Frauenrechtlerin Masih Alinejad:"Das ist der Berliner-Mauer-Moment für die Iraner"
Für Masih Alinejad kann es mit dem Islamischen Regime keine Freiheit für iranische Frauen geben. Im Interview erklärt sie, warum Chameneis Tod ein Zeichen der Gerechtigkeit ist.
Iran hat die Tötung zweier hochrangiger Funktionäre bei einem israelischen Angriff, darunter Sicherheitschef Laridschani, bestätigt. US-Präsident Trump kritisierte die Nato wegen fehlender Unterstützung.
18.03.2026 | 2:48 minZDFheute: Ali Chamenei ist tot - der Mann, der Ihren Mord angeordnet hatte. Fühlen Sie sich jetzt sicherer?
Masih Alinejad: Es ist ein Zeichen der Gerechtigkeit - nicht nur für mich, sondern für all die Opfer, die unter seiner Anordnung ermordet und massakriert wurden. Ja, er hat meine Tötung verordnet, als ich die Hijab-Pflicht mit der Berliner Mauer verglichen und die Iraner aufgefordert habe, diese Mauer einzureißen.
Jetzt ist er tot. Und viele andere hochrangige Mitglieder der Revolutionsgarden. Aber wir werden uns erst sicher fühlen, wenn das gesamte Regime nicht mehr existiert.
Während die USA Druck auf den Iran ausüben, zeigen Berichte das brutale Vorgehen der Revolutionsgarden. Offiziell werden 3.000 Tote genannt, Menschenrechtler befürchten über 25.000.
30.01.2026 | 1:40 minZDFheute: Was erzählen Ihnen Familie und Aktivist*innen in Iran über die Situation vor Ort?
Alinejad: Iraner werden von gemischten Gefühlen überwältigt, von Schmerz und Hoffnung. Schmerz, weil das gesamte Land traumatisiert wird. Wir haben massive Ermordungen erlebt. Mehr als 32.000 Menschen wurden im Januar getötet.
Bei den Massenprotesten in Iran könnten nach Informationen des "Time-Magazin" allein an zwei Tagen bis zu 30.000 Menschen getötet worden sein. Das Magazin beruft sich auf zwei ranghohe Beamte des iranischen Gesundheitsministeriums.
Das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA meldete nach eigenen Angaben im Januar 5.495 bestätigte Todesopfer, unter ihnen 5.149 Protestierende. Zusätzlich prüft HRANA 17.031 weitere mutmaßliche Fälle. Zudem sollen 7.403 weitere Menschen schwer verletzt worden sein. Nach Angaben der Aktivist*innen haben Sicherheitskräfte 40.887 Menschen festgenommen. Das genaue Ausmaß der Gewalt sowie konkrete Todeszahlen seien nach wie vor unklar.
Das Islamische Regime nennt deutlich niedrigere Zahlen, nach offizieller Darstellung gab es 3.117 Tote.
Quelle: dpa
Und Iraner sind besorgt: Sie wollen nicht, dass unschuldige Zivilisten zum Ziel von Angriffen von Israel und der USA werden.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Und sie sind besorgt, weil sie nicht allein mit einem geschwächten Regime zurückgelassen werden wollen.
Aber gleichzeitig auch Hoffnung, weil die Anführer der Islamischen Republik verschwinden. Endlich sehen Iraner, dass die Vereinigten Staaten mit starken Maßnahmen gegen die Führung im Iran vorgehen. Mütter schicken mir Videos, in denen sie tanzen und feiern - weil diejenigen getötet wurden, die für die Massaker verantwortlich waren. Sie haben Hoffnung, dass sie bald ein Ende des Regimes erleben werden.
... ist eine iranisch-amerikanische Journalistin, Autorin und Aktivistin, die sich weltweit für die Rechte iranischer Frauen einsetzt. 1976 in Iran geboren, lebt sie heute in New York im Exil. Sie arbeitete als Parlamentsjournalistin in Teheran, wo sie durch ihre regierungskritischen Berichte zunehmend zur Zielscheibe der Behörden wurde. 2009 musste sie Iran schließlich verlassen.
International bekannt wurde Alinejad durch ihre Kampagne "My Stealthy Freedom", die sie 2014 ins Leben rief, um gegen die staatlich verordnete Verschleierungspflicht im Iran zu protestieren. Diese Kampagne machte Alinejad zu einer der prominentesten Kritikerinnen der Islamischen Republik Iran. Aufgrund ihrer internationalen Aufmerksamkeit und ihres Einflusses wurde sie 2023 vom "Time"-Magazin zu einer der Frauen des Jahres gewählt.
Aufgrund ihrer Bekanntheit und ihres Einflusses ist sie selbst zur Zielscheibe des iranischen Regimes geworden, das ihr wiederholt mit Verhaftungen und Mord gedroht haben soll. Im Jahr 2021 wurde sogar ein Entführungsplan gegen sie aufgedeckt. Ein Jahr später, im Juli 2022, wurde ein bewaffneter Mann vor ihrer Wohnung festgenommen. 2023 ist sie nur knapp einem weiteren Mordversuch entgangen, im Oktober 2025 sind zwei Männer wegen der Tat zu 25 Jahren Haft verurteilt worden.
ZDFheute: Wie hat sich die bereits schlimme Lage in Iran für Frauen seit dem Angriff verändert?
Alinejad: Frauen in Iran leiden seit vielen Jahren unter dem Regime der Islamischen Republik. Es behandelt Frauen wie Bürgerinnen zweiter Klasse, tötet sie wegen des Zeigens ihrer Haare oder steckt sie ins Gefängnis wegen "Frauen, Leben, Freiheit"-Ausrufen. Dort drohen ihnen Vergewaltigungen. Das ist ein Krieg, den die Islamische Republik gegen Frauen führt.
Unsere Körper wurden von diesem barbarischen Regime zu einem Schlachtfeld gemacht.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Musikerinnen und Filmemacher kämpfen gegen die strengen Sittenvorschriften in Iran. Und riskieren viel: Immer wieder greift das Regime durch.
11.09.2024 | 6:22 minZDFheute: Inwiefern könnte dieser Angriff von Israel und den USA den Iraner*innen tatsächlich Freiheit ermöglichen?
Alinejad: Keiner von uns Iranern hat um einen Krieg gebeten, wir wollten das nie. Das ist meine klare Botschaft: Nein zum Krieg.
Doch dieser Krieg wurde uns von der Islamischen Republik aufgezwungen.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Warum? Weil sie viele Chancen hatte, Verhandlungen mit den USA lagen mehrfach auf dem Tisch. Aber sie hat sich geweigert, ihre nuklearen Aktivitäten zu stoppen.
Wir wollen nicht erleben, dass Ali Chamenei einfach durch einen anderen Chamenei ersetzt wird.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Wir wollen ein Ende der Islamischen Republik sehen. Und das können wir nicht allein schaffen, mit bloßen Händen und unbewaffnet. Das ist der "Berliner-Mauer-Moment" für die Iraner.
Die US-Armee ist womöglich verantwortlich für den Angriff auf eine Mädchenschule in Iran. Es soll mehr als 160 Tote geben.
12.03.2026 | 0:20 minZDFheute: Laut Rechtsexpert*innen war der Angriff von Israel und den USA auf Iran völkerrechtswidrig. Was bedeutet das internationale Recht Ihrer Meinung nach noch?
Alinejad: Internationales Recht ist wichtig. Deshalb möchte ich alle Politiker fragen, die jetzt darüber sprechen:
Wo waren sie, als ein Massaker in meinem geliebten Land Iran geschah? Als mehr als 32.000 Personen ermordet wurden?
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Ja, wir müssen internationales Recht respektieren. Aber ich habe nie erlebt, dass gegen die vorgegangen wird, die in meinem Land Frauen vergewaltigen.
Das Völkerrecht ist wichtig, doch Doppelmoral und Heuchelei brechen Millionen von Iranern das Herz.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Wir haben Verurteilungen von Staatschefs gesehen - doch Verurteilungen retten keine Leben. Das Völkerrecht zum Schutz unbewaffneter Menschen rettet Leben.
Nach dem Völkerrecht hätten Israel und die USA Iran nicht angreifen dürfen, sagt Rechtswissenschaftler Prof. Dominik Steiger. Es sei ein Verstoß gegen das Gewaltverbot.
01.03.2026 | 4:57 minZDFheute: Was wünschen Sie sich von Europa?
Alinejad: Es bricht mir das Herz, dass so viele Abgeordnete des Europäischen Parlaments, viele weibliche Politikerinnen schweigen. Sie verurteilen die Massaker nicht, sie verurteilen nicht, dass Frauen Gruppenvergewaltigungen angetan werden.
Man kann diesen Krieg nicht verurteilen, ohne auch die Islamische Republik zu verurteilen.
Masih Alinejad, iranische Frauenrechtlerin und Aktivistin
Jetzt ist der Moment, in dem ich alle globalen Feministinnen aufrufe, sich mit dem iranischen Volk zu solidarisieren und ein Ende der Islamischen Republik zu fordern. So schützt man die globale Sicherheit. So steht man an der Seite der Opfer.
Ich möchte der deutschen Regierung danken: Ich sehe, dass sich die Haltung der Bundesregierung verändert hat, dass der Bundeskanzler das Ende der Islamischen Republik bekräftigt. Das stärkt Iraner und gibt ihnen Hoffnung.
Das Interview führten Annika Block und Ninve Ermagan.
Mehr zu iranischen Aktivistinnen
Bei Trauerfeier:Friedensnobelpreisträgerin Mohammadi im Iran festgenommen
mit Video0:32Sexuelle Gewalt im Iran:Irans vorsichtige MeToo-Bewegung: Der Fall Dschamschidi
mit Video6:22