Queere Pflegebedürftige:Wie queersensible Pflege und Betreuung gelingen kann
von Clara Nigratschka
Die Gesellschaft wird immer älter und immer mehr Menschen pflegebedürftig. Darunter auch queere Menschen, die jahrelang nicht offen leben konnten. Was bei ihrer Pflege wichtig ist.
Im Julie-Roger-Haus in Frankfurt am Main ist man offen für queere Pflegebedürftige. Was macht das Heim so anders?
29.12.2025 | 5:09 minSchwule Männer, lesbische Frauen und trans* Personen, die in den 1950er- und 60er-Jahren jung waren, haben sich teilweise bis heute nicht geoutet, weil Homosexualität strafbar war und sie insgesamt starke gesellschaftliche Ablehnung und Ausgrenzung befürchten mussten.
Viele von ihnen sind aufgrund ihrer Vorgeschichte ohne Kinder, die sich um sie kümmern könnten, wenn sie pflegebedürftig werden. Dann bleibt nur noch ein Pflegeheim oder die Hilfe durch einen Pflegedienst.
Viele von ihnen haben einen kirchlichen Träger. Gerade hier ist die Furcht der Pflegebedürftigen oft groß, aufgrund ihrer sexuellen Identität abgewiesen zu werden. Alte Ängste können wieder hochkommen, wie Heimleiter Armin Blum weiß.
Für queere Menschen im Alter ist die Situation, dass da ganz viel Angst besteht, nicht akzeptiert zu werden.
Armin Blum, Pflegeheim Julie-Roger-Haus, Frankfurt am Main
Armin Blum leitet das Julie-Roger-Haus in Frankfurt am Main, ein sogenanntes Regenbogenhaus, das sich offen gegenüber queeren Pflegebedürftigen zeigt und auf deren besondere Bedürfnisse achtet. Wie sieht eine solche queersensible Pflege aus?
"Queer" ist ein Sammelbegriff für Menschen, die sich nicht ausschließlich heterosexuell verstehen, deren Geschlechtsidentität nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht oder die sich aus anderen Gründen nicht in traditionelle Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität einordnen möchten. Dazu gehören unter anderem lesbische, schwule, bisexuelle, trans * und non-binäre Menschen. Ursprünglich bedeutet "queer" im Englischen "seltsam" oder "abweichend" und wurde als Beleidigung genutzt, bevor Aktivist*innen den Begriff in den 1980er-Jahren positiv umdeuteten.
Queer wird meist als positive Selbstbezeichnung von Menschen genutzt, die ihre Identität als „außerhalb der gesellschaftlichen Norm“ ansehen.
29.06.2023 | 1:13 minBesondere Anforderungen an Pflege
Queere ältere Menschen haben unterschiedlichste negative Erfahrungen gemacht. Daraus können einige Probleme entstehen:
- Manche haben sich aus Angst nie geoutet und ihr ganzes Leben lang entweder allein oder in einer traditionellen Ehe gelebt.
- Viele, die geoutet sind, haben Angst vor Ablehnung oder Diskriminierung in Institutionen wie Pflegeheimen.
- Einige haben aufgrund negativer Erfahrungen in der Vergangenheit Probleme mit körpernahen Pflegetätigkeiten.
Viele queere Menschen erleben Ausgrenzung auch im Gesundheitswesen. Transpersonen werden etwa falsch angesprochen, Behandelnde bewerten Homosexualität als Phase oder verweigern Behandlungen.
17.03.2025 | 5:04 minDas alles kann dazu führen, dass sich queere Seniorinnen und Senioren zurückziehen und vereinsamen oder wichtige medizinische Hilfe nicht annehmen. Eine sensible und individuell abgestimmte Pflege ist bei ihnen daher besonders wichtig.
Schon vermeintliche Kleinigkeiten wie die Frage nach Ehefrau oder -mann können eine Hürde für manche queere Menschen darstellen, wenn man eben nicht mit dem Partner oder der Partnerin verheiratet sein durfte. Eine Lösung hierfür kann sein, dass bei Einzug beispielsweise nur nach der wichtigsten Bezugsperson der einziehenden Person gefragt wird.
Was bedeutet queersensible Pflege?
Der wichtigste Punkt bei der queersensiblen Pflege ist die Sensibilisierung der anderen Pflegebedürftigen sowie des Pflegepersonals. Viele Pflegebedürftige stammen aus derselben Generation wie ihre queeren Mitbewohner*innen und haben meist noch ein veraltetes Bild davon, was es heißt, homosexuell oder trans* zu sein. Gaby Grossbach, Diversitätsbeauftragte im Julie-Roger-Haus erklärt, wie Aufklärung dort funktioniert:
Die Sensibilisierung geschieht bei uns im Alltag durch sehr vielfältige Angebote, eine gendergerechte Sprache und durch eine offene Willkommenskultur.
Gaby Grossbach, Diversitätsbeauftragte Julie-Roger-Haus, Frankfurt am Main
Dazu gehören beispielweise gemeinsame Film- oder Vorleseabende mit allen Bewohnenden zu queeren Themen sowie regelmäßige Schulungen des Personals. Bei verschiedenen Veranstaltungen feiern und tanzen alle miteinander, egal ob Mann oder Frau, hetero- oder homosexuell.
So lernen die nicht-queeren Bewohnenden im Alltag den Umgang mit ihren queeren Altersgenoss*innen ganz selbstverständlich. Außerdem ist ein Teil des Pflegepersonals selbst queer und immer offen für Fragen, sowohl von heterosexuellen als auch von queeren Bewohnenden.
Mieze McCripple hat eine Behinderung und ist nichtbinär. Als Dragqueen thematisiert die Studentin die doppelten Barrieren, denen queere Menschen mit Behinderung begegnen.
29.06.2024 | 15:00 minDie Offenheit des Pflegepersonals ist ein wichtiger Punkt in der queersensiblen Pflege. Besonders für queere Pflegebedürftige können offen queere Mitarbeitende wichtig sein, weil sie die Herausforderungen queerer Personen aus eigener Erfahrung kennen.
Queere Pflegebedürftige trauen sich dadurch eher, sich dem Personal anzuvertrauen und über ihre Anliegen zu sprechen. Manchmal kann es so auch im hohen Alter noch zu einem Coming-Out kommen.
Auf der Webseite queer-pflege.de kann man deutschlandweit nach queersensiblen Pflegeangeboten suchen. Auch die AWO bietet auf der Seite queer-im-alter.de eine Übersichtskarte mit queerfreundlichen Pflegeeinrichtungen und Verbänden für ältere queere Menschen an. Daneben gibt es viele regionale Vereine, die sich für die Belange von alternden queeren Menschen einsetzen, zum Beispiel die Initiative Regenbogenpflege in Frankfurt oder der Verein Rubicon e.V. in Köln.
Außerdem kann man auf den Regenbogenschlüssel achten. Dieser ist eine Zertifizierung für besonders queersensible Pflegeeinrichtungen und kommt ursprünglich aus den Niederlanden. Pflegeeinrichtungen mit dieser Zertifizierung müssen strenge Richtlinien beachten. Für den Regebogenschlüssel qualifizieren kann sich theoretisch jede Pflegeeinrichtung.
In Städten ist der Anteil queerer Menschen höher als auf dem Land, wo viele ihre Sexualität nur im Verborgenen ausleben. Doch die LGBTQ-Community wird auch in den Provinzen sichtbarer.
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