Merz in Montenegro:Der Kanzler macht Druck in der Warteschlange zur EU
von Wulf Schmiese
Friedrich Merz besucht den Top-Aufnahmekandidaten der EU: Montenegro. Der Kanzler macht Tempo Richtung Brüssel im Wettlauf gegen Moskau, Peking - und auch Washington.
Friedrich Merz ist in Tivat (Montenegro) gelandet.
Quelle: Michael Kappeler/dpaDas winzige Montenegro ist eines der jüngsten Länder Europas. Erst 2006 haben sich die 620.000 Einwohner von Serbien gelöst. 2012 begannen die EU-Beitrittsverhandlungen, 2017 ging es in die Nato.
Folgt 2028 die EU-Mitgliedschaft? Der zweite Besuch von Kanzler Friedrich Merz in diesem Jahr weist in diese Richtung.
Bundeskanzler Merz nimmt am EU-Westbalkan-Gipfel teil. Dort hat er einen Vorschlag unterbreitet, der die Balkanländer zu "Teilmitgliedern" machen könnte, berichtet ZDF-Korrespondent Wulf Schmiese.
05.06.2026 | 0:57 minDarauf hoffen sie jedenfalls in Montenegro, das seit diesem Jahr den Vorsitz im "Berlin Prozess" innehat.
So heißt ein diplomatisches Format, welches 2014 von Bundeskanzlerin Angela Merkel gegründet worden ist mit dem Ziel, die EU gen Südosten zu erweitern. Damals schon, im Jahr der Krim-Annexion durch Russland, war das Interesse geopolitisch: Ausdehnen des westlichen Einflusses, bevor der Kreml weiter zulangt.
Montenegros Hinterland hat einige Abenteuer zu bieten - von der alten Königsstadt Cetinje bis zur tiefsten Schlucht Europas. Viele hier hoffen auf die EU, um die Freiheit des Landes zu sichern.
09.09.2026 | 7:25 minWeg in Richtung EU voller Widerstände
Insgesamt sechs Staaten des Westbalkans warten mit unterschiedlicher Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft:
- Montenegro hat die besten Chancen, der 28. EU-Mitgliedsstaat zu werden.
- Albanien, das sich dynamisch entwickelt, scheint gleich danach dran zu sein. Es hofft auf 2030.
- Serbien ist ebenfalls schon weit in den Verhandlungen, aber seit Jahren stockt der Prozess wegen der Nähe zu Russland und des Dauerkonflikts mit Kosovo.
- Nordmazedonien wird trotz großen Reformeifers immer wieder von seinen Nachbarn, den EU-Mitgliedern Bulgarien und Griechenland, blockiert.
- Bosnien und Herzegowina bremst sich wegen ethnischer Spannungen selbst aus.
- Kosovo ist das Schlusslicht der sechs Staaten. Es hat noch nicht einmal den Status eines Beitrittskandidaten, da seine Unabhängigkeit von fünf EU-Ländern bisher gar nicht anerkannt wird.
Alle sechs Westbalkanstaaten sind heute auf dem Gipfel dabei. Ihr Weg Richtung Westen war voller Widerstände. Und er ist es selbst für Montenegro noch, weil andere längst aus Ex-Jugoslawien aufgenommene EU-Staaten wie Kroatien Widerstand leisten. Es geht um Forderungen nach Entschädigung und Wiedergutmachung aus dem Zerfalls-Krieg in Jugoslawien.
Die EU will den Westbalkan näher an sich binden und diskutiert über die Aufnahme von weiteren Ländern. Die EU solle schneller wachsen, aber ohne Abstriche.
05.06.2026 | 1:51 minSorge vor russischem und chinesischem Einfluss
Merz geht es um die geopolitische Zukunft des europäischen Hinterhofs. Seine Reise ist mehr als ein Pflichttermin, obwohl keine großen Durchbrüche oder gar Abkommen erwartet werden.
Merz und sein Team scheinen besorgt, dass die EU den Westbalkan durch jahrelange Trägheit verlieren könnte: Russland versucht über Desinformationskampagnen und Energieabhängigkeiten, Keile in die Region zu treiben. China erkauft sich mit Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur Einfluss.
Trump verfolgt eigene Interessen am Balkan
Ebenso gelten nun die USA, die seit dem Ende des Jugoslawien-Kriegs stets eine aus deutscher Sicht konstruktive Rolle auf dem Balkan spielten, inzwischen als strategische Störer oder gar Gegner. Denn Präsident Donald Trump verfolgt nicht nur Energie-, sondern höchst eigene Geschäftsinteressen etwa in Albanien.
Die Integration des Westbalkans ist demnach für die Bundesregierung kein Akt der europapolitischen Nächstenliebe. Sie wird als notwendiger denn je gesehen: für die Sicherheit und Stabilität des eigenen Kontinents.
Wulf Schmiese ist stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios.
Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zu EU-Beitritten
Nächste Etappe der Beitrittsgespräche:EU treibt Beitritt von Ukraine und Moldau voran
mit Video2:17Referendum über Wiederaufnahme :Isländer stimmen gegen EU-Beitrittsgespräche
mit Video0:20- FAQ
"Sehen die Welt mit den gleichen Augen":Gemeinsam gegen Trump: Könnte Kanada EU-Mitglied werden?
mit Video3:06 Beitritt von Westbalkan-Ländern:Merz und Macron wollen EU-Erweiterung beschleunigen
mit Video2:35