Öffentliche Verkehrsmittel fehlen: Österreichs Land ist abgehängt

Wenn die Haltestelle fehlt:Österreich: Auf dem Land abgehängt?

von Vivien Mirzai und Christian von Rechenberg, Wien

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Eine neue Studie belegt: In vielen europäischen Ländern sind Menschen auf dem Land zum Teil ausschließlich auf das Auto angewiesen. Besonders heikel ist die Lage in Österreich.

Eine verlassene Bushaltestelle an einer Landstraße.

Eine neue Studie des Öko-Instituts hat die Mobilitätsarmut in Europa gemessen. In Österreich ist sie vor allem im ländlichen Raum besonders hoch. Das spürt auch die Auszubildende Nora Böhm.

17.06.2026 | 2:46 min

Nora Böhm ist 15 Jahre alt und pendelt täglich vom kleinen Örtchen Lembach in Niederösterreich in die Wiener Neustadt zu ihrem Ausbildungsbetrieb. Das Problem: In Lembach hält kein Bus. Also muss ihre Mutter sie zur nächsten Haltestelle im Nachbarort fahren. Manchmal der Nachbar, manchmal der Bruder.

Die Abhängigkeit von anderen ist sehr belastend.

Nora Böhm, Auszubildende

Noch belastender wird ihre Reise mit Bus und Bahn. Zwei Stunden Zeit benötigt sie pro Richtung. Vier Stunden jeden Tag. Besonders schwierig ist die Rückfahrt an Samstagen: Der letzte Bus fährt, wenn sie noch arbeiten muss. Dann ist sie wieder darauf angewiesen, dass jemand sie abholt. Nora fühlt sich abgehängt.

Österreich unter Europas Schlusslichtern

Und mit diesem Gefühl ist Nora nicht allein. Laut einer neuen Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace gehört Österreich neben Kroatien und Zypern zu den europäischen Ländern mit dem größten Stadt-Land-Gefälle bei Mobilität: Fast 28 Prozent der Menschen im ländlichen Raum bemängeln etwa, dass sie nur unpassende Verbindungen vorfinden. Oder gar keine. In Städten sind es nur 1,5 Prozent.

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Die Verkehrsexpertin der TU Wien, Barbara Laa, nennt jahrzehntelange Zersiedelung als Hauptursache. Nutzungen wurden immer weiter auseinandergerissen, Wege länger, dazwischen entstand fast nur Autoinfrastruktur. Besonders betroffen seien Frauen über 65 ohne Führerschein, Alleinerziehende und kinderreiche Familien.

Es ist keine selbstbestimmte Mobilität mehr möglich.

Barbara Laa, Verkehrsexpertin TU-Wien

Wien als Gegenentwurf - und seine historischen Wurzeln

Wien ist das Gegenteil. Kaum eine Stelle der Stadt liegt mehr als 200 Meter von der nächsten Haltestelle entfernt. U-Bahn, Straßenbahn und Bus fahren in dichtem Takt, an Wochenenden rund um die Uhr. Täglich nutzen 2,4 Millionen Fahrgäste das Netz, in das die Stadt seit Jahrzehnten kontinuierlich investiert. Alle U-Bahn-Stationen sind vollständig barrierefrei.

Was Wien seit Jahrzehnten hat, fehlt dem ländlichen Niederösterreich. Franz Gausterer, Fachbereichsleiter Mobilität bei NÖ Regional, arbeitet an Gegenmaßnahmen. Das Bundesland sei zweigeteilt: Ballungsräume rund um Wien seien gut erschlossen, Regionen wie das sogenannte Waldviertel und Weinviertel kaum. Das Auto bleibe oft unverzichtbar, mangels Alternativen. "Wenn es nur zwei, drei Verbindungen täglich gibt, ist es relativ uninteressant", sagt Gausterer. Sein Ansatz: Hauptlinien aus Bahn und Schnellbus, ergänzt durch Anrufsammeltaxis.

Züge der Deutschen Bahn

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Pilotprojekte mit Sammeltaxis

"VOR Flex" heißt das entsprechende Angebot, das 2023 als Pilotprojekt gestartet ist. Angeblich mit bisher gutem Erfolg. Über die "VOR Flex"-App oder telefonisch können Personen Anrufsammeltaxis buchen - diese verbinden sie mit dem Bus- und Bahnnetz.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der öffentliche Nahverkehr dann ohne Hemmschwelle leichter genutzt wird - besonders von älteren Personen.

Franz Gausterer, NÖ Regional

Ein weiteres erfolgreiches Projekt ist der "e-Fahrtendienst". Dieser erbringt ehrenamtliche Fahrtendienste.

Für die ganz große Mobilitätswende aber, so Verkehrsexpertin Laa, bräuchte es einen größeren Wurf. Vom Land orchestriert, oder besser vom Bund: "Die Umsetzung und die Finanzierung ist einfach eine politische Entscheidung der Prioritätensetzung." Zudem, betont Laa, könnten Verkehrssysteme allein die Probleme auch nicht immer lösen: Manchmal sei es besser, den Arzt zurück ins Ortszentrum zu bringen oder einen mobilen Lebensmittel-Laden, statt eine neue Buslinie zu schaffen.

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Alternative Führerschein?

Mittlerweile ist es 8 Uhr und Nora Böhm in der Wiener Neustadt bei ihrem Ausbildungsbetrieb angekommen. Eine Stunde zu früh, der Betrieb macht erst um 9 Uhr auf. "Eine bessere Verbindung gibt’s leider nicht." Und so lautet ihre Lösung für das Mobilitätsproblem: So schnell wie möglich den Führerschein machen. Den bekommt sie in Österreich frühestens mit 17.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute in dem Beitrag "Europa: Ungleiche Verteilung beim ÖPNV" am 17.06.2026 um 17:03 Uhr.

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