Behörden in Russland dementieren :Pest-Verdachtsfall in Irkutsk: Was ist aktuell bekannt?
von Nils Metzger
Nach dem Tod einer Laborantin im russischen Irkutsk verbreiten sich widersprüchliche Meldungen über einen Pest-Ausbruch. Behörden dementieren den Verdacht. Was ist die Lage?
Der Tod einer Labormitarbeiterin in Sibirien steht laut russischen Behörden nicht mit Pest-Erregern in Verbindung. Als Todesursache nennen sie eine "Lungenentzündung unbekannter Herkunft".
06.10.2026 | 0:22 minGerüchte über einen möglichen Pest-Ausbruch in Russland verbreiten sich seit Tagen weltweit im Netz. Dabei geht es um einen Vorfall in der Region Irkutsk, rund 4.200 Kilometer östlich von Moskau.
Eine Mitarbeiterin an einem Forschungsinstitut, an dem auch an Pest-Erregern geforscht wird, starb vergangene Woche in einem Krankenhaus der Region. Gerüchte über eine mögliche Laborpanne mit Pest-Bakterien als Auslöser griffen vor Ort schnell um sich. Mehrere russische Internetmedien schrieben daraufhin von umfangreichen Quarantäne-Maßnahmen.
Russische Behörden widersprechen und üben sich in Schadensbegrenzung. Ein Überblick zum aktuellen Stand der Informationen.
Ein Labor am Pest-Institut von Irkutsk: Bislang keine überprüfbaren Belege für einen Laborunfall. (Archivbild)
Quelle: dpa | Uncredited/The Irkutsk Anti-PlagWas ist zu dem Hergang des Vorfalls bekannt?
In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober verstarb eine 28-jährige Frau im Krankenhaus von Schelechow, einer Nachbarstadt von Irkutsk. In den folgenden Stunden veröffentlichte ein regionaler Nachrichtenkanal auf Telegram mit dem Namen "Menschen der Baikalregion" mehrere Nachrichten, worin zunächst die Schließung dieses und später weiterer Krankenhäuser vermeldet wurden.
Am 3. Oktober veröffentlichte die Verwaltung der nahen Stadt Baikalsk auf Telegram eine Warnung an Anwohner mit dem Wortlaut: "Liebe Einwohner! Aufgrund inoffizieller Informationen über einen beim Menschen festgestellten Pestinfektionsfall in der Stadt Schelechow bitten wir Sie, den Besuch von Schelechow und der an die Stadt angrenzenden Siedlungen bis zur Klärung der Umstände dieser Gefahr einzuschränken."
Diese Mitteilung wurde wenige Stunden nach Veröffentlichung wieder gelöscht; Gründe dafür wurden nicht genannt. Am 4. Oktober gab die staatliche Gesundheitsaufsicht Rospotrebnadzor bekannt, dass es sich bei dem Todesfall um eine "Lungenentzündung unbekannter Art" gehandelt habe, keinen Pestfall.
Der Tod einer 28-jährigen Laborantin eines Pestforschungsinstituts in Sibirien sorgt für Aufsehen. Nach offiziellen russischen Angaben soll er nicht auf einen Pesterreger zurückzuführen sein.
05.10.2026 | 0:40 minDer Gouverneur der Region, Igor Kobzev, erklärte, die Lage in der Region sei stabil und keine Pestfälle seien gemeldet worden. Zeitgleich vermeldeten zahlreiche überregionale russische Nachrichtenportale, dass die Berichte über geschlossene Kliniken in der Region falsch seien, lediglich direkte Kontaktpersonen der Verstorbenen im Krankenhaus von Schelechow seien von mehrwöchigen Beobachtungsmaßnahmen betroffen.
Was weiß man über die verstorbene Mitarbeiterin?
Der Telegram-Kanal "Menschen der Baikalregion" war auch die erste Quelle, die die Identität der verstorbenen Mitarbeiterin publik machte. Dabei handelt es sich um eine 28-jährige Labor-Mitarbeiterin des staatlichen Forschungsinstituts für Pestbekämpfung in Irkutsk.
Einer anonymen Quelle von "Menschen der Baikalregion" zufolge sei die Mitarbeiterin kürzlich aus Thailand eingereist. Andere Telegram-Posts erwähnen hingegen einen angeblichen Laborunfall in Irkutsk. Unabhängig überprüfbar ist Stand jetzt kein Hergang, Behörden machten bislang keine präzisen Angaben, was die Infektion ausgelöst haben könnte.
Die verstorbene Mitarbeiterin des Pest-Instituts von Irkutsk (rechts) bei einer staatlichen Übung zur Seuchenprävention im August.
Quelle: Forschungsinstitut für Pestbekämpfung IrkutskAuf der Webseite des Instituts von Irkutsk lassen sich Angaben und Fotos der Verstorbenen finden. Im Juli 2024 hatte sie ihre Ausbildung mit dem Spezialgebiet "klinische Labordiagnostik" abgeschlossen. Noch im August 2026 war sie Teil einer internationalen Übung der Rospotrebnadzor-Behörde zur Seuchenprävention. Die Übungen hatten das Ziel, die "Reaktionsfähigkeit bei sanitären und epidemiologischen Krisenfällen" zu stärken.
In Irkutsk wird an verschiedenen Krankheitserregern geforscht, ob die Verstorbene aktuell tatsächlich mit Pest-Erregern arbeitete, ist nicht bestätigt.
Ukrainische Drohnen bringen den Krieg tief nach Russland – aber weil nur Putin-treue Kandidaten antreten dürfen, wird die Kriegsangst am Kreml-freundlichen Ergebnis wohl nichts ändern.
18.09.2026 | 3:22 minBesteht die Gefahr eines großen Pest-Ausbruchs?
Nach den ersten Meldungen von vergangener Woche sind russische Behörden sehr darauf bedacht, Sorgen zu beruhigen und Gerüchte über Klinikschließungen als übertriebene Panik im Netz darzustellen.
Dass mehrere russische Medienberichte aus den vergangenen Tagen, in denen von Pestverdacht die Rede war, zwischenzeitlich angepasst oder gelöscht wurden, wird teils aber auch als Vertuschungskampagne gedeutet. Stand jetzt gibt es jedoch keine Hinweise auf weitere Infektionsfälle.
Verschiedene im Netz einsehbare Live-Kameras aus dem Stadtgebiet von Irkutsk lassen keinerlei Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung erkennen, das öffentliche Leben scheint normal abzulaufen.
US-Außenminister Marco Rubio teilte am Montag mit, dass sein Land die Entwicklungen "sehr genau" beobachte. Ähnlich äußerte sich ein Sprecher der EU-Kommission. Konkrete Angaben, was vorgefallen ist, machten sie nicht. Die WHO hat nach eigenen Angaben Kontakt mit russischen Behörden aufgenommen, bislang aber keine weiteren Maßnahmen getroffen. Das in Deutschland zuständige Robert-Koch-Institut wollte auf ZDF-Anfrage keine Lagebewertung abgeben.
Instinktiv wird die Pest meist mit dem Schwarzen Tod mit Millionen Todesopfern im Mittelalter verbunden. Aber auch heute noch gibt es isolierte Fälle der Pest - etwa 2017 auf Madagaskar mit über 200 Toten. In der EU gab es zuletzt praktisch keine Fälle.
Erreger sind dabei Bakterien, die ohne Behandlung zu tödlichen Gewebeschäden führen können. Je nach Art der Übertragung (etwa Flohbisse oder Aerosole) und den betroffenen Organen wird zwischen Beulen- und Lungenpest unterschieden. Bei der Lungenpest sind übliche Symptome unter anderem Husten oder Atemnot; unbehandelt kann der Tod bereits nach weniger als 48 Stunden nach Symptombeginn eintreten. Wenn die Infektion frühzeitig erkannt wird, ist eine Behandlung mit Antibiotika gut möglich. (Quelle: ZDF)
Tausende ukrainische Kinder werden seit Beginn des russischen Angriffskriegs vermisst. Datenanalysten suchen nach ihren Spuren – in Russland, den besetzten Gebieten der Ukraine und in der EU.
29.09.2026 | 9:41 minWarum ist der Vorfall auch politisch brisant?
Für die russische Führung sind die Gerüchte um einen möglichen Laborunfall auch politisch brisant. Seit Jahren zieht der Kreml erfundene oder sinnentstellende Vorwürfe über angebliche Biowaffenlabore in der Ukraine als einen Grund für seinen Angriffskrieg heran. Im Fokus stehen dabei auch eben solche Forschungsinstitute, die sich der Erforschung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten verschrieben haben. Die USA oder die EU unterstützen die Ukraine im Rahmen internationaler Forschungsbemühungen dabei, die ukrainischen Labore zu unterstützen und zu verbessern.
Das Pest-Institut in Irkutsk blickt dabei auf eine lange Historie zurück. Es verfügt über eine hohe Sicherheitseinstufung mit dem Level BSL-3. Die Baikal-Region gehörte historisch zu den frühesten Orten, an denen Pest-Erreger nachgewiesen werden konnten; dass dort an der Krankheit geforscht wird, ist naheliegend und dient dem Seuchenschutz. Dass es in diesem staatlichen Labor womöglich einen gefährlichen Sicherheitsvorfall gegeben haben könnte, untergräbt die Kriegspropaganda des Kremls an einer empfindlichen Stelle.
Mehr zu Russland
"Werden ja jetzt schon angegriffen":Wadephul: Moskau hat "weitergehende Pläne" als Ukraine
mit Video5:06Altkanzler soll Strategie unterstützen:Schröder wird Aufsichtsrat bei russischem Globus-Ableger
mit Video0:32Waldai-Forum in Moskau:Wie Putin an seiner Drohkulisse gegen den Westen arbeitet
Felix Klauser, Moskaumit Video6:34Deutscher Handelskonzern:Putin stellt Metro-Geschäft unter Zwangsverwaltung
mit Video0:30