mehr als 20.000 Leichen geborgen und beigesetzt worden. In Schätzungen ist von deutlich mehr als 150.000 Toten die Rede. Angesichts von Massakern und Massengräbern, die Wissenschaftler etwa des Humanitarian Research Lab der Yale Medical School auf Satellitenaufnahmen identifizierten, dürfte die wahre Zahl der Opfer erst nach dem Ende des Krieges festgestellt werden können.
(Quelle: dpa)
Frieden im Sudan - aber wie?
Doch wie kann Frieden erreicht werden? Aus Sicht von Kurtz und Hoffmann muss vor allem die internationale Unterstützung für die Konfliktparteien durch Waffenlieferungen und finanzielle Hilfen aufhören.
Die Karte zeigt eine Auswahl von Ländern, die den Konflikt im Sudan unterstützen.
Quelle: ZDFÄgypten und Saudi-Arabien sowie die Türkei gelten etwa als Unterstützer der sudanesischen Streitkräfte (SAF). Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hingegen sollen die RSF-Miliz finanzieren und Waffen liefern. Ohne sie sei "die furchtbarste Form der Gewalt, die wir sehen im Sudan, schlicht nicht möglich", betont Konfliktforscherin Hoffmann.
Um die genozidale Gewalt zu beenden, die wir nun wiederholt gesehen haben (…), ist es unglaublich wichtig, Druck auszuüben auf genau diese Sponsoren, die das ermöglichen.
Anette Hoffmann, Konfliktforscherin und Sudan-Expertin
Drei Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs im Sudan spitzt sich die humanitäre Lage weiter zu. In Berlin wird ab heute auf einer Geberkonferenz über die finanzielle Unterstützung verhandelt.
15.04.2026 | 1:36 minExpertin Hoffmann: Kriegsgeschehen wird weiter angetrieben
Doch bislang zeichnet sich nicht ab, dass die Unterstützung abreißt. Der Iran-Krieg habe anders als erwartet keinen bremsenden Einfluss auf den Bürgerkrieg, erklärt Konfliktforscherin Hoffmann, die selbst jahrelang im Sudan gelebt hat. So habe die von den VAE organisierte Lieferung von Waffen und die Ausbildung von Söldnern vor allem in Äthiopien weiter zugenommen. So werde das "Kriegsgeschehen weiter angetrieben".
Auf der anderen Seite beziehe die SAF weiterhin Drohnen aus Iran und aus der Türkei, um diesen Krieg weiterzuführen.
Emergency Response Rooms in Sudan: Rückzugsorte inmitten der Zerstörung. Die Zentren sollen ein wenig Normalität im Krieg bieten – und Hoffnung. Denn Sudan ist mehr als nur Krieg.
30.11.2025 | 2:49 minAuch Kampf ums Gold im Sudan
Generell wollten alle Akteure die Zukunft Sudans beeinflussen, um ihre wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Ziele umsetzen zu können, betont Experte Kurtz. Es geht also um geopolitische Interessen und Einfluss - das Land liegt strategisch wertvoll am Roten Meer. Aber auch Sudans Rohstoffe sind von Interesse, dazu gehören Erdöl, Uran, Kupfer, Eisen und Gold.
Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate, aber auch Ägypten, Kenia und Uganda machten als Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union "derzeit unglaublich viel Geld" mit sudanesischem Gold und befeuerten den Krieg damit weiter, sagt Hoffmann. Deshalb mache es keinen Sinn, "über humanitäre Hilfe nachzudenken und wie man den Krieg beenden kann, wenn man weiterhin aktiv an solchen Goldgeschäften mit involviert ist".
Im Sudan herrscht ein brutaler Machtkampf zwischen der Regierung und der Miliz RSF. Beide finanzieren ihn mit Gold. Bei ZDFheute live erklärt eine Konfliktforscherin den Krieg.
28.10.2025 | 16:50 minDie humanitäre Krise im Sudan spitzt sich immer mehr zu. Die Folgen: Zerstörung, Hunger und Vertreibung. Unter folgendem Konto können Hilfen für Menschen vor Ort gespendet werden:
Aktionsbündnis Katastrophenhilfe
Spendenkonto: Commerzbank
IBAN: DE65 100 400 600 100 400 600
Stichwort: ZDF Nothilfe Sudan
Im Aktionsbündnis Katastrophenhilfe haben sich Caritas international, Deutsches Rotes Kreuz, UNICEF und Diakonie Katastrophenhilfe zusammengeschlossen.
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