Gefahren durch hybride Kriegsführung:Wie sich die Ostsee-Länder gegen Russland wappnen
von Nina Niebergall, Warschau
Zerstörte Kabel, Störung des GPS-Signals - es ist ein Krieg, der nicht mit Panzern und Raketen geführt wird, sondern subtiler. Die Ostsee-Anrainer hoffen auf deutsche Hilfe.
Russlands Krieg gegen die Ukraine dauert an, die hybride Bedrohung bleibt. In Warschau beraten acht Ostsee-Anrainer über mehr Sicherheit in der Region.
04.03.2026 | 2:33 minDie Unterwasser-Drohnen der estnischen Firma Stickleback Robotics sollen für mehr Sicherheit in der Ostsee sorgen, so die Vision von Martin Mesalu. Seine Firma liegt in Tallinn, die russische Grenze ist nur gut 200 Kilometer entfernt. Estland ist genau wie Deutschland und andere Ostsee-Anrainerstaaten immer wieder Ziel hybrider Kriegsangriffe aus Russland.
Mit Unterwasserdrohnen gegen Russland
"Die Drohnen sollen das Meer in einem großen Schwarm abdecken", erklärt Meisalu. Mit Mikrofonen und visuellen Sensoren liefern sie ein Gesamtbild davon, was auf See geschieht. Sobald sich im Umkreis von einem Kilometer ein feindliches Schiff oder eine Drohne befindet, schlagen sie Alarm: Damit sollen russische Attacken etwa auf Unterwasser-Kabel frühzeitig entdeckt werden.
Dadurch können wir Aktivitäten frühzeitig erkennen und beispielsweise vor illegalen Schiffen oder anfliegenden Drohnen warnen.
Martin Meisalu, Gründer und CEO Stickleback Robotics
Grenzverletzungen sollen entdeckt werden
Zu ihren Auftraggebern gehören die estnische Marine und die Ukraine. Ein Pilotprojekt startet im Sommer, im Herbst sollen die Drohnen in Serie produziert werden. "Um die internationalen Gewässer der Ostsee vollständig abzudecken, wären etwa 1.100 Drohnen erforderlich", so Meisalu.
Die Nato hatte Mitte Februar im Rahmen einer Militärübung eine Landeoperation an der deutschen Ostseeküste abgehalten. 15 Schiffe und 2.600 Soldaten waren daran beteiligt.
18.02.2026 | 1:26 minDass Estland und die anderen Ostsee-Anrainer immer wieder zum Ziel hybrider Kriegsattacken werden, erklärt die estnische Sicherheitsexpertin Kristi Raik so: "Die Anrainerstaaten der Ostsee sind die stärksten Unterstützer der Ukraine." Russland setze hybride Angriffe gezielt ein, um Druck auf diese Staaten auszuüben, ihre Unterstützung für die Ukraine zurückzuziehen. Die Gefahr einer militärischen Eskalation halte sie für gering, aber:
Russland versucht, andere Wege zu finden, um Instabilität zu erzeugen.
Kristi Raik, Sicherheitsexpertin am International Centre for Defence and Security
Gefahren durch russische Schattenflotte
Am Hafen von Tallinn ist das Verkehrsamt, in dem sogenannte Operatoren versuchen, alle Schiffsbewegungen im Blick zu haben. Ihre Aufgabe ist es, Havarien zu verhindern und verdächtige Bewegungen rechtzeitig zu entdecken. Immer wieder fahren russische Schiffe in estnischem Hoheitsgebiet.
Es gibt klare Vorschriften zum Aufenthalt in der Nähe von Seekabeln oder anderen sensiblen Objekten.
Edgar Peganov, Direktor der maritimen Abteilung des estnischen Verkehrsamtes
Angesichts der angespannten Sicherheitslage trainiert Estlands Bürgerwehr für den Ernstfall. Die freiwilligen Einheiten sind Teil der nationalen Verteidigungsstrategie.
11.02.2026 | 6:32 minOperatoren könnten zum Beispiel erkennen, wenn ein Schiff seine Geschwindigkeit ändert. Auch die russische Schattenflotte ist für Peganov und sein Team "aktuell sehr relevant". Bei der Schattenflotte handelt es sich um Schiffe, die Russland zur Vermeidung von Sanktionen etwa beim Öltransport einsetzt. Die Größe der Flotte wird mittlerweile auf 1.000 bis 1.200 Schiffe geschätzt, wovon 650 bis 700 mit Sanktionen belegt sind.
Selbst wenn bei Schiffen der sogenannten Schattenflotte technisch alles in Ordnung erscheint, kann interne Unsicherheit oder mangelhafte Organisation zu gefährlichen Situationen führen.
Edgar Peganov, Direktor der maritimen Abteilung des estnischen Verkehrsamtes
Um Putins hybriden Angriffen etwas entgegenzusetzen, gibt es den Ostseerat. Zu dem gehören neben Estland auch alle Ostsee-Anrainer außer Russland sowie Island und die EU. An Deutschland haben die Esten klare Erwartungen.
Deutschland könnte mehr in sehr praktische Formen der Zusammenarbeit investieren, um die hybride Bedrohung zu bekämpfen und beispielsweise die Unterwasser-Infrastruktur zu schützen.
Kristi Raik, Sicherheitsexpertin am International Centre for Defence and Security
Sicherheitsexpertin Raik appelliert an die Ostsee-Anrainer, proaktiv zu werden und nicht nur auf russische Aktionen zu reagieren. Denn Russland ändere ständig seinen Fokus. "Mal stehen die Schäden an der Unterwasserinfrastruktur im Fokus der Nachrichten, mal kreisen Drohnen über unseren Flughäfen, mal finden Sabotageakte statt." All dies werde sich fortsetzen und möglicherweise sogar noch verschärfen.
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