Seiberts Kritik an Siedler-Gewalt:Diplomatischer Eklat um deutschen Israel-Botschafter auf X
von Oliver Klein und Nils Metzger
Der israelische Außenminister kritisiert den deutschen Botschafter Steffen Seibert auf X scharf für Aussagen zur Gewalt jüdischer Siedler. Was ist dran an der Kritik?
Die neue ZDF-Doku "Die Diplomaten" gibt seltene Einblicke in die deutsche Außenpolitik - und zeigt ihre Grenzen. Botschafter Seibert wird etwa mit der israelischen Siedlungspolitik konfrontiert.
23.03.2026 | 1:22 minDass sich ein deutscher Botschafter und der Außenminister seines Ziellandes öffentlich in den Sozialen Medien angehen, ist unter befreundeten Staaten selten. Besondere Sprengkraft hat das, da es um Israel geht.
Der israelische Außenminister Gideon Saar kritisierte den deutschen Botschafter Steffen Seibert am Sonntag auf der Plattform X mit deutlichen Worten:
Für Botschafter Seibert ist es sehr schwer, Angriffe gegen Israelis zu kritisieren, ohne auch Palästinenser zu erwähnen. (…) Gut zu wissen, dass bald ein neuer Botschafter kommt.
Gideon Sa’ar, israelischer Außenminister
Saar warf Seibert eine "Obsession" mit jüdischen Siedlern im Westjordanland vor. Seibert widersprach und betonte, dass er im Iran-Krieg an Israels Seite stehe und auch Irans willkürliche Angriffe auf israelische Zivilisten verurteilt habe. Der offizielle Kanal des israelischen Außenministeriums bekräftigte daraufhin die Kritik: "Sie sind wiederholt daran gescheitert, ehrliches Mitgefühl mit Israelis zu zeigen."
Post des israelischen Außenministers
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Treffer in israelischen Städten nehmen zu, die Armee startet neue Angriffe auf Stellungen der Hisbollah. Der US-Präsident gibt Iran 48 Stunden, um die Straße von Hormus zu öffnen.
22.03.2026 | 2:38 minSeiberts Posts auf X sprechen Leid beider Seiten an
Was ist dran an diesen Vorwürfen? Ist die öffentliche Kommunikation von Seibert einseitig kritisch gegenüber Israel? ZDFheute hat sich Seiberts Aussagen auf der Plattform X angesehen. Von den letzten 100 dort veröffentlichten Äußerungen thematisieren:
- 28 das Leid von Israelis, iranische oder palästinensische Angriffe oder die Forderung nach einer Entwaffnung der Hamas
- 21 das Leid von Palästinensern oder die Gewalt von jüdischen Siedlern
- 10 erwähnen beide Seiten gleichermaßen
- 41 Nachrichten befassen sich mit anderen Themen
Seibert findet dabei ähnlich scharfe und emotionale Worte für die iranischen Raketenangriffe, die Notwendigkeit einer Entwaffnung der Hamas, die Trauer israelischer Geiselfamilien oder die Verzweiflung palästinensischer Friedensaktivisten.
Seibert gedenkt getötetem israelischen Soldaten
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In seinem Post am Sonntag sprach Seibert mehrere Vorfälle an, die er als "Tag des Zorns und der Traurigkeit" zusammenfasste: Darunter war auch der Tod eines israelischen Farmers nahe der Grenze zum Libanon. Seibert machte für den Tod die Hisbollah verantwortlich, was dem Informationsstand von Sonntag entsprach. Am Montag teilte die israelische Armee jedoch mit, dass der Landwirt versehentlich durch fehlgeleitete israelische Artillerie getötet wurde.
Die Kommunikation des Botschafters auf X weist also in Summe eine sehr große Ausgewogenheit auf. Der Vorwurf, dass israelisches Leid meist nur in Kombination mit Verweisen auf palästinensisches Leid geäußert werde, wird durch diese Posts nicht bestätigt. Es gibt viele Beiträge, die individuelle Schicksale für sich hervorheben.
Israels Premierminister Netanjahu ruft Länder weltweit dazu auf, dem Krieg gegen Iran beizutreten. US-Präsident Trump spricht dagegen davon, dass die Kriegsziele weitestgehend erreicht seien.
22.03.2026 | 1:33 minSiedler-Gewalt wichtiges Thema für Seibert
Jenseits der politischen Bewertung liegt der israelische Außenminister richtig in seiner Feststellung, dass Seibert die Aktivitäten jüdischer Siedler in den von Israel besetzten Gebieten mit deutlichen Worten kritisiert. Deren Gewalt hat nach Einschätzung vieler Experten in den letzten Jahren deutlich zugenommen.
Wie sehr Seibert dieses Thema persönlich umtreibt, wird auch in der neuen ZDF-Dokuserie "Die Diplomaten" deutlich. Dort begleiten Kameras Seibert bei einem Besuch in Ostjerusalem, wo er live miterlebt, wie jüdische Siedler unter Polizeischutz in ein zuvor geräumtes Haus einer palästinensischen Familie einziehen.
- Sehen Sie oben die gesamte Szene im Video
"Wir werden es unserem Minister und unseren israelischen Partnern vorlegen. Wir werden ihnen sagen, was wir gesehen haben. Wie falsch es ist, wie unnötig es ist", sagt Seibert dort einem aufgewühlten palästinensischen Vertreter und nimmt ihn kurz in den Arm. "Ob das hilft - ich weiß es nicht. Aber um ganz ehrlich zu sein, bislang hat es nicht viel genützt."
Das gibt einem manchmal das Gefühl, völlig nutzlos zu sein.
Steffen Seibert zur fehlenden Wirkung seiner Kritik an jüdischen Siedlungen
Der Eklat um Steffen Seibert ist kein Einzelfall: Zuletzt kam es mehrfach zu diplomatischen Streitigkeiten zwischen der israelischen Regierung und Botschaftern im Land. Das betraf insbesondere die Staaten, die Israel für sein Vorgehen im Gazastreifen oder in Iran heftig kritisierten, oder Klagen gegen Israel vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vorantrieben.
Spanien etwa berief Mitte März seine Botschafterin Ana Salomón aus Tel Aviv ab. Außenminister Saar hatte ihr Antisemitismus und eine Kampagne gegen Israel vorgeworfen. Im Mai 2024 hatte Spanien Palästina als eigenständigen Staat anerkannt. Bereits zuvor hatte Israel seine Botschafterin in Spanien zurückgerufen.
Auch Irland hatte Palästina als Staat anerkannt; in der Folge schloss Israel im Dezember 2024 seine Botschaft in Dublin wegen "extrem anti-israelischer Politik". Dass israelische Regierungsvertreter ihre ausländischen Kritiker in Sozialen Medien direkt angehen, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Im Januar dieses Jahres eskalierte auch ein Streit mit Südafrika: Das Land erklärte den stellvertretenden israelischen Botschafter Ariel Seidman zur Persona non grata. Grund seien wiederholte offizielle israelische Beiträge in Sozialen Medien, die den südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa beleidigt hätten. Seidman ist der ranghöchste israelische Diplomat in Südafrika, seit Israel seinen Botschafter 2023 zurückberufen hat. Die diplomatischen Beziehungen Südafrikas zu Israel waren bereits stark angespannt, nachdem Südafrika Israel in einem Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof des Völkermords an Palästinensern im Gazastreifen beschuldigt hatte.
Quelle: Mit Material von dpa, AP
So erklärt Seibert seine Rolle
Als Botschafter ist Seibert nicht unkritisch und bezieht Stellung. Das ist Botschaftern nicht verboten. Seine Position zur Kritik an der israelischen Siedlungspolitik entspricht der offiziellen Politik Deutschlands, die Seibert vertritt. "Hier im Bewusstsein unserer Geschichte für eine immer tiefere deutsch-israelische Freundschaft zu arbeiten, ist mir eine Freude und Ehre", schreibt Seibert auf der Webseite der Botschaft.
In einem Gespräch mit "Politico" im August 2025 sagte er, dass die deutsche Staatsräson gegenüber Israel in den Grenzen von 1967 bestehe, "und nicht gegenüber den Siedlungen und gegenüber oft und zunehmend gewalttätig auftretenden extremistischen Siedlern. Dieses herauszuarbeiten, ist auch unsere Verpflichtung, uns nicht in eine Ecke drängen zu lassen, wo man sagt, 'ah, jetzt seid ihr plötzlich nicht mehr proisraelisch'. Wir sind alle proisraelisch."
Auch mit dem Beharren auf einer Zwei-Staaten-Lösung - also der Schaffung eines Palästinenser-Staats - bringt Seibert die aktuelle israelische Regierung gegen sich auf. Sie sei "die einzig gangbare Lösung", die dauerhafte Sicherheit auch für Israel bringe, sagte Seibert vergangenen Herbst bei Phoenix.
Bei Angriffen israelischer Siedler im Westjordanland sind offenbar mindestens zehn Palästinenser verletzt worden. In mehreren Orten soll es zu Ausschreitungen gekommen sein.
23.03.2026 | 0:23 minNicht die erste Beschwerde Israels über Seibert
Es ist nicht das erste Mal, dass Seibert in Israel Schlagzeilen macht. Mehrfach trat er bei Kundgebungen für entführte Hamas-Geiseln auf - dass er dort Hebräisch sprach, wurde von vielen Medien aufgegriffen und machte ihn im Land bekannt.
Ein anderer Fall brachte ihm hingegen eine offizielle Beschwerde Israels beim Auswärtigen Amt ein. Grund war der Besuch Seiberts bei einer Gerichtsverhandlung 2023 in Jerusalem, bei der es um die umstrittene Justizreform ging. Das wurde als unangemessene Einmischung in interne Angelegenheiten gewertet und Positionierung Seiberts gegen eines der zentralen Anliegen der rechten Regierung Benjamin Netanjahus.
Steffen Seibert ist seit August 2022 deutscher Botschafter in Israel. Geplant ist, dass er diesen Sommer in den Ruhestand geht. Bis 2010 war Seibert Moderator im ZDF heute journal, anschließend Regierungssprecher unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
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