Wahlen zum Kongress in den USA:Demokraten gewinnen Midterms, jetzt müssen sie liefern
von Katharina Schuster, Washington D.C.
Die Demokraten erobern Haus und Senat zurück und fügen Donald Trump eine schwere Niederlage zu. Doch der historische Sieg weckt Erwartungen, die die Partei erst noch erfüllen muss.
Bei den Midterms haben die Demokraten bereits die Senatsmehrheit erreicht. ZDF-Korrespondentin Katharina Schuster mit einem ersten Überblick.
04.11.2026 | 0:44 minNach jedem verkündeten demokratischen Sieg brandet in der Metrobar in Washington D.C. Jubel auf. Menschen stoßen mit Biergläsern an, während sie gebannt die neuesten Hochrechnungen zu den Midterms auf dem großen Bildschirm verfolgen. Für viele der Demokraten hier ist diese Nacht mehr als ein Wahlerfolg. Sie ist die Rückkehr zur Macht.
Die Demokraten haben nicht nur das Repräsentantenhaus zurückerobert. Entgegen den Erwartungen vieler Wahlbeobachter gewinnen sie auch die Mehrheit im Senat. Damit kontrolliert die Partei künftig beide Kammern des Kongresses und verfügt über deutlich mehr Einfluss auf die politische Agenda in Washington.
Große Überraschung in Texas
"Ich kann nicht glauben, dass ich das noch erleben darf", sagt Charlotte Clymer. Die 48-Jährige aus Texas hat die Flagge ihres Heimatstaates zur Wahlnachtparty mitgebracht. Der Demokrat James Talarico gewinnt die Senatswahl. Erstmals seit 1988 geht der Sitz wieder an einen Demokraten. Auch in anderen traditionell republikanischen Bundesstaaten feiern die Demokraten Erfolge.
Was noch vor wenigen Monaten als unwahrscheinlich galt, wird Realität: Die Partei durchbricht republikanische Hochburgen und erzielt ihr bestes Ergebnis seit Jahren. Für US-Politikwissenschaftler Jack A. Goldstone ist das mehr als ein demokratischer Wahlsieg.
Die eigentlichen Gewinner seien die Wähler:
Das war in erster Linie kein Sieg der Demokraten. Die Amerikaner haben sich ihr Land von einer Regierung zurückgeholt, die viele als korrupt und realitätsfern empfinden.
Jack A. Goldstone, US-Politikwissenschaftler
Bei den US-Midterms kann es zu Überraschungen kommen. Prognosen seien oft schwierig, so ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen. Denn Trump-Wähler machten bei den Umfragen oft nicht mit.
03.11.2026 | 2:50 minWovon haben die Demokraten profitiert?
Denn erstmal ist das Wahlergebnis vor allem eine Abrechnung mit Donald Trump. Die Midterms gelten traditionell als Stimmungstest für die Regierung im Weißen Haus. Doch für Goldstone reicht diese Erklärung diesmal nicht aus.
Viele Amerikaner seien zwar unzufrieden mit hohen Preisen und steigenden Lebenshaltungskosten gewesen. Ausschlaggebend sei jedoch die Wahrnehmung gewesen, dass sich die Regierung stärker mit sich selbst als mit den Problemen der Bevölkerung beschäftigt habe.
Laut Nachwahlbefragungen nannten fast neun von zehn Wählern die Lebenshaltungskosten als wichtigen Faktor für ihre Entscheidung. Rund zwei Drittel machten Trump für die wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich.
Die Demokraten konnten diese Unzufriedenheit politisch nutzen und weit über ihre traditionellen Hochburgen hinaus Wähler mobilisieren.
US-Korrespondentin Katharina Schuster erklärt, welche Themen demokratische und republikanische Wähler vor den Midterms umtreiben.
19.10.2026 | 1:23 minAus Protest wird Verantwortung
Mit dem Wahlsieg endet für die Demokraten jedoch die Rolle der Opposition. Aus Protest wird politische Verantwortung. Die neuen Mehrheiten geben ihnen deutlich mehr Einfluss auf die Arbeit des Kongresses.
Sie können Untersuchungsausschüsse vorantreiben, die Regierung stärker kontrollieren und politische Schwerpunkte setzen. Vor allem aber müssen sie nun zeigen, dass sie mehr können als Widerstand gegen Trump.
Genau darin sieht Goldstone die größte Herausforderung. Die Wähler hätten den Demokraten keinen Blankoscheck ausgestellt. Viele erwarteten nun konkrete Verbesserungen bei Wohnen, Gesundheitsversorgung, Bildung und den Lebenshaltungskosten.
Die große Frage lautet jetzt nicht, warum die Demokraten gewonnen haben. Die große Frage lautet, was sie aus diesem Erfolg machen.
Jack A. Goldstone, US-Politikwissenschaftler
Wie wird gewählt, was bedeutet das für die Mehrheitsverhältnisse im Repräsentantenhaus und Senat? Und: Wie genau funktioniert das Wahlsystem?
03.11.2026 | 0:45 minGefahr der Blockade - auch in der eigenen Partei
Dabei drohen Konflikte nicht nur mit dem Weißen Haus, sondern auch innerhalb der Demokratischen Partei. Der gemeinsame Gegner Trump hat unterschiedliche Gruppen zusammengeführt: Progressive, Moderatere, Gewerkschaften, junge Wähler und unabhängige Trump-Kritiker.
Nun müssen sie sich darauf verständigen, welche Projekte Vorrang haben sollen. Während einige auf weitreichende Reformen bei Steuern, Wohnen oder Gesundheit drängen, werben andere für einen pragmatischeren Kurs, um Wähler in umkämpften Bundesstaaten nicht wieder zu verlieren.
Gleichzeitig rechnet Goldstone nicht mit einem Kurswechsel im Weißen Haus. Trump habe bereits in den vergangenen Jahren häufig am Kongress vorbei regiert und dürfte versuchen, dies fortzusetzen.
Trump wird weiter versuchen, Politik per Dekret zu machen, den Kongress zu umgehen und Untersuchungen zu blockieren.
Jack A. Goldstone
Warum die Party vielleicht zu früh ist
In der Metrobar in Washington D.C. wird gefeiert. Auch Kendall Johnson blickt optimistisch in die Zukunft. Die 20-Jährige hofft, dass die Demokraten nun "alles rückgängig machen, was unter Trump passiert ist". Doch genau darin liegt die Herausforderung. Denn die Partei muss nun beweisen, dass sie die sehr unterschiedlichen Erwartungen ihrer Anhänger erfüllen kann.
Die größte Gefahr sei eine politische Blockade, warnt Goldstone. Die Demokraten verfügten nun über Mehrheiten, müssten ihren Wählern aber auch zeigen, dass sie tatsächlich Veränderungen erreichen können.
Die Wähler haben ihnen einen Auftrag erteilt. Jetzt müssen die Demokraten beweisen, dass sie Veränderungen ermöglichen können.
Jack A. Goldstone, Politikwissenschaftler
Die Euphorie in der Metrobar ist deshalb nur der Anfang. Für Goldstone steht fest: "Nicht die Demokraten haben diese Wahl gewonnen. Gewonnen haben die Wähler. Sie haben gezeigt, dass sie bestimmen, wer in Amerika die Macht hat."
Und sie können diese Macht auch wieder entziehen.
Katharina Schuster ist Korrespondentin im ZDF-Studio in Washington D.C.
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