Afrika-Cup in Marokko: Euphorie nach Monaten des Protests

Afrika-Cup in Marokko:Wo durch Fußball aus Protest Euphorie wird

von Luis Jachmann, Casablanca

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Die Menschen in Marokko liegen sich in den Armen, feiern rauschende Fußballfeste. Der große Unmut der letzten Monate scheint verstummt. Doch wie lange?

Protesters demand reforms to government services in Rabat

Während Marokko beim Afrika-Cup um den Finaleinzug kämpft, geht die Jugend des Landes auf die Straße.

14.01.2026 | 4:39 min

Bis weit nach Mitternacht hupen Fans um die Wette. Autokorso an der Strandpromenade von Casablanca. Marokko hat soeben den Halbfinaleinzug beim Afrika-Cup klar gemacht. Beim Heimturnier eilt die "goldene Generation" von Sieg zu Sieg. Deren Fußballstars um Achraf Hakimi und Brahim Diaz prangern überall auf Werbeplakaten. Sie stehen in Europa bei Klubs unter Vertrag, in der nordafrikanischen Heimat werden sie gerade zu Helden.

Die Fassade des Nationalstadions von Rabat in Marokko.
Grafitti eines Fußballers auf einer Häuserwand.
Aktivistin Douaa.
Baustelle an einer Gleisanlage.
Eine Gruppe Jugendlicher läuft auf einem Fußballplatz, im Hintergrund stehen heruntergekommene Gebäude.
Skyline einer Stadt in Marokko mit Baustellenkränen.
El Mouher vor einem Stadion am Smartphone
Skyline von Casablanca vor dem Atlantik.
Lastwagen mit Baumaterialieren und einem Bauarbeiter.
Zwei Männer und eine Frau sitzend im Gespräch vor Bücherregal.

Nationalstadion von Rabat

Das neue Nationalstadion von Rabat hat sich für den Afrika-Cup herausgeputzt.

Quelle: ZDF

In einem Café im Stadtzentrum von Casablanca verfolgen junge Erwachsene bei Minztee und Cola den Erfolg am Bildschirm.

Wir sind stolz, das afrikanische Turnier auf unserem Boden auszurichten.

Hussein, marokkanischer Fußballfan in Casablanca

Mit jedem Sieg wächst das Zutrauen in die eigene Nationalmannschaft - und die Welle der Euphorie.

Heftige Proteste im vergangenen Herbst

Es ist ein Stimmungswechsel, den sich die marokkanische Regierung gewünscht hat: Noch vor einigen Wochen gingen Tausende junge Menschen auf die Straße. Der Auslöser des Protests: In einer Klinik in Agadir waren mehrere hochschwangere Frauen verstorben. Die Generation Z forderte daraufhin Verbesserungen im Bildungswesen und in den Krankenhäusern. Die Staatsgewalt griff gegen die Demonstrierenden durch, ließ etliche festnehmen. Die Justiz verhängte Gefängnisstrafen.

Jugend protestiert in Marokko

Während der Vorbhereitungenauf die Fußball-WM, entlud sich bereits die Wut der jungen Generation über Perspektivlosigkeit und Korruption. Sie rebellieren gegen ein System, das sie im Stich lässt.

12.11.2025 | 8:36 min

Auch Douaa hat die heftige Reaktion des Staates gespürt. Die 20-jährige Studentin erlebte die Gewalt der Polizisten. Einschüchtern ließ sich davon nicht. Douaa trat in marokkanischen TV-Debatten auf, hat auf TikTok viele Follower. Sie ist eines der Gesichter, die der Protest der Gen Z hervorgebracht hat.

Wir lieben unser Land und wünschen uns immer das Beste. Deswegen sind wir auf die Straße gegangen.

Douaa, Anhängerin der Gen Z-Bewegung in Marokko

Während der Afrikameisterschaften demonstriert Douaa nicht. Auch um der Regierung keine Steilvorlage zu bieten, die Bewegung zu diskreditieren. Aktiv bleibt sie hingegen bei der Jugendorganisation der Sozialisten - und auf Social Media. Dort beklagt sie fehlende Perspektiven für ihre Generation.

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Sicherheitskräfte nehmen am 01.10.2025 in Salé einen Demonstranten fest. Jugendliche forderten bei der Protestaktion Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen.

Marokko investiert vor WM 2030

Investitionen steckt der Staat vor allem massiv in die Infrastruktur rund um die neuen Fußballstadien. Die größte Arena bei Casablanca soll 2030 über 110.000 Fans fassen. Dann trägt Marokko die Weltmeisterschaft mit aus. Lahcen El Mouher sagt, ohne die Großereignisse wären neue Bahntrassen und Brücken nicht entstanden. Der Berater für Sportinfrastruktur zeigt sich euphorisch: "Der Sport ist ein Zugpferd für die Entwicklung des Landes". Sport und Staat sind eng miteinander verwoben. In Marokko ist der Finanzminister gleichzeitig Chef des Fußballverbandes.

Donald Trump und Gianni Infantino

Auch um die diesjährige WM gibt es Kontroversen: Die WM 2026 wird groß, laut und politischer als je zuvor. Während FIFA-Boss Infantino in den höchsten Tönen schwärmt, gibt es gleichzeitig jede Menge Kritik. Was kommt da auf uns zu?

11.12.2025 | 18:09 min

Mit der Euphorie kann Azeddine Akesbi wenig anfangen. Das marokkanische Wirtschaftswachstum liege unter den selbst gesteckten Erwartungen, sagt der Ökonom, der sich bei "Transparency Maroc" engagiert. Seine NGO kritisiert, dass die jungen Menschen vom Aufschwung wenig sehen. Viele der 1,3 Millionen Arbeitssuchenden leben in der Stadt:

Gerade jungen Menschen mit Schulabschluss sind stark von Arbeitslosigkeit betroffen.

Dr. Azeddine Akesbi, NGO Transparency Maroc

Akesbi zweifelt, dass die Infrastrukturprojekte vor der WM 2030 viele nachhaltige Arbeitsplätze schaffen. Und er warnt vor hoher Neuverschuldung. Der Fußball heilt keine Wunden in Marokko. Aber er wirkt in diesen Tagen wie ein Pflaster auf die vielschichtigen Probleme im Land.

Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Mittagsmagazin von ARD und ZDF am 14.01.2026 in dem Beitrag "Marokkos Jugend: Protest statt Fußballfieber" ab 12 Uhr.
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