Polens Wirtschaftswachstum: Wie Deutschland profitieren kann

Wirtschaftswunder im Nachbarland :Wie Deutschland von Polen profitieren kann

Der ZDF-Journalist Mathias Kubitza hält ein Mikrofon in der Hand und lächelt in die Kamera.

von Mathias Kubitza, Warschau

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Polen wächst rasant und wird zum Schlüsselmarkt für deutsche Unternehmen. Wie das schwächelnde Deutschland vom immer stärker werdenden Nachbarn profitieren kann.

Blick auf die Skyline Warschaus.

Moderne digitale Infrastruktur, hohes Ausbildungsniveau und hohe Kaufkraft: Polens Wirtschaft wächst stabil. Das Land hat die EU-Fördermilliarden geschickt eingesetzt und investiert weiter.

12.03.2026 | 2:10 min

Durch die Glasfront seines Büros kann Lars Gutheil der Warschauer Skyline beim Wachsen zuschauen. "Goldenes Zeitalter", so beschreibt der Chef der deutsch-polnischen Industrie- und Handelskammer das, was Polen gerade erlebt. Gutheil und sein Team koordinieren die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder. Und das mache gerade richtig Spaß.

Die Menschen hier sind hungrig. Und sie wollen nicht nur für sich, sondern auch für ihr Land etwas erreichen.

Lars Gutheil, Geschäftsführer Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer

Polen unter den Top 20 der Welt

Kürzlich verkündete der polnische Regierungschef Donald Tusk seinem Volk stolz, dass man nun zu den zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt gehöre. Und tatsächlich: Mit einem nominalen Bruttoinlandsprodukt von 1,040 Billionen US-Dollar ist Polen im Ranking auf den symbolisch wichtigen zwanzigsten Platz vorgerückt, hinter Saudi-Arabien und vor die Schweiz.

Eine Grafik zum Vergleich des Wirtschaftswachstums in Polen und Deutschland
Quelle: ZDF

EU-weit ist Polen inzwischen die sechstgrößte Volkswirtschaft, mit 3,2 Prozent Wachstum im vergangenen Jahr. Für 2026 liegt die Prognose noch höher. Gutheil zeigt sich deshalb überzeugt:

Wir haben also einen Tigerstaat vor der Haustür. (…) Vieles funktioniert heute in Polen besser und schneller und effizienter als in Deutschland.

Lars Gutheil, Geschäftsführer Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer

Digitale Verwaltung als Standortvorteil

Seit dem EU-Beitritt vor knapp 22 Jahren flossen laut dem polnischen Außenminister Radosław Sikorski 268 Milliarden Euro aus Brüssel nach Polen. Gutheil attestiert den zurückliegenden Regierungen, diese Fördergelder sehr gut und geschickt eingesetzt zu haben. Für ein "hervorragendes Autobahnnetz" zum Beispiel, aber auch die digitale Infrastruktur sei "ausgezeichnet".

Deutsche Investoren nennen die digitale Verwaltung in Polen als drittwichtigsten Investitionsfaktor.

Lars Gutheil, Geschäftsführer Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer

Fachkräfte statt Billiglohn

Weiterer Vorteil: das hohe Ausbildungsniveau, vor allem in technischen Berufen. Weil er im nördlichen Baden-Württemberg nicht mehr genug Fachkräfte gefunden habe, lasse er jetzt in Łódź Ventilatoren für Wärmepumpen produzieren, erklärt zum Beispiel Joachim Ley, CEO des Unternehmens Ziehl-Abegg. Es gehe nicht nur um Arbeiter, die herstellen, sondern auch um Ingenieure, die entwickeln.

Ausschlaggebend für den Standort war für uns die Kombination aus gut ausgebildeten Fachkräften, dem noch immer attraktiven Kostenniveau und der Infrastruktur, die wir dort vorgefunden haben.

Joachim Ley, Geschäftsführer Ziehl-Abegg

Ziehl-Abegg nutzt die polnische Wirtschaftskraft, um selbst zu wachsen, und baut zu Hause keine Stellen ab. Die Gefahr, dass die unternehmerfreundlichen Bedingungen im Nachbarland zu Jobverlusten in Deutschland führen, sei jedoch real.

Wir sehen auch, dass Produktion abwandert, leider. Und das liegt sicher auch daran, dass Polen direkt vor der Haustür liegt.

Lars Gutheil, Geschäftsführer Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer

Arbeit in einer Brotfabrik

Die polnische Wirtschaft boomt, Arbeitskräfte sind gefragt. Viele der über eine Million Ukrainerinnen und Ukrainer, die seit Russlands Angriff nach Polen kamen, haben dort Arbeit gefunden.

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Viertgrößter Absatzmarkt für Deutschland

Insgesamt könne das schwächelnde Deutschland aber vom immer stärker werdenden Nachbarn profitieren. Denn die Kaufkraft ist hoch. Seit Kurzem ist nicht mehr Italien, sondern Polen viertwichtigster Absatzmarkt für deutsche Produkte. Mehr Exporte gehen aktuell nur in die USA, nach Frankreich und in die Niederlande.

Inzwischen kaufen sich auch polnische Unternehmen in deutsche ein. So hat der Süßwarenhersteller Colian die Schokoladenfirma Gubor übernommen.

Die Übernahme von Gubor ergänzt unser Unternehmen, da sie unser Produktportfolio um Produkte erweitert, die wir bisher nicht im Angebot hatten. In naher Zukunft werden wir auch deutsche Marken auf dem polnischen Markt entwickeln.

Jan Kolański, Geschäftsführer Colian S.A.

Auch der polnische Staat will weiter klotzen: Ein neuer Zentralflughafen soll entstehen, Danzig baut seinen Hafen aus, ein Eisenbahnhochgeschwindigkeitsnetz ist in Planung.

Hier werden deutsche Unternehmen sicherlich eine wichtige Rolle spielen, es gibt auch schon die ersten Aufträge.

Lars Gutheil, Geschäftsführer Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer

Polen plant Atomeinstieg

Und die Energiefrage? Vergangenes Jahr ist der Anteil des Kohlestroms erstmals unter 50 Prozent gesunken, 2049 soll Schluss sein mit der Steinkohleförderung. Polen brauche nun technologische Unterstützung beim Ausbau von Windkraft, beim Ausbau der Energienetze, der Energiespeicherung.

Da sind riesige Chancen für deutsche Unternehmen.

Lars Gutheil, Geschäftsführer Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer

Beim geplanten Atomeinstieg setzt Polen allerdings auf Technik und Know-how aus Amerika. Zwei AKW mit einer Gesamtleistung von sechs bis neun Gigawatt sind geplant, der erste Reaktor soll in zehn Jahren ans Netz gehen.

Anselm Stern in Warschau

ZDF-Korrespondent Anselm Stern berichtete aus Warschau: Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) besuchte Polen mit dem Ziel, Europa unabhängiger zu machen von den USA oder China.

02.02.2026 | 0:33 min

Demografie als größte Gefahr

Was kann das "goldene Zeitalter" gefährden? Neben der unberechenbaren Weltlage wohl vor allem der demografische Wandel. Obwohl erstmals mehr Menschen in ihr Heimatland zurückkehren als wegziehen, soll die Einwohnerzahl im Laufe der nächsten zehn Jahre laut einer Prognose um mehr als zwei Millionen sinken. Polen hat eine der geringsten Geburtenraten Europas.

Trotzdem stünden die Zeichen weiter auf Wachstum, was auch etwas mit der polnischen Mentalität zu tun habe.

Deutschland kann sich von Polen auf jeden Fall eine Menge abschneiden. Gerade was die Bereitschaft angeht, hundert Prozent zu geben für Wachstum.

Lars Gutheil, Geschäftsführer Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer

Wie zum Beweis ragt nicht weit von Gutheils Büro seit vier Jahren der Varso Tower empor. Als höchstes Gebäude innerhalb der EU überragt der 310 Meter hohe Wolkenkratzer nicht nur Stalins Kulturpalast im Warschauer Zentrum, sondern auch den Commerzbank-Tower in Frankfurt am Main.

Über dieses Thema berichtete heute in Europa am 12.03.2026 in dem Beitrag "Wirtschaftswunderland Polen" ab 16 Uhr.

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