Diskriminierung von queeren Personen:LGBTQI-Communities in Afrika werden zunehmend kriminalisiert
von Susann von Lojewski
Auf keinem Kontinent erfahren queere Menschen härtere Strafen als in Afrika. Mehr als die Hälfte der Länder lehnt gleichgeschlechtliche Liebe ab. Jüngstes Beispiel: der Senegal.
Mit großer Mehrheit beschließt Senegals Parlament härtere Strafen gegen homosexuelle Personen. Für gleichgeschlechtliche Beziehungen drohen künftig bis zu zehn Jahre Haft und Geldstrafen.
20.03.2026 | 1:12 minJubel, Applaus und Händeschütteln - mit überwältigender Mehrheit stimmte das Parlament Senegals vor wenigen Tagen für einen Gesetzentwurf zur Verschärfung der Strafen für gleichgeschlechtlichen Sex. Nur drei Parlamentsmitglieder enthielten sich, alle anderen 135 stimmten dafür und feierten anschließend ausgelassen ihren Sieg. Vorausgegangen waren der Abstimmung hitzige Wortbeiträge.
"Jeder sexuelle Akt zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Menschen ist ein Akt gegen die Natur," sagte Ousmane Sonko, Premierminister des westafrikanischen Landes. Und die Abgeordnete Fama Bè erklärte lautstark: "Hier in Afrika, im Senegal, akzeptieren wir diese Homosexualität nicht."
Es gehört nicht zu unserer Kultur oder zu unserer Tradition.
Fama Bé, Abgeordnete Regierungspartei PASTEF
Künftig soll gleichgeschlechtliche Liebe mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Auch hohe Geldstrafen können verhängt werden.
Als einer der letzten EU-Staaten bereitet Polen die rechtliche Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften vor. Tusk nennt das einen Kompromiss, der "ein zivilisatorisches Minimum" sei.
04.03.2026 | 2:17 minFür die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat die Abstimmung auch eine politische Dimension. Alex Müller, Direktorin der Abteilung für LGBTQI-Rechte, ist überzeugt, "dass es nicht um die queeren Menschen selbst geht. Sie dienen als Sündenbock, werden als Bedrohung von außen und/oder als Ausdruck eines Werteverfalls gesehen. Dieses Feindbild stärkt nationalistische Narrative."
Stigmatisierung nicht nur im Senegal
Doch der Senegal ist nicht das einzige Land Afrikas, das die LGBTQI-Communitys kriminalisiert. In Uganda, Somalia oder Mauretanien ist bei "schwerer Homosexualität" sogar die Todesstrafe möglich. In Ghana, Mali oder Burkina Faso etwa drohen ebenfalls hohe Haftstrafen.
Dabei geht es nicht nur um Schwule oder Lesben. Die Rechtsprechung geht noch viel weiter. Menschen, die sie juristisch beraten, sie medizinisch behandeln oder ihnen eine Wohnung vermieten, machen sich ebenfalls strafbar. Bei HRW befürchten sie auch gesundheitliche Konsequenzen, da schwule Männer strukturell von HIV-Programmen oder Behandlung ausgeschlossen sind.
Im Senegal drohen homosexuellen Paaren künftig längere Haftstraften. Das Parlament beschloss bis zu zehn Jahre Gefängnis für gleichgeschlechtliche Beziehungen.
12.03.2026 | 0:25 minDer ugandische Menschenrechtsaktivist Frank Mugisha sieht in all dem einen Eingriff in die Privatsphäre, die weit über die sexuellen Handlungen hinausgeht:
"Der Staat bestraft nicht nur einvernehmliche Handlungen von Erwachsenen im privaten Rahmen."
Er demontiert das Recht auf Existenz im öffentlichen Raum. Er schafft einen 'sozialen Tod', in dem selbst die Inanspruchnahme von Gesundheitsversorgung oder Rechtsbeistand zu einem Verbrechen und einem Risiko wird.
Frank Mugisha, Menschenrechtsaktivist
Mugisha vermutet hinter der zunehmenden Homophobie den Einfluss religiöser Gruppen aus den USA: "Wir erleben einen koordinierten "Export von Hass". Extremistische religiöse Gruppen aus den USA, die in ihrem Heimatland vor Gericht gescheitert sind, nutzen afrikanische Parlamente als Experimentierfeld für ihre extremistischen Ideologien. Sie stellen die Finanzierung und die rechtlichen Vorlagen bereit, die lokale Politiker dann als "Verteidigung afrikanischer Werte" umdeuten.
Neue Gesetze, öffentliche Hetze und Zensur: Minderheiten erleben derzeit überall in den USA eine politische und gesellschaftliche Gegenbewegung - selbst im liberalen New York.
21.05.2025 | 6:33 minHuman Rights Watch fordert mehr Unterstützung
In vielen westlichen Ländern sieht man die Diskriminierung Homosexueller in Afrika mit Sorge. Der oft erhobenen Forderung, den betroffenen Ländern Hilfsmittel zu kürzen, widerspricht allerdings die Expertin von Human Rights Watch. "Was die internationale Staatengemeinschaft tun kann?"
Keine weiteren Kürzungen von Geldern für die Entwicklungszusammenarbeit, dagegen Aufstocken der Gelder, die an lokale Menschenrechtsverteidigungs-Organisationen gezahlt werden, und bedingungsloses Einstehen für die Menschenrechte aller.
Alex Müller, Direktorin des LGBT-Programms bei Human Rights Watch
Die Hoffnung ruht jetzt auf Senegals Präsident Bassirou Diomaye Faye, der das Gesetz noch unterschreiben muss. Auch der Senegal sei der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen beigetreten und sei damit verpflichtet die Rechte queerer Menschen zu verteidigen, betonte UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk noch vor einigen Tagen. Anzeichen dafür, dass Faye das Gesetz nicht absegnen wird, gibt es allerdings nicht.
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