Polen: Streit um Richter - Polizeieinsatz am Verfassungsgericht

Präsident drängt sich in Gebäude:Polen: Richterstreit eskaliert - Tumult am Verfassungsgericht

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Polen streitet seit längerem um die Neubesetzung des Verfassungsgerichts. In der Nacht hat die Polizei den Bereich abgeriegelt. Die Stimmung kochte nicht nur vor dem Gebäude hoch.

Mehrere polnische Polizisten stehen auf dem Gelände des polnischen Verfassungsgerichts in Warschau. Im Hintergrund ist das Verfassungsgericht zu sehen.

Nachdem eine Richterin die Polizei wegen möglicher Gefahren für die Mitarbeiter des polnischen Verfassungsgerichts alarmiert hat, hat die Polizei das Gebäude abgesichert.

31.10.2026 | 0:32 min

In Polen hat sich der Konflikt zwischen der Mitte-Links-Regierung und dem rechtskonservativen Lager um Staatspräsident Karol Nawrocki um das Verfassungsgericht zugespitzt. Der Auslöser: Auf der Webseite des Verfassungsgerichts wurde am Freitag mitgeteilt, dass der Gerichtspräsident und sein Stellvertreter von ihren Funktionen entbunden wurden - und eine neu nominierte Richterin geschäftsführend die Leitung übernehme.

Vor dem Sitz des Gerichtshofs in Warschau versammelten sich am Abend hunderte Demonstranten, die Ministerpräsident Donald Tusk und dessen Regierung einen Angriff auf die Verfassung und Justiz des Landes vorwerfen. Die Polizei riegelte das Gebäude ab.

Polizei vor dem polnischen Verfassungsgericht

In Warschau hat sich Präsident Karol Nawrocki zu Gesprächen mit Richtern in das Gebäude des Gerichtshofs begeben. Dabei kochte die Stimmung hoch.

Quelle: epa | RADEK PIETRUSZKA

Präsident rüpelt sich ins Verfassungsgericht

Aufgrund der Geschehnisse brach Präsident Nawrocki seine Reise in den Senegal ab und begab sich noch in der Nacht zu Gesprächen ins Verfassungsgericht, wo die Wellen weiter hochschlugen.

Nathalie Steger mit Moderator Christopher Wehrmann

In Polen spitzt sich der Streit um das Verfassungsgericht weiter zu. ZDF-Korrespondentin Nathalie Steger berichtet aus Warschau über die Hintergründe des Machtkampfs.

31.10.2026 | 1:26 min

Auf einem Video, das der von Tusks Regierung neu nominierte Verfassungsrichter Maciej Berek auf X veröffentlichte, ist zu sehen, wie sich der ehemalige Amateurboxer Nawrocki mit robustem Körpereinsatz in das Gerichtsgebäude drängt.

Dabei soll er Berek zufolge auch eine Richterin körperlich angegriffen haben. In einem weiteren Video ist zu hören, wie Nawrocki der betreffenden Richterin Anna Korwin-Piotrowska und mehreren Kollegen sagt: "Sie sind keine Verfassungsrichter!"

X-Post von Maciej Berek

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Tusk will PiS-nahe Richter nach EU-Mahnung austauschen

Im Gezerre um das Verfassungsgericht stehen sich die zwei großen politischen Lager des Landes schon länger unversöhnlich gegenüber: Auf der einen Seite Tusks proeuropäische Bürgerkoalition und ihre Bündnispartner, auf der anderen Seite die rechtskonservative Oppositionspartei PiS und der ihr nahestehende Präsident Nawrocki.

Die PiS, die das Land von 2015 bis 2023 regierte, hat das Gericht mit ihr politisch nahestehenden Richtern besetzt. Der Europäische Gerichtshof stellte fest, dass das polnische Verfassungsgericht nicht als unabhängig und unparteiisch angesehen werden könne.

Nach Übernahme der Regierungsgeschäfte machte es sich Tusk zum Ziel, die umstrittenen Neuerungen der PiS im Justizwesen rückgängig zu machen. Doch Nawrocki sperrte sich in den vergangenen Monaten dagegen - und verhinderte die Vereidigung von fünf nominierten Richtern.

Polens Präsident Karol Nawrocki

Polens Präsident Nawrocki hat per Veto ein Gesetz gestoppt, das seinem Land Milliarden aus einem EU-Rüstungsprogramm sichern soll. Dabei geht es um ein Darlehen in Höhe von 44 Milliarden Euro.

12.03.2026 | 0:35 min

Rechte kritisieren Einflussnahme auf die Justiz

Vor dem Sitz des Verfassungsgerichts demonstrierten Anhänger der oppositionellen PiS und rechtsradikaler Parteien. Sie sehen die Ablösung des bisherigen Gerichtspräsidenten als unrechtmäßig an - und werfen der Regierung genau das vor, was vorher der PiS vorgeworfen wurde: dass sie sich die Justiz zum Untertanen gemacht habe.

Tusk betonte in einer Stellungnahme auf X, es sei die Pflicht seiner Regierung, die Rechtsstaatlichkeit in Polen wiederherzustellen. "Nach Jahren der Rechtslosigkeit unter der PiS-Regierung ist dies ein schwieriger, manchmal schmerzhafter Prozess, der entschlossenes Handeln erfordert. Es gibt keinen anderen Weg."

Reaktion auf Streit: Zwei Botschafter treten zurück

Im Kontext der aktuellen Eskalation haben zwei Botschafter des Landes ihren Rücktritt erklärt. Pawel Soloch, Botschafter der Republik Polen in Rumänien, erklärte, er sehe "Angesichts des Versuchs, das Verfassungstribunal rechtswidrig zu übernehmen" keine Möglichkeit mehr, seine Funktion zu erfüllen.

Wenige Stunden zuvor hatte bereits sein Amtskollege in China, Jakub Kumoch, auf X erklärt, er habe aufgrund der Ereignisse in Polen erkannt, dass er nicht länger als Botschafter arbeiten könne. Beide Diplomaten waren Berichten zufolge früher Mitarbeiter des damaligen nationalkonservativen Präsidenten Andrzej Duda, der der PiS-Partei nahestand.

Karol Nawrocki, Präsidentschaftskandidat der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), steht am 01.06.2025 mit seiner Frau Marta und seinen Kindern auf der Bühne, als sie sich nach der polnischen Präsidentschaftsstichwahl bei den Anhängern bedanken.

50,89 Prozent der Polinnen und Polen haben Karol Nawrocki zum neuen Präsidenten gewählt: Er ist der national-konservative Wunschkandidat der Vorgänger-Regierung PiS.

02.06.2025 | 1:26 min

Dauerstreit spaltet Polen

Der Dauerclinch zwischen Nawrocki und Regierungschef Tusk treibt nicht nur Polens gespaltene Gesellschaft noch weiter auseinander, sondern hat das Land auch politisch geschwächt. Kritiker werfen Nawrocki und der PiS vor, die Auseinandersetzung bewusst zu eskalieren und das Land ein Jahr vor den Parlamentswahlen in eine Staatskrise zu treiben, da dies vor allem der Regierung schade.

Quelle: dpa
Über dieses Thema berichtete ZDFheute in dem Beitrag "Machtkampf in Polen" am 30.10.2026 um 22:15 Uhr.

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    Milena Drzewiecka und Natalie Steger, Warschau