"Diese Wahl wurde mir nie gegeben" :Das sagt ein Leihmutterkind selbst über die Debatte
von Julian Schmidt-Farrent
Anne McCarthy wurde von einer Leihmutter ausgetragen und ist heute erwachsen. Doch was macht das mit einem Kind - und wie denkt sie über die Gesetzeslage?
Gleich nach ihrer Geburt wurde McCarthy von ihrer "Geburtsmutter" getrennt.
Quelle: PrivatIn den USA ist Leihmutterschaft bereits seit Jahrzehnten erlaubt. Anne McCarthy kam 1993 so zur Welt - und arbeitete viele Jahre die Umstände ihrer Geburt auf. "Meine Eltern haben für die Leihmutterschaft bezahlt", sagt sie. "Aber jetzt ist es meine Geschichte."
Im Interview erzählt sie, wie sie sich mit ihrer "Geburtsmutter" wieder verband, was sie vom Verbot in Deutschland hält - und was sie denjenigen rät, die über eine Leihmutterschaft nachdenken.
McCarthy kam über eine sogenannte traditionelle Leihmutterschaft zur Welt: Ihr Vater spendete den Samen, die Eizelle gab ihre Leihmutter. Im Gespräch unterscheidet McCarthy zwischen ihrer "Geburtsmutter" und ihrer "Mutter", bei der sie anschließend aufwuchs.
ZDFheute: Anne, beginnen wir von vorne. Wann haben Sie erfahren, dass Sie über eine Leihmutter ausgetragen wurden?
Anne McCarthy: Ich wusste es schon immer. Es gab nicht diesen einen, traumatischen Moment, an dem es mir meine Eltern erklärt haben - und ich glaube, für Kinder wie mich ist es so am besten. Erst als ich meine Geburtsmutter traf, veränderten sich die Dinge für mich rapide.
Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Nach dem Rücktritt von Jens Spahn ist die Debatte darüber nun neu entfacht.
22.07.2026 | 2:46 minZDFheute: Bevor wir zu diesem Moment kommen - wie fühlt sich eine Kindheit an, die sich so von den meisten anderen unterscheidet?
McCarthy: Ich wurde nicht gewöhnlich geboren, aber ich bin auch kein Stiefkind oder adoptiert. Für Menschen wie mich gab es damals keinen kulturellen Kontext. Es gab keine Filme oder Texte mit Menschen wie mir.
Für meine Eltern war hingegen mit meiner Geburt der harte Teil vorbei gewesen - ich war da und ich war ihr Kind.
Anne McCarthy
Wenn ich früher nach meiner Geburtsmutter fragte, sagten sie, dass sie mich ihnen geschenkt habe und wie nett sie doch war. Als wäre es eine Kellnerin aus einem Café gewesen. Das war wahnsinnig verwirrend.
Tobias Devooght und sein Mann sind über eine Leihmutter Eltern geworden. Heute engagiert er sich in einem Verein für die Legalisierung von Eizellspende und Leihmutterschaft - auch in Deutschland.
22.07.2026 | 8:20 minIch erinnere mich auch an einen Moment, als ich sieben Jahre alt war. Damals war ich wegen etwas völlig anderem bei meiner Kinderärztin und stellte ihr nur Fragen über Leihmutterschaft. Für mich war sie eine Autoritätsperson und ich dachte: 'Hey, vielleicht kann sie mir helfen?'
ZDFheute: Wenige Jahre später trafen Sie ihre Geburtsmutter. Damals waren Sie zwölf Jahre alt.
McCarthy: Sie war bei uns in der Nähe und kontaktierte meine Eltern. Ich war froh, sie zu treffen, aber es war unglaublich verstörend und disruptiv. So, als würde deine Realität einfach komplett aufbrechen.
Damals saßen wir zu viert im Auto auf dem Weg zum Restaurant und ich starrte sie einfach nur an. Auf einmal war da diese Person, die genauso aussah wie ich. Und dann aßen wir zu Abend. Ich habe kaum gesprochen, obwohl ich kein schüchternes Kind war. Aber damals war ich wahrscheinlich einfach geschockt.
... wurde 1993 in Kalifornien geboren und wuchs in Florida auf. Über ihre Erfahrungen als Kind einer Leihmutter schreibt sie auf ihrem Onlineblog.
ZDFheute: Wie entwickelte sich Ihre Beziehung zu Ihrer Geburtsmutter?
McCarthy: Der Kontakt ebbte zunächst ein wenig ab, als Erwachsene zog ich dann in ihre Nähe nach San Diego. Vier bis fünfmal im Jahr fuhr ich zum Abendessen zu ihr. Als ich 27 Jahre alt war, sagte sie zum ersten Mal: "Das ist meine Tochter."
Auf einmal hatte ich weniger das Gefühl, dass meine Erfahrungen abgestritten werden. Gleichzeitig versuchte ich auch, das zu verarbeiten. 'Wenn du mich als deine Tochter siehst - warum hast du mich dann verlassen? Warum hast du nie Kontakt zu mir aufgenommen?' Allerdings weiß ich, wie kompliziert das alles ist.
Außerdem lernte ich meine Halbschwester kennen, die mich gleich akzeptierte. Meine Geburt war auch für sie traumatisch gewesen: Sie war damals sechs Jahre alt, und für sie verschwand gleich nach der Geburt ihr kleinen Geschwisterkindes. Heute nennt sie mich immer noch "Baby Anne".
Der Rücktritt von Jens Spahn hat eine Debatte über die Legalisierung der Leihmutterschaft ausgelöst. In anderen Ländern ist diese längst legal.
22.07.2026 | 1:54 minZDFheute: Und gleichzeitig hatten Sie noch die Mutter, bei der Sie aufgewachsen waren.
McCarthy: Ich glaube, da gab es einfach psychologisch ein tief verwurzeltes Misstrauen. Denn wenn deine ersten Momente im Leben von dem Gefühl des Verlassenwerdens geprägt sind, dann bist du den Menschen gegenüber misstrauisch, die für dich verantwortlich sind.
Meine Mutter wiederum konnte das, was in mir vorging, überhaupt nicht verstehen. Sie war einfach so glücklich gewesen, mich zu haben. Da gab es nicht viel Raum für mich, deprimiert zu sein. Erst als ich in meinen Zwanzigern war, änderte ich meine Sichtweise auf sie und baute wieder eine Verbindung auf.
McCarthy stellte bereits früh Fragen zu ihrer Geburt - doch fühlte sich nicht ernstgenommen.
Quelle: PrivatZDFheute: Hatten Ihre Eltern vorher damit gerechnet, dass die Leihmutterschaft Ihr Leben so beeinflussen würde?
McCarthy: Sie haben sich darüber nicht wirklich viele Gedanken gemacht. Sie gehörten zu den ersten, die eine Leihmutter engagiert hatten. Für sie hat das System der Leihmutterschaft wunderbar funktioniert - gerade weil niemand sie dazu angehalten hat, sich näher damit auseinanderzusetzen.
ZDFheute: Wie meinen Sie das?
McCarthy: Es fühlt sich immer noch wie im Wilden Westen an. Keiner reguliert die Industrie und überall ploppen Leihmutterschafts-Agenturen auf. Wenn man ein Arzt oder Anwalt ist, kann man in den USA ziemlich einfach eine solche Firma gründen. Niemand in der Industrie würde einem Paar sagen, dass es kein Recht auf ein Kind hat.
In die Branche fließen große Mengen an Risikokapital. Und wenn Risikokapital ins Spiel kommt, dann geht es nur noch ums Geld.
Anne McCarthy
Nach dem Rücktritt von Jens Spahn nimmt die Debatte um Leihmutterschaft Fahrt auf. Linken-Fraktionschef Sören Pellmann zeigt sich unentschieden, warnt vor "Zweiklassenmedizin".
22.07.2026 | 5:02 minZDFheute: In Deutschland ist Leihmutterschaft derzeit verboten. Was halten Sie davon?
McCarthy: Darauf habe ich keine perfekte Antwort, das ist kompliziert. Entweder verlagert es sich in den Untergrund, oder die Leute gehen ins Ausland, wo Leihmutterschaft legal ist. Dann wird es zu etwas, das sich nur Wohlhabende leisten können oder es entsteht ein Schwarzmarkt - und das ist schrecklich für die beteiligten Frauen.
Als queere Frau glaube ich an das Recht von Frauen, selbst über ihren Körper zu entscheiden. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen über den Missbrauch, der dabei vorkommen kann. Aber ich möchte auch nicht, dass LGBTQ-Personen dabei als Sündenböcke dargestellt werden. All diese Dinge können gleichzeitig wahr sein.
In der Ukraine ist kommerzielle Leihmutterschaft legal - das Land ist zur "Babyfabrik" der Welt geworden - ein Geschäft mit Millionenumsätzen. Im Krieg geht das weiter.
04.05.2022 | 14:01 minZDFheute: Was wünschen Sie sich für Kinder, die wie Sie über eine Leihmutter geboren werden?
McCarthy: Jeder sollte ein Recht darauf haben, zu erfahren, woher er oder sie kommt und wer die eigenen Angehörigen sind. Zumindest sollte man die Wahl haben.
Diese Wahl wurde mir nie gegeben.
Anne McCarthy
Die Wunscheltern sollten eine informierte Entscheidung treffen und genau verstehen, worauf sie sich einlassen. Und man muss klar sagen: Das wird kein einmaliges Ereignis sein. Es wird ein fortlaufender Teil ihres Lebens bleiben, bei dem sie ihr Kind unterstützen müssen.
Das Kind wird eine Beziehung mit seiner Leihmutter aufbauen wollen - und deshalb sollten die Firmen auch Leihmütter auswählen, die das möchten und dafür offen sind.
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